Respekt!
Habemus papam


Donnerstag, 14. März 2013. Der Mensch, liebe Brüder und Schwestern, ist das Ebenbild Gottes. Dennoch hat er, das ist die verflixte Dialektik an der Geschichte, so seine Fehler. Das liegt letztlich, ob Ihr es nun glaubt oder nicht, an der Erbsünde. Kein Mensch ohne Erbsünde, was umgekehrt auch bedeutet: hast Du nicht die Sünde in Dir, bist Du gar kein Mensch. Es muss vor meiner Zeit gewesen sein, dass mein Opa die Erleuchtung gekommen ist. Deswegen habe ich nicht die Spur einer Ahnung, wie sich dieses Wunder ereignen konnte: Die Welt war und ist voller Mysterien; jedenfalls pflegte Opa zu sagen: „Jeder Mensch hat Fehler, sogar ich!“ Eine Weisheit, die in meiner Familie oft und gern und mit enormer Heiterkeit zitiert wurde. Nun, das ist alles Ewigkeiten her. Opa präsentierte diese Erkenntnis der Fehlerhaftigkeit des Menschen auch eher so als eine Mischung aus Erfahrungswissen und Hörensagen. Eine Theorie zur Absicherung seiner rein empirisch gestützten Annahme präsentierte er nicht. Opa war nicht so ein Theoretiker, und er mochte sie auch nicht so sehr. Weder die Menschen mit ihren Fehlern noch die Theoretiker. Und mit dem Wort von der Erbsünde ist er schon gar nicht gekommen, und ihm hätte man erst recht nicht damit kommen dürfen. Nicht etwa, weil Opa im Kern etwas Anderes geglaubt hätte. Wahrscheinlich hätte er sich, wenn man den religiösen Begriff und den ganzen theologischen Bezug weggelassen hätte, vollinhaltlich dieser Position angeschlossen. Aber so...


Opa war auf die Schwarzkittel, wie er die Geistlichen zu bezeichnen pflegte, einfach nicht gut zu sprechen. „Ich habe nichts gegen den lieben Gott“, sagte er immer – ich nehme an, auch Ihnen ist dieser Spruch geläufig: „aber sein Bodenpersonal passt mir nicht.“ Opa ist jetzt 40 Jahre nicht mehr unter uns, und ich kann Ihnen partout nicht sagen, wo er abgeblieben ist. Die Vorstellung, er sei in den Himmel gekommen, hat schon etwas Abenteuerliches an sich. Andererseits: ewige Verdammnis in der Hölle – das wiederum wäre m.E. eindeutig eine Nummer zu hart. Wie auch immer: der Herr wird sich schon etwas Passendes überlegt haben. Ich habe da Gottvertrauen – nicht im Sinne von Blauäugigkeit, sondern im Glauben an eine letzte Instanz von Gerechtigkeit. Andererseits: dieser schlichte, von Opa gern zitierte Spruch, der stimmt doch. Was der für ein Bodenpersonal hat, der allmächtige Herr! Meine Fresse! Schon klar: jeder Mensch hat Fehler, und die Diener Gottes sind auch nur Menschen. Aber man kann es auch übertreiben. Erbsünde? Da haben einige von denen aber ganz schön fette Erbschaften angetreten. Junge, Junge! Ja sicher, es gibt Ausnahmen. Nur keine Pauschalurteile. Es gibt Pfarrer, die reiben sich für den Dienst an Gott und für die Menschen richtiggehend auf. Die machen viele Sachen, die sich eigentlich gar nicht machen müssten. Einfach so, und obwohl sie selbst gar nichts davon haben. Richtige Ebenbilder Gottes. Liebe, Güte und Barmherzigkeit. Aber die meisten...


Nun, ich will nichts sagen; schließlich habe ich auch meine Fehler. Ich auch, auch ich, sogar ich – tut sich alles nicht viel. Splitter im Auge des Nächsten, und dann der Balken im eigenen Auge. Zeigst Du mit dem Zeigefinger auf jemanden, sind drei Finger auf Dich selbst gerichtet. Lassen wir das also! Außerdem möchte ich Sie nicht mit meinen Fehlern langweilen. Das ist hier ja kein Beichtstuhl, sondern ein Aufsatz... - und der würde zu lang, gäbe ich hier einen halbwegs vollständigen Überblick über meine Sündhaftigkeit. Eine Sache möchte ich hier aber doch mal loswerden. Nun gut, los werde ich sie nicht mehr, beichten möchte ich sie aber dennoch. Es ist gewissermaßen auch so eine Erbsünde. Geerbt habe ich sie allerdings nicht aus dem Garten Eden, sondern von meinem Opa. Familiär bedingt, wenn Sie so wollen. Ich kann also nichts dafür. Also los, raus damit: ich kann es einfach auf den Tod nicht ausstehen, wenn ich bei der Tagesschau gestört werde. Wenn bei den Nachrichten dazwischen gequatscht wird. Echt, das habe ich von meinem Opa. Der konnte da richtig fuchtig werden. So, und das habe ich von ihm geerbt. Jetzt passen Sie auf! Gestern Abend um sieben schalte ich die heute-Sendung ein – für die gilt freilich dasselbe wie für die Tagesschau. Und nach fünf Minuten ist da urplötzlich Ende im Gelände. Schicht im Schacht. Ein Hin- und Hergequatsche, die Bilder switchen ebenfalls herum, als wären sie auf Ecstasy. Waren sie aber nicht. Nach einigen, langen Sekunden war klar: weißer Rauch steigt auf.


Wie gesagt, da könnte ich echt fuchsteufelswild werden. Wenn ich die Nachrichten gucken will – und es ist ja nicht so, dass gestern nichts von Bedeutung passiert wäre, dann will ich die Nachrichten gucken. Und zwar bis zum Ende! Dann möchte ich nicht, dass nach fünf Minuten sich irgendjemand meine Fernbedienung schnappt und, ohne mich zu fragen, auf irgendeinen Scheiß umschaltet. Genau so kam es mir aber gestern am frühen Abend vor. Weißer Rauch steigt auf – schon klar: einer der Herren Kardinäle hat die Zweidrittelmehrheit bekommen und ist ab sofort Papst. Meinetwegen, das ist auch eine Nachricht. Natürlich. Ich bin da überhaupt ziemlich liberal. Wer? Weiß man noch nicht. Okay, dafür kann wiederum das ZDF nichts. Also was tun? Abwarten, bis der Vatikan so gnädig ist mitzuteilen, wer der Glückliche bzw. der Unglückliche ist, und bis dahin: Weitermachen mit der vorbereiteten Nachrichtensendung? Das geht natürlich überhaupt nicht, zumal der Vatikan ein schönes Alternativprogramm vorbereitet hatte. Wer das nicht sendet, kommt nicht in den Himmel, nehme ich an. Es folgte so eine Art „Mainz, wie es singt und lacht“ - inszeniert als Winter-Open-Air. Erst marschierte so eine Straßenkarnevalskapelle mit lustigen Blechhüten auf dem Kopf mit Rumtata auf den Petersplatz, gefolgt von der nächsten. Diese Herren (nur Herren, logisch!) hatten jedoch – tja, ich weiß auch nicht – so merkwürdige Wollmützen aufgesetzt. Schließlich wird die italienische Nationalhymne intoniert.


Italia, Italia“ - wunderbar. Um 20 Uhr schalte ich auf die ARD um, Tagesschau. Ich habe mir keine Illusionen gemacht. Es war klar: Nachrichten konnte ich abhaken. Weißer Rauch ist aufgestiegen; es folgt eine halbe Stunde lang belangloses Geschwätz, das das Nichtwissen überdecken soll. Dann endlich ist es so weit, ein Herr im roten Kleid verkündet: „Habemus papam!“ Großer Jubel auf dem Petersplatz. And the winner is: Jorge Mario Bergoglio. Schweigen im Walde. Den kannten nun die Hunderttausende von Gläubigen genauso wenig wie ich. Ein Argentinier – natürlich schade für die vielen Italiener, die frierend darauf gewartet haben, dass einer der ihren den Stuhl Petri besteigen werde. Die Pressemitteilung der italienischen Bischofskonferenz mit der Gratulation für Signore Schola war schon draußen, und jetzt das! Und die Nicht-Italiener haben diesem oder jenem die Daumen gedrückt, aber doch nicht diesem Argentinier, den niemand kennt. Egal, Gott ist groß, und der Neue wird sich ab sofort Francesco nennen. Also setzen, nachdem man den ersten Schrecken verdaut hat, frenetische Sprechchöre ein: „Francesco, Francesco...“  Schwer nachzuempfinden, nun: ich bin kein Katholik. Wohlweislich nicht. Aber ich bin ein Christ, weshalb ich auch keine Belehrungen brauche, dass ich andere Menschen mit ihrem anderen Glauben zu respektieren habe. Selbstverständlich habe ich Respekt, und was für einen Respekt. Hunderttausende, die einem Menschen ergeben zujubeln, nur weil ihnen verkündet wurde, dass er ihr Führer ist.


Erzbischof Jorge Mario Bergoglio (2008)

Foto: Aibdescalzo via Wikipedia


Und ob ich da Respekt habe! Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, welch großen Respekt ich davor habe. Señor Bergoglio steht auf dem Balkon, d.h. Signore Bergoglio steht auf der Bühne und nimmt zunächst einmal eine ganze Weile die Francesco-Francesco-Sprechchöre entgegen. Dann sagt er ganz bescheiden: „buonasera“. Italienisch – och, der ist aber sympathisch! Unser Michael Braun – der hatte in Duisburg studiert, promoviert und an der Uni gearbeitet, seit einiger Zeit ist er der Italien-Korrespondenz der ebenso linkslastigentaz – schreibt: „Kein Prunk und Protz: Der neue Papst, Franziskus I., wirkt wie ein Landpfarrer. Schlicht gekleidet, kleine Wohnung und er nimmt den Bus.“ Katharina Kort schreibt im nicht ganz so linkslastigen Handelsblatt von einer „mutigen Wahl“: „Der Heilige Franziskus (von Assisi) war ein Revolutionär. Eine Revolution braucht der Vatikan auch heute.“ Wenn das Handelsblatt ganz sehnsüchtig einer Revolution entgegenfiebert,... - … sollte man dies nicht überbewerten. Allein schon deshalb nicht, weil alle Medien dem neuen Papst huldigen werden. Sie haben längst damit begonnen. Der „Bischof der Armen“ sei ein „gemäßigter Reformer“ und so weiter und so fort. Wer aber, liebe Brüder und Schwestern, ist dieser Franziskus? Warum, so frage ich Euch, machen die Journalisten nicht einfach das, was sie sonst auch immer tun?


Nämlich einfach mal bei Wikipedia nachsehen. Ernsthafte Frage: warum tun sie es nicht?! Oder besser: wenn sie es tun, warum erzählen sie es dann nicht weiter? Steht doch dort geschrieben, dass Erzbischof Bergoglio noch im Jahre 2010 in Argentinien einen erbitterten Kampf gegen die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe geführt hatte. Nun gut, das war sein Job; doch der Ton, der Präsidentin Kirchner an „Mittelalter und die Inquisition“ erinnerte, lässt aufhorchen. Dieser„echte und bittere anthropologische Rückfall“, so sprach der „gemäßigte Reformer“, sei „eine Intrige vom Vater der Lügen“. „Lasst uns nicht naiv sein, wir reden nicht von einem einfachen politischen Schlagabtausch; es ist eine destruktive Anmaßung gegen den Plan Gottes.“ Nun gut: andere Länder – andere Sitten. Viele Latinos dürften es gern hören, dass Homosexuelle Gesandte des Teufels sind. Und hierzulande sind nicht wenige, die sich zu Recht über das Gebrabbel einer Katharina Reiche aufregen, nur allzu gern bereit, darauf zu verzichten, Herrn Bergoglio zu fragen, was denn seines Erachtens mit diesen anthropologisch Rückfälligen zu geschehen habe.  In Argentinien tobte von 1976 bis 1983 eine Militärdiktatur, die eigenen Erklärungen zufolge einen schmutzigen Krieg gegen Oppositionelle geführt hatte. Die Diktatoren ließen bis zu 30.000 als „subversiv“ eingestufte echte oder vermeintliche Regimegegner heimlich entführen, foltern und ermorden, die als Desaparecidos (spanisch ‚Die Verschwundenen‘) bekannt geworden sind.


Weil Bergoglios Rolle in dem damaligen Mörderregime so bemerkenswert ist und ich nicht der Gotteslästerei bezichtigt werden möchte, zitiere ich an dieser Stelle wörtlich und ungekürzt, was Wikipedia – jedenfalls zur Zeit noch – darüber zu berichten weiß:

Der Menschenrechtsanwalt Marcelo Perrilli warf Bergoglio 2005 vor, in das gewaltsame „Verschwindenlassen“ der Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio im Jahr 1976 verwickelt gewesen zu sein. Perrilli erstattete deshalb Anzeige gegen Bergoglio bei einem Gericht in Buenos Aires. Ein Sprecher des Kardinals bezeichnete die Anzeige als Verleumdung. Nachdem sie wieder freigekommen waren, sagten Jalics und Yorio gegenüber dem Generaloberen des Jesuitenordens Pedro Arrupe in Rom aus, sie seien von Bergoglio denunziert worden. Noch während die beiden Priester verschwunden waren, hatte Bergoglio Arrupe brieflich mitgeteilt, Jalics und Yorio seien aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen worden. Bergoglio selbst erklärte dazu, er habe wenige Tage vor dem Staatsstreich 1976 die beiden Patres vor bevorstehender Gefahr gewarnt. Er habe ihnen angeboten, im Jesuitenhaus Schutz zu suchen. Die beiden Priester, die in Elendsvierteln in Buenos Aires wirkten, sollen nach seinen Angaben dieses Angebot abgelehnt haben. Während der Militärdiktatur kam es zu weiteren Entführungen und Misshandlungen von Seminaristen, Mitarbeitern des Colegio Máximo San José und politischen Aktivisten in San Miguel, einige davon unter Beteiligung des Jesuitenpaters Martín González. Betroffene und Zeitzeugen sind der Ansicht, dies hätte nicht ohne das Wissen Bergoglios geschehen können, der während seiner Amtszeit als Ordensprovinzial seinen Sitz im Colegio Máximo hatte.

2010 erklärte der ehemalige Jesuit Miguel Ignacio Mom Debussy, der Bergoglio als Chauffeur gedient hatte, dieser habe sich während der Diktatur mehrfach mit dem Juntamitglied Emilio Massera getroffen. Bergoglio habe gesagt, es sei ihm bei den Treffen darum gegangen, den Jesuitenorden und seine Novizen zu schützen. Bergoglio habe „nicht ablehnend“ über Masseras politische Pläne gesprochen.


So weit Wikipedia. Gott segne Sie! Und denken Sie bitte daran: Wenn Sie mit dem Finger auf jemand Anderen zeigen, zeigen drei Finger auf Sie zurück. Suchen Sie nicht nach dem Splitter im Auge des Anderen, sondern kümmern Sie sich um den Balken in Ihrem eigenen Auge. Auch Sie sind nicht frei von Schuld! Es mag ja sein, dass Sie noch niemals jemanden haben verschwinden lassen. Aber seien Sie mal ganz ehrlich! Haben Sie sich denn noch nie so etwas gewünscht?! Aha! Sehen Sie: das ist aber, wie unser Herr Jesus am Beispiel des Ehebruchs verdeutlicht hatte, nicht weniger schlimm: "Ich aber sage Euch, dass jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat in seinem Herzen“(Matthäus 5,27). Und was die Ehebrecherin betrifft, wissen Sie ja Bescheid: „Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ Also, liebe Brüder und Schwestern! Haltet mal ganz schön den Ball flach! Das war eine ganz schön schwere Zeit – damals in Argentinien mit dieser Militärdiktatur. Wer nicht selbst dabei war, kann sich sowieso kein Urteil erlauben. Wir kennen das ja von Zuhause. Außerdem: wäre es Ihnen etwa lieber gewesen, Argentinien wäre damals in die Hände der Kommunisten gefallen?! Na, sehen Sie. Gut, der „Prozess der Nationalen Reorganisation“ brachte für die Armen einige soziale Härten mit sich. Dafür hatte Argentinien aber – für das Soziale – den Bischof der Armen, den guten Jorge Mario Bergoglio. Schön gepredigt hatte er, und selbst ganz schlicht gelebt. Unser Franziskus, der Erste. Gott segne ihn!

Werner Jurga, 14.03.2013






Seitenanfang