Dr. Evil legt Feuer
Nordkorea will Krieg


Sonntag, 10. März 2013. „Hoffentlich behalten alle die Nerven“, wünschte sich Hanns W. Maull
gestern in einem Artikel für Zeit Online. Maull ist ausgewiesener Experte für die Politik Koreas. Wenn selbst er einen Beitrag für ein breiteres Publikum mit dieser fast flehentlichen Hoffnung überschreibt (und beendet), darf die Situation auf der koreanischen Halbinsel als besorgniserregend bezeichnet werden. Wer nach Roma-Einwanderung, Rockerkrieg und Lebensmittelskandalen immer noch ein freies Plätzchen in seinem Angsthaushalt frei haben sollte, möge sich vor Augen halten, dass in der nächsten Woche sowohl Nordkorea als auch Südkorea - gemeinsam mit den USA – Militärmanöver durchführen werden. „Hoffentlich behalten alle die Nerven“...


Man ist dabei abzustumpfen. Irgend so ein martialisches Kriegsgeschrei aus Pjöngjang gehört ja zum weltpolitischen Hintergrundrauschen wie Ahmadinedschads Ankündigungen, Israel von der Landkarte zu wischen, oder wie die Selbstmordattentate in Bagdad oder oder... - Man hört schon gar nicht mehr so genau hin. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass die Mannen um Kim Jong Un Sprüche in die Welt setzen, die schon aufgrund ihrer Lächerlichkeit unsere Aufmerksamkeit erregen. Wenn die uns inzwischen recht gut bekannte nordkoreanische Nachrichtensprecherin mit bitterböser Stimme und in unangemessener Lautstärke die Drohung ins Mikrofon keift, Washington "in ein Meer von Flammen" zu verwandeln, fragt man sich freilich, ob wirklich die Nachrichten eingeschaltet sind oder ob irrtümlich gerade eine Austin-Powers-DVD läuft.


Dr. Evil, der Gegenspieler von Austin Powers


Man sieht dieses pummelige Riesenbaby namens Kim Jong Un, blöde aus der Wäsche guckend wie der jüngst verstorbene Superrevolutionär aus Caracas, also wie immer. Diesmal aber beim Versuch, eine diabolische Ausstrahlung zu entfalten wieDr. Evil. So sehr er sich müht, es gelingt ihm nicht, obgleich die Dynastie, der er nun qua Erbfolge als Diktator vorzustehen hat, wahrlich ein Schreckensregime ohnegleichen ist. Ein Staat, der seine Gegner wegsperrt, foltert und mordet – nun gut, da ist er nicht der einzige. Der aber auch sein Volk hungern und mitunter auch verhungern lässt, während er sein Militär mit einer Million-Mann-Armee und mit einem ambitionierten Atomprogramm hätschelt. Und dennoch: von der Möglichkeit, Washington "in ein Meer von Flammen" zu verwandeln, sind die Steinzeitherrscher von Pjöngjang deutlich entfernt.


Wie aber ist es zu erklären, dass ein Regime, dem gemeinhin immerhin Rationalität unterstellt wird, mit Erklärungen auf sich aufmerksam macht, die einfach nur lächerlich sind? Maull hält es für möglich, dass Nordkoreas Führung sich „in den Strängen ihrer eigenen Propaganda verhedderte“ und „die eigene Stärke überschätzt“. Dagegen spricht Sven Hansen in der taz von einem „kalkulierten Spiel mit dem Feuer“. Allerdings: „Dass es aber dennoch außer Kontrolle geraten könnte, macht die jetzt vergrößerte Gefahr aus.“ Denn „Pjöngjangs Dilemma ist, dass es sich unglaubwürdig macht, je mehr es droht, ohne dass etwas folgt. Um auch künftig ernst genommen zu werden, muss Nordkorea also auf die ein oder andere Art handeln.“ Also werden weitere militärische Nadelstiche folgen. Vielleicht weitere Tests von Mittelstreckenraketen, wer weiß...


Welt Online präsentiert unterdessen „eine interessante Theorie“ eines nicht näher bezeichneten „Amerikaners“: „Nordkorea, sagt er, könnte die USA mit einem elektromagnetischen Impuls gefährden. Ein solcher Gammastrahlen-Impuls wird durch eine Atomexplosion in großer Höhe verursacht und würde, über Amerika gezündet, sämtliche US-Computer lahmlegen.“ Allein die Schlagzeile dieser irrwitzigen Geschichte nährt den Verdacht, dass es sich hierbei eher um aggressives Marketing für die „Welt am Sonntag“, die ja an den Kiosken und Tankstellen vertickt werden muss handelt, als um einen seriösen Diskussionsbeitrag: "Gammastrahlen-Impuls - Plant Kim Angriff auf USA aus kosmischem Hinterhalt?" Die Springerpresse als Gehilfe von Nordkoreas Bullemann-Strategie?


Wie dem auch sei: „Die wachsende Spannung in Nordostasien ist besorgniserregend“, wie der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, gegenüber Handelsblatt Online erklärt. Und „das Regime in Nordkorea trägt gegenwärtig dafür die Verantwortung“. Und nicht erst „gegenwärtig“. Schon seit Jahrzehnten setzt Pjöngjang in seinem Überlebenskampf auf die Strategie der militärischen Provokation und der nuklearen Erpressung. Im März 2010 versenkte Nordkorea ein südkoreanisches Marineschiff und tötete dabei knapp fünfzig Soldaten. Im November waren dann auch Zivilisten an der Reihe, als die bewohnte Insel Yonpyong mit Granaten beschossen wurde. „So kann es nicht mehr weitergehen!“ kommentierte ich seinerzeit im Vorwärts Blog.


Die Gefahr“, schrieb ich vor knapp anderthalb Jahren, sei „nicht von der Hand zu weisen, dass die jetzige oder aber die nächste militärische Konfrontation außer Kontrolle geraten könnte. So jedenfalls kann dieses `Spiel´ nicht mehr weitergehen. China ist gefordert, dies den Herren in Pjöngjang unmissverständlich klar zu machen.“ Dies gilt heute mehr denn je. Zweifellos hat sich China mittlerweile in diese Richtung bewegt. Der Verdacht drängt sich auf, dass Nordkoreas nunmehr völlig aus dem Rahmen fallendes Verhalten vor allem das Ziel verfolgt, China wieder unmissverständlich an sich zu binden. Dann aber wird es Kim Yong Un nicht bei „Säbelrasseln“ belassen können, dann aber ist es mit einem „Spiel mit dem Feuer“ nicht getan. Auch ohne die Antwort auf die Frage, ob die Herren in Pjöngjang rational handeln oder nicht, lässt sich prognostizieren, dass sie einen Brand großen Ausmaßes legen werden.

Werner Jurga, 10.03.2013




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