"Der Vizechef des OSZE-Krisenpräventionszentrums, Claus Neukirch, betonte, die Festgehaltenen seien nicht Mitglieder der eigentlichen, diplomatischen und unabhängigen OSZE-Beobachtermission. Es handele sich um eine bilaterale Mission unter Leitung der Bundeswehr auf Einladung der ukrainischen Regierung.“ (Quelle: n-tv.de)



"OSZE-Beobachter“

Krieg und Propaganda



Sonntag, 27. April 2014. Schwierig, schwierig. Man blickt gar nicht mehr so richtig durch. Man weiß gar nicht mehr, was man eigentlich glauben soll. Aber so ist das im Krieg: das erste Opfer ist die Wahrheit. Zum Beispiel jetzt diese Sache mit den OSZE-..., tja – wie soll ich sagen? Was meinen Sie? Sind das „Beobachter“, wie es hierzulande ausgedrückt wird? Oder „Spione“, wie die Separatisten sie nennen? Sie wissen schon: diese Leute, die von der prorussischen Miliz da irgendwo in Slawjansk – im Donbass oder so festgehalten werden oder was. Was meinen Sie? Beobachter oder Spione? Ich habe mir darüber eine ganze Weile den Kopf zerbrochen; doch ich komme nicht dahinter.  

Nennen Sie wir also – nur mal vorläufig, so als Arbeitstitel - „Inspekteure“. Vier Deutsche darunter. Keine schöne Sache. Die sind jetzt nämlich, wie wir sagen würden, „Geiseln“ bzw., wie die Entführer sagen, „Kriegsgefangene“. Das ist natürlich Propaganda. „Kriegsgefangene“ - allein schon das Wort! Übelste Propaganda. Nicht, dass es nun partout kein Krieg wäre, was sich da abspielt. „Krieg“ könnte man das fast schon nennen. Und dass unsere Leute dort gefangen gehalten werden... - ja, das ist doch gerade der Skandal! Der Begriff „Kriegsgefangene“ bedeutet jedoch etwas anderes als nur zufälligerweise irgendwo gefangen genommen zu werden, wo gerade Krieg ist.  

Ein Kriegsgefangener – und darin besteht die Abgeschmacktheit dieser Separatisten-Propaganda – ist ein Kombattant, will sagen: jemand, der Glück gehabt hat, vom Feind nicht um die Ecke, sondern vorschriftsmäßig einfach nur weggebracht zu werden. Unsere Jungs aber sind keine Krieger, sondern – wie gesagt - „OSZE-Beobachter“, die sich etwas umsehen von wegen Frieden und so. Und dann sind sie in Erfüllung ihrer überaus ehrenvollen Aufgabe von diesen moskaugesteuerten Elementen entführt und, wie dieser selbsternannte „Bürgermeister“ unverblümt zugibt, als Geiseln genommen worden. Ich muss an die armen Frauen denken, die Angehörigen. Nicht, dass die auch noch Kinder haben!  

Was die jetzt wohl durchmachen müssen! Schrecklich. Gut, dass der geliebte Gatte oder Lebensgefährte bei der Bundeswehr einen guten Job hat, mindestens mal Offizier, das war und ist den armen Angehörigen selbstverständlich bekannt. Insofern „OSZE-Beobachter“ - sagen wir es mal so: Deutschland ist Mitglied der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Also in der OSZE. Das kommt schon mal hin. Und „Beobachter“, also: „Spione“ sind es jedenfalls nicht. Sondern „Militärexperten“. Und die dürfen nun einmal laut „Wiener Dokument 2011 der Verhandlungen über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen"... - in Begleitung von „Vertretern des Empfangsstaats“...  

Damit wäre das auch geklärt. „Empfangsstaat“ ist zweifellos die Ukraine, Militärs der Kiewer „Übergangsregierung“ waren und sind mit dabei, insofern wäre rechtlich alles okay. Wenn die Kameraden aus Kiew irgendwie legitimiert wären. Was sie aber nicht sind. Dann wären auch die prorussischen Milizen „Separatisten“, was sie allerdings auch nicht sind. Denn die Ukraine ist (gegenwärtig) alles andere als ein funktionierendes Staatswesen. Sie ist der Prototyp eines „failed states“, eines gescheiterten Staates, der dabei ist, in seine Einzelteile zu zerfallen, und der allein dadurch gerettet werden könnte, dass die Bürgerkriegsparteien ihre Kampfhandlungen einstellen und nach einem Kompromiss suchen.  

Die Kiewer „Übergangsregierung“ versucht in diesen Tagen das Gegenteil. Sie bezeichnet ihre Gegner in den östlichen Landesteilen als „Terroristen“, hat eine militärische „Anti-Terror-Kampagne“ eingeleitet und damit begonnen, die prorussischen Posten an ihren zu Barrikaden ausgebauten Checkpoints anzugreifen und ins Jenseits zu befördern. Weil dies nicht in jedem Fall ganz so einfach ist und damit diese Überfälle auch gelingen, haben sich deutsche Bundeswehroffiziere freundlicherweise dazu bereit erklärt, die ukrainischen Kameraden auf diese militärische Herausforderung optimal vorzubereiten – auch dadurch, dass man sich vor Ort ein genaues Bild von den einzunehmenden Checkpoints macht.  

Es läuft im Grunde ganz ähnlich wie vor gut siebzig Jahren. Deutsche Militärs Hand in Hand mit den ukrainischen Kameraden – na klar: wir schulen, die lernen – konzentriert bei der Sache, Russen umzulegen. Nebenbei: mit dem Holocaust konnte erst danach begonnen werden. Von nirgendwo sind damals mehr Juden in die Gaskammern abtransportiert worden als aus dem Donbass. Aber natürlich: darum geht es diesmal nicht. Auch wenn die ukrainischen Parteien, „Bewegungen“ und Gruppen so etwas schon mal andeuten und auch Abzeichen tragen, die fast so aussehen wie die Abzeichen damals. Und dass deutsche „Militärexperten“ diesmal behilflich sind, ist purer Zufall. „OSZE-Beobachter“.  

Zugegeben: das mit den „OSZE-Beobachtern“ ist wirklich absoluter Tinnef. Doch man ziert sich halt zu sagen, wie es ist. Dass da eine Handvoll deutscher Rambos gemeinsam mit den ukrainischen Faschisten hinter die feindlichen Linien fährt, um auszubaldowern, wie man die Russen am besten umpusten kann. Sicher, man darf sich dabei nicht erwischen lassen. Wer konnte denn auch damit rechnen, dass die Russen und Prorussen so frech sein würden und es wagen, deutsche Offiziere festzunehmen?! Wahrscheinlich sind die sogar so kaltschnäuzig und lassen unsere Jungs erst wieder frei, wenn die ganze Welt erfahren hat, was die da so genau gemacht haben. Und das ist echt völkerrechtswidrig!

Putin wird ebenfalls verurteilen, wenn deutsche Soldaten in Gefangenschaft der Presse präsentiert werden. Lawrow verurteilt ja schon jetzt die Geiselnahme und verspricht, sich für die Freilassung der deutschen Jungs zu verwenden. Diese Heuchler! Die sind so unverschämt. Wir haben jetzt zunächst einmal neue Sanktionen beschlossen. Schon aus Prinzip. Natürlich bringen die nichts; aber na gut. Wahrscheinlich schaffen wir es diesmal nicht, den Donbass zu kassieren. Aber bis Kiew ist die Sache klar. Und das Donezbecken muss eben bis zum nächsten Mal warten. Gut 600 Kilometer, immerhin. Doch von da aus sind es keine 600 Kilometer mehr bis nach Stalingrad! Ach nee, das heißt ja jetzt Wolgograd.


Werner Jurga, 27.04.2014



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