Noch mehr Angst:
Die „Lebensmittelskandale“

Montag, 4. März 2013. Die Angst geht um. Und zwar nicht nur in Rheinhausen und Duisburg, sondern irgendwie überall. Mindestens mal überall in Deutschland. Sie geht um, die Angst. Und zwar nicht nur die Angst vor Rockern und Roma, sondern die Angst vor dem, wovon die meisten Menschen leben: vom Essen. Ließe sich auf Rocker oder Roma gegebenenfalls auch verzichten, scheidet diese Option beim Essen im Grunde genommen aus. Ja sicher, man könnte weniger essen. Ein flüchtiger Blick auf die ängstlichen Mitmenschen nährt den Verdacht, dass dies nicht der schlechteste Tipp sein muss. Oder, präziser, also noch besser: weniger Fleisch essen! Zur Stunde der echte Geheimtipp. Sowas von geheim, dass die WAZ ihn heute als Aufmacher für ihre Gesamtausgabe gewählt hat: „Ernährungs-Experten fordern fleischfreie Tage“. Aha! Ein Expertentipp also. Das Beste wäre, Sie fangen gleich damit an. Als Startmenü ein  Tag in der Woche ohne Fleisch. Wie wär´s mit dem Donnerstag? Die WAZ schlägt vor: „Donnerstag soll fleischfrei werden“. Versuchen Sie es einfach mal! Sie werden sehen, wie sich Ihre Angst schlagartig... - na ja, nicht „legt“, aber doch ein klein wenig zugunsten des Stolzes auf sich selbst verkrümmelt.


Nun ist das mit der Angst ja so eine Sache. Angenommen, Sie wären so ein Supermacho, Typus Rocker aus so einem Mopedverein. Dann sagen Sie natürlich: „Ich habe vor nichts und niemandem Angst! Wer will, kann kommen.“ Wenn Sie Pech haben, kommt er dann tatsächlich – sagen wir mal: der Löwe. Und frisst Sie auf. Dann gucken Sie aber blöd! Weil Sie übersehen haben, dass es sich bei der Angst um einen lebensnotwendigen Schutzreflex handelt. Will sagen: so ein völlig angstfreies Leben ist zwar ein schöner Traum, aber irgendwie nicht ganz ungewöhnlich. Jedenfalls solange Löwen durch die Gegend laufen oder ähnliches Getier. Und dies wiederum will sagen: so vor nichts und niemandem Angst zu haben, ist nicht der Expertentipp. Angst muss sein; sie warnt nämlich vor einer Bedrohung. Oder mehrere. Wenn Sie dagegen stets und ständig Angst haben, und zu allem Überfluss auch noch vor allem Möglichen, ist das irgendwie auch nicht gut. Auf die Dauer gestaltet sich das Leben dann nämlich über Gebühr unruhig. Sie werden als deutsch diagnostiziert, in ernsteren Fällen als neurotisch, und wenn es Sie ganz schlimm erwischt hat, gar als paranoid. Die Grenzen sind fließend. Egal, Ihnen kann freilich egal sein, was die Leute so reden.


Wirklich schlecht daran, vor allem und jedem Angst zu haben, ist etwas ganz Anderes. Der lebensnotwendige Schutzreflex stumpft ab, wenn er ständig auch dann aktiviert wird, wenn überhaupt keine Bedrohung vorliegt. Wer bei jedem Lamm vor Panik zusammenbricht, wird, wenn wirklich mal der Löwe kommt, nicht mehr schnell genug auf den Baum kommen. Auf der zweiten Seite präsentiert die WAZ eine „Chronik der Skandale“. Der Lebensmittelskandale, versteht sich. „Seit Jahren wird der Verbraucher durch schlechte Lebensmittel verunsichert.“ Seit zwanzig Jahren, um genau zu sein – jedenfalls wenn man sich die WAZ-Chronik mit den „größten Skandale im Überblick“ ansieht. Ja, ich weiß: vor dreißig Jahren waren die Autos schon herumgefahren mit dem Aufkleber „Gift im Essen – Nein Danke!“ Und die WAZ hat schon Recht: all die aufgeführten „Skandale“ haben „die Verbraucher“ - ja, sind wir denn nicht alle Verbraucher?! - tatsächlich „verunsichert“. Nur eben nicht geschädigt, wie man geneigt sein sollte anzunehmen. Egal, die Panik war da. Die „Hormon-Schweine“ und die Schweinepest versperrten den neben dem Vegatarismus einzig möglichen Fluchtweg. Doch im Vergleich zu dem, was heute über die Nation hereinprasselt, war dies nicht mehr als ein laues Lüftchen.

EColiCRIS051 (via Wikipedia)


Sie fielen Schlag auf Schlag über dieses gebeutelte Land her: drei Lebensmittelskandale erschüttern zur Zeit das Verbrauchervertrauen so heftig, dass sich die Frage stellt: „Was können wir überhaupt noch essen?“ Helle Aufregung: jeder einzelne dieser drei „Skandale“ hat es zum Aufmacher in den Zeitungen und auf den Spitzenplatz der Tagesschau gebracht. Der Pferdefleischskandal: gut, Pferdefleisch kann man essen. Das haben wir jetzt gelernt. Aber wer weiß: vielleicht waren ja auch Wettkampfpferde unter denjenigen, die den Weg in die Tiefkühllasagne gefunden hatten. Und wer weiß: vielleicht wurden die mit leistungssteigernden Präparaten aufgebaut? Man weiß es nicht; aber wenn dies so gewesen sein sollte, hätte man ja auch gleich ein Schnitzel von diesen Hormon-Schweinen verzehren können. Dann der Bio-Eier-Skandal: da zahlt man extra ein paar Cent mehr, damit es die armen Hühner besser haben, und dann kriegt man doch das gleiche Zeug angedreht wie die verfressene Unterschicht. Und das Schlimmste daran: man hat es nicht einmal gemerkt. Schließlich der Futtermittelskandal, immerhin der einzige der drei Skandale, der Züge eines „Lebensmittelskandals“ erahnen lässt. Schimmelpilz – das hört sich wirklich nicht gesund an.


In den Medien wurde damit gestartet, dass nun echt sämtliche Fleischsorten (Rind, Schwein, Huhn) betroffen seien, und auch die Milch, Milchprodukte usw. usf. Da blieb nur noch die Wahl: sich vergiften, verhungern oder – Schreck, lass nach! - zum Veganer werden! Einen Tag später war das Fleisch aus der Berichterstattung verschwunden, doch es blieb: die Milch. Auch schade! Man erfuhr, dass in einem Fall die Behörden sogar anordnen mussten, Milch mit einer Belastung, die über dem Grenzwert gelegen hat, mit unbelasteter Milch zu verdünnen, bevor sie für den Handel freigegeben werden konnte. Mittlerweile hat das Interesse der Öffentlichkeit am sog. „Futtermittelskandal“ spürbar nachgelassen. Was hängen bleibt: drei Lebensmittelskandale in kürzester Zeit, Genaueres weiß man nicht, und darauf Reagieren geht sowieso nicht. Was bleibt, ist der fleischfreie Donnerstag und die Hoffnung auf ein Quäntchen Glück in diesen unseligen Zeiten der Angst. Thomas Wolfe lässt in seinem Roman „Es führt kein Weg zurück“ seinen Erzähler George Webber sagen, „dass diese ganze Nation von der Seuche einer ständigen Furcht infiziert war: gleichsam von einer schleichenden Paralyse, die alle menschlichen Beziehungen verzerrte und zugrunde richtete.“


Tja, die Deutschen! So sind sie nun einmal, immer einen Tacken zu ängstlich. Dabei: es ist ja nicht so, dass nicht wirklich Bedrohliches im Essen drinstecken könnte. Wie gesagt: so ab und an kommt wirklich mal ein Löwe vorbei und frisst einen auf. Ab und an sind auch tatsächlich vergiftete Lebensmittel im Umlauf, deren Verzehr schlimmste Gesundheitsschäden oder gar den Tod zur Folge haben. So etwas ist – stellen Sie sich vor! - kürzlich sogar wirklich passiert. Kurioserweise ist davon jedoch nichts in der 20-Jahres-Chronik der WAZ zu lesen, und auch sonst nirgendwo. Haben Sie daran gedacht? Im Frühjahr 2011, also vor zwei Jahren, brach in Norddeutschland eine Epidemie mit dem Darmbakterium EHEC aus. Knapp 3000 Menschen erkrankten, 855 Menschen an der schweren HUS-Variante. Einige davon lebensgefährlich, viele werden bleibende Schäden zurückbehalten, 53 Menschen starben an der Infektion. Überträger des Keims waren „mit großer Wahrscheinlichkeit ökologische Bockshornkleesamen, die aus Ägypten nach Deutschland importiert wurden“ (Wikipedia). Sprossengemüse – nun das passt nicht in das zur Zeit nachgefragte Panikschema. Da hilft kein fleischfreier Donnerstag, auch kein Komplettumstieg auf Vegetarismus.

Werner Jurga, 04.03.2013





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