„Selbst wenn“, „könnte“, „wäre“ … –
Geballte Wirtschaftsweisheit ruft auf

Dienstag, 27. September. Heute rufen zehn sog. „Topökonomen“ – fünf aus Frankreich, fünf aus Deutschland - zu einer „Umschuldung“ Griechenlands auf. „Verzichtet auf die Hälfte der Griechen-Schulden!“, heißt der Appell, der heute exklusiv in der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“ und in der Financial Times Deutschland erschienen ist. Ein Haircut von 50 % ermögliche Griechenland, “seine Staatsverschuldung durch eigene Bemühungen auf ein nachhaltiges Niveau abzusenken“.

Bei den fünf deutschen Ökonomen, die diesen Aufruf unterzeichnet haben, handelt es sich um die sog. „Fünf Weisen“, also dem von der Bundesregierung bestellten Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dieser Ratschlag der Ökonomen ist jedoch nicht von großer Weisheit geprägt, im Gegenteil: es ist ein Plädoyer für einen Tanz auf dem Vulkan. Wie aber ließe sich diesem geballten ökonomischen Sachverstand auch nur halbwegs passabel widersprechen?!

Immerhin hat sich der Sachverständigenrat einstimmig diesem Aufruf angeschlossen, also auch Peter Bofinger, der hin und wieder mit einer abweichenden Meinung auf sich aufmerksam gemacht hatte. Widerspruch gegen das gesamte Spektrum der führenden Wirtschaftswissenschaftler anzumelden, könnte folglich allzu leicht in den Verdacht des Größenwahns, mithin der Lächerlichkeit geraten. Will man dem entgehen, bleibt nur, auf die Risiken zu verweisen, auf die die Autoren höchstselbst aufmerksam machen. Unter dem Punkt „EFSF-Bankenrettung“ (?) sprechen die „Topökonomen“ einige Unwägbarkeiten selbst an:

„Diese Umschuldung könnte indes zu einer Kettenreaktion bei anderen Krisenländern führen.“ Immerhin das zentrale Argument, das bislang angeführt wurde gegen Griechenlands „Umschuldung“, ein Euphemismus für (teilweisen) Zahlungsausfall oder, um es deutlich zu formulieren: „Pleite“. Die Damen und Herren plädieren für nichts Anderes als für eine „geordnete Insolvenz“, eine Variante, für die Rösler bekanntlich noch vor zwei Wochen – völlig zu Recht – heftige Kritik einstecken musste.

Sei´s drum, die Exzellenzen werden sich schon etwas dabei gedacht haben. Weiter im Text: „Für Irland und Portugal wäre dies weniger problematisch, da sie für die nächsten Jahre vollständig durch EFSF und IWF finanziert werden.“ Komisch nur, dass Griechenland dennoch in eine Schieflage geraten ist, obwohl schon weit früher "vom Markt genommen". Ach so, das Wörtchen „weniger“ bezieht sich gar nicht auf die Hellenen, sondern auf Italien und Spanien. Da muss man erst einmal drauf kommen!

„Spanien und Italien müssen zugleich ihre Wachstumsreformen beschleunigen und können gegebenenfalls eine Notfallkreditlinie beim IWF beantragen.“ Verstehe: „gegebenenfalls“ muss dann Madame Lagarde mal sehen, wie sie den Euro rettet. Da es die Europäer nun einmal nicht allein schaffen können, muss eben die Welt ran. Einer muss sich ja kümmern! Weiter im Text: „Dabei ist hilfreich, dass Italiens Staatsschulden eine lange Restlaufzeit haben und Spaniens Konsolidierungs- und Reformprogramm recht weit vorangekommen ist.“

So so, Italiens Staatsanleihen haben also eine lange Restlaufzeit. Alle? Wieso regt man sich dann eigentlich so auf, wenn die Zinssätze für Italien die 7-%-Marke übersteigen? Und die Spanier – Gott ja, die werden es schon irgendwie schaffen. Konsolidierungen und Reformen kommen ganz gut voran, und irgendwann wird es auch in Spanien mal etwas kälter, und die Jugend bekommt andere Dinge in den Kopf als diese ständigen Demonstrationen.

Weiter im Text: „Selbst wenn die genannten Solvenzprobleme gelöst sind, …“ – Großartig! Unnachahmlich! Topökonomisch! Heißt ja wohl, dass die genannten Solvenzprobleme wahrscheinlich oder zumindest möglicherweise nicht zu lösen sein werden. Und dann?! Nun, da haben sich die „Weisen“ offenbar keine Gedanken zu gemacht. Jedenfalls findet sich nichts dazu in ihrem Aufruf. Sie ziehen es vor, ihren Plan des „Haircuts“, der „geordneten Insolvenz“ weiterzudenken. Denken? Wenn also die genannten Solvenzprobleme gelöst sind, dann – weiter im Text:

„ … bleibt noch immer das Risiko einer sich selbst erfüllenden Liquiditätskrise.“ Huch, wie blöd! Und jetzt? Was kann man denn dann machen? „Solchen sich selbst erfüllenden Prophezeiungen kann nur durch entschlossenes und gemeinsames Handeln der Euro-Zonen-Regierungen, der EFSF und der EZB begegnet werden.“ Alles klar: entweder der Plan klappt nicht, dann wissen die „Topökonomen“ auch nicht mehr weiter. Oder er haut hin, dann ist aber trotzdem die Kacke am Dampfen.

Daran werden dann aber "die Märkte" schuld gewesen sein. Und dann müssen wirklich auch mal Andere ran. Die nationalen Regierungen, der Rettungsschirm, die Zentralbank. Die müssen sich dann kümmern! Hätten wir gar nicht gedacht. Schade nur, dass sie dann nicht mehr mit einem gut gemeinten Rat des geballten ökonomischen Sachverstands werden rechnen können. Es ist ja Alles gesagt: entschlossen und gemeinsam handeln! Denn wenn man diesen Vorschlag der führenden Wissenschaftler befolgt, darf wirklich nichts mehr schief gehen.

Wollen Sie wissen, warum die „Weisen“ solch dummes Zeug mit Tamtam in die Welt setzen? Seit einigen Tagen mehren sich die Hinweise darauf, dass selbst im Falle der Auszahlung weiterer ESFS-Gelder eine (zumindest Teil-) Insolvenz Griechenlands nicht mehr zu vermeiden sein könnte. Die Beamten im EFSF, in der EZB und in den nationalen Regierungen bereiten sich längst auf diese äußerst riskante Situation vor. Geht man also jetzt mit diesem „Aufruf“ an die Öffentlichkeit, erweckt man den Schein, abermals seinen ganz enormen Sachverstand unter Beweis gestellt zu haben.

Von diesem Schein lebt die Zunft. Alter Trick aus der Politik: man „fordert“ das ohnehin Unvermeidliche und schreit bei Ereigniseintritt ganz laut „Erfolg“. Rösler ist schlicht zwei Wochen zu früh gekommen. Jungspund.

 

Werner Jurga, 27.09.2011