Samstags in Duisburg, Teil 16 

Rocker, Roma und die Angst - dieses Gefühl der Bedrohung


Samstag, 2. März 2013. Hunderttausende sitzen zu Hause und haben Angst. Wenn nicht sogar Millionen. Nicht so in meinem ganz idyllischen Rheinhausen; da wohnen nämlich gar keine Millionen. Nicht einmal Hunderttausend, logisch: sonst wäre es ja nicht so idyllisch. In Rheinhausen wohnen nicht einmal 80.000 Menschen. Das sind nicht viele. Doch von den wenigen wiederum haben viele Angst. Richtig Angst; das steht jetzt sogar auch in der Zeitung. Wobei: die Überschrift ist schon ziemlich irreführend: „Duisburger in Angst“. Um es klipp und klar zu sagen: die Rede ist von Rheinhausern! Von mir aus sind Rheinhauser auch Duisburger, und meinetwegen dürfen auch Duisburger Angst haben; aber jetzt ist einmal die Rede von uns! Richtig müsste es also heißen: „Rheinhauser in Angst“.


Und wovor haben die Rheinhauser Angst? Nun, wenn Sie die Zeitung läsen, wüssten Sie es. Vor den Rockern, die neulich hier ihr Domizil aufgeschlagen hatten. Und natürlich vor der Polizei, die in diesem Zusammenhang hier anrückt. Quantitativ wie qualitativ ein wenig verstärkt, so dass die Beamten fast ein wenig aussehen wie die Rocker. Und dass dem unbescholtenen Bürger kaum eine andere Wahl bleibt, als Angst zu haben. Vor den Rockern und der Polizei. Richtig: nicht „oder“, sondern „und“. Weshalb die Zeitungsüberschrift in voller Länge auch lautet „Duisburger in Angst vor Rockern und bewaffneter Polizei“. Wie gesagt: im Artikel geht es dann nur um Rheinhauser. Aber nochmal: die anderen Duisburger können und dürfen meinetwegen auch Angst haben, und die haben sie auch. Schließlich haben die ja auch ihre Rocker. Und natürlich auch ihre Polizei.


Und ihre Roma. Sie wissen schon: „Zigeuner“ darf man ja nicht mehr sagen. Am besten, Sie bezeichnen die als „Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien“, da kann Ihnen niemand etwas. Also, keine Angst! Vor denen dürfen Sie selbstverständlich auch Angst haben. Logisch. Sie haben schließlich ein Recht darauf, Angst zu haben. Sagen wir mal: Sie fühlen sich bedroht. Etwa von den Roma. Ja wie, die haben noch niemandem etwas getan?! Aggressives Betteln. Nein, nicht in Rheinhausen; aber die machen so etwas, die Zigeuner. Aha! Und der Müll... - doch, doch, die machen Müll. Und Lärm bis in die Nacht: das ist Körperverletzung. Ist das vielleicht nichts?! Spielt ja auch alles keine Rolle. Sie fühlen sich bedroht; das muss reichen! Oder diese Rocker. Die schießen sogar. Nicht auf uns, das weiß ich auch. Aber was ist, wenn so ein Rocker einmal daneben schießt und Sie trifft?!


Lassen Sie sich also von niemandem einreden, diese Roma und Rocker hätten keiner Menschenseele etwas getan! Das sind keine Heiligen. Und selbst wenn sie es wären... - Die Polizei zum Beispiel, die hat nun wirklich noch nie irgendjemandem etwas getan. Ist aber auch egal; nochmal: Sie fühlen sich bedroht, fertig! Dieses Gefühl der Bedrohung. Sehr schön wird das beschrieben von Kristian Frigelj. Der arbeitet für die „Welt“ und hat gründlich recherchiert. Und zwar nicht nur in Rheinhausen, sondern sogar auch in Bergheim. Das ist schon toll, wenn man über den Stadtteil, in dem man wohnt, auch mal in einer bedeutenden deutschlandweit erscheinenden Zeitung etwas lesen kann. Seine Kurzversion hat Herrn Frigelj "Mit Zuzug der Roma prallen Welten aufeinander" genannt. Da hat er aber wirklich Recht! Und auch die Eheleute Halle kommen drin vor, in dem Artikel – die kenne ich!


Das Gefühl der Bedrohung (will) bei Helga und Hans-Wilhelm Halle nicht mehr weichen“, schreibt Frigelj. Logisch: „Sie haben in den vergangenen Monaten zu viel Schlimmes erlebt“. Frau Halle sagt: „Wir haben kein anderes Thema mehr.“ Okay, das war mir auch so schon aufgefallen. Ohne die Lektüre der „Welt“ Was ich nicht wusste: „Ich gehe abends nicht mehr raus. Dabei bin ich nie ängstlich gewesen". Aber vielleicht verfroren. Vielleicht geht es der armen Helga Halle ähnlich wie mir. Abends raus? Kurz mit dem Hund, das ja; das geht ja nicht anders. Aber sonst – ich bin diese Kälte so was von leid. "Warten Sie mal, bis der Sommer kommt“, sagt Hans-Wilhelm, ihr Ehemann. Nein, nicht mir; wir duzen uns doch. Der „Welt“ natürlich. „Wenn es wieder wärmer wird, kommen alle auf die Straße." Abgesehen freilich von seiner Frau. Denn Helga Halle wird dieses Gefühl der Bedrohung einfach nicht los.


Frigeljs „Welt“-Artikel gibt es auch in einer Langversion. Da heißt er dann „Bulgarien mitten in Duisburg“. Er beginnt ebenfalls mit dem „Gefühl der Bedrohung bei Helga und Hans-Wilhelm Halle“, also in der Beguinenstraße neben dem Hochhaus in den Peschen. Dort wohnen zwar fast ausschließlich Flüchtlinge aus Rumänien und nicht aus Bulgarien; aber auch das ist ja egal. „Bulgarien mitten in Duisburg“ klingt einfach nochmal eine Nummer beschissener als „Rumänien“, und außerdem führt die Langversion über Bergheim hinaus. Nicht nach Rheinhausen oder Hochfeld, dafür aber bis ins ziemlich weit entfernte Marxloh. Und da - hat Frigelj von der Polizei erfahren – gibt es „einen zusätzlichen Konfliktbereich. Nicht nur Deutsche fühlen sich bedroht, sondern auch in Duisburg lebende Türken und Libanesen.“ Da ist es wieder: dieses entsetzliche Gefühl der Bedrohung. In Marxloh allerdings mit Folgen.


Mehrmals musste die Polizei nach Duisburg-Marxloh ausrücken, weil es dort auch zu bewaffneten Schlägereien gekommen ist.“ Aufmerksam lesen! Nicht „auch dort“, sondern „dort auch“. Dort in Marxloh, nicht hier in Bergheim. In Rheinhausen, das schon – aber da waren es die Rocker. - Zwischenüberschrift: „Polizei kann sich Eskalation leicht erklären“. Wie schön! Die „Welt“ zitiert aus einem Polizeibericht über einen bewaffneten Vorfall im letzten September: „Es ist davon auszugehen, dass es sich um einen gezielten Angriff von jungen türkischstämmigen Männern auf ebenfalls junge Roma rumänischer Nationalität handelte." Klarer lassen sich eigentlich Täter und Opfer dieser bewaffneten Massenschlägerei kaum benennen. Die Türken hatten die Roma gezielt angegriffen. Mit Waffen, also wenn Sie so wollen: eine Eskalation. Fast so, wie bei den Rockergangs. Doch bei den Hells Angels, Bandidos und Satudarahs lässt sich nicht mehr sagen, wer angefangen hat.


Beim einzelnen Angriff lässt sich der Aggressor benennen; aber der macht für sich Rache für eine vorausgehende Attacke der anderen Bande geltend. Schwierige Sache. Dagegen kann sich die Polizei die Eskalation dieses ethnischen Konflikts „leicht erklären“. Kristian Frigelj zitiert die Polizei mit der Einschätzung, dass es "als wahrscheinlich anzusehen (sei), dass das immer stärkere und ungeregelte Anwachsen der Gruppe der Roma mit den damit verbundenen Belästigungen Auslöser dieses Übergriffs war". Frigelj zitiert zustimmend, wie auch sonst – es handelt sich ja um die Polizei. Die jungen Türken hatten die Roma planmäßig, gezielt und bewaffnet überfallen - „ausgelöst (?!) durch das immer stärkere und ungeregelte Anwachsen der Gruppe der Roma“. Getrieben vom „Gefühl der Bedrohung“, das „nicht nur Deutsche, sondern auch in Duisburg lebende Türken“ erfasst hat. Schuld sind die Opfer. So sieht man es in Springers „Welt“... - und bei der Duisburger Polizei.

Werner Jurga, 02.03.2013







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