Duisburger Rathausgespräche 


Diese gewisse Distanz zu sich selbst


Donnerstag, 28. Februar 2013. Ab und an erinnere ich mich der ansonsten gern verdrängten Einsicht, dass es noch etwas gibt, das noch wichtiger ist als der Kram, den ich gerade wieder verzapfe. Jetzt zum Beispiel – nach diesem langen trüben Winter. Die wenigsten Sonnenstunden seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Vielleicht deshalb. Es stimmt aber trotzdem: ganz wichtig ist eine gewisse Distanz zu sich selbst. Und zu dem Kram, den man gerade mal wieder verzapft. Distanz, keine Verleugnung. Selbstbewusstsein, aber keine Selbstüberschätzung. Schlicht der Versuch von Realismus beim schonungslosen Blick auf sich selbst. Und dann der Versuch einer nüchternen Bewertung. Der Stolz auf das Geleistete. Aber auch das schonungslose Sicheingestehen, was man hätte besser machen können. Was ich hätte besser machen können. Und wo ich richtig Mist gebaut habe. Diese gewisse Distanz zu sich selbst bietet so einige Vorteile. Um nur ein Beispiel zu nennen: sie bietet die Chance einer Entwicklungsperspektive und unter günstigen Bedingungen ließe sich sogar noch etwas dazulernen.


Es ließen sich weitere Bespiele anführen. Was sie alle miteinander gemein haben: einen emotional einigermaßen befriedigenden Verlauf bieten sie nicht an. Wie man es auch dreht und wendet: der gesamte von Selbstzweifeln angestoßene Prozess – welcher auch immer – hat vor allem eine Fülle von Frustrationen im Angebot. Ich zum Beispiel sehe deswegen zu, dass ich mir solch selbst-quälendes Prozedere, wenn irgend möglich, erspare. Meine Eitelkeit mag nicht belästigt werden, mein Narzissmus mag Futter, meine Minderwertigkeitskomplexe wünschen, kompensiert zu werden. Mit zunehmendem Alter eröffnen sich mehr und mehr Möglichkeiten, die eigene soziale Außenwelt so zu gestalten, dass frustrierende Einflüsse minimiert, bestätigende dagegen maximiert werden. Sehr günstig wäre in diesem Zusammenhang auch, die hiermit verbundene Steigerung der Lebensfreude nicht unnötig durch gesellschaftliche Zwänge und/oder ökonomische Notwendigkeiten zu konterkarieren. Ich zum Beispiel bin Rentner; das kann ich in diesem Zusammenhang nur empfehlen.


Allerdings geht mit dem Pensionsstatus auch latent das Risiko einher, dass der Strom narzisstischer Zufuhr in Form von gesellschaftlicher Anerkennung schwächer werden oder gar zum Erliegen kommen könnte. Dagegen sollten Sie unbedingt etwas tun – nur für den Fall, dass auch Sie sich im Ruhestand befinden bzw. dass Sie selbigen noch zu erleben gedenken. Ich zum Beispiel betreibe eine Internetseite, so eine Art Blog – allerdings mit der kleinen Abweichung, dass die Leute, die meine Texte lesen, sie nicht kommentieren können. Logisch: wenn ich auf Kommentare erpicht bin, brauche ich nicht in Rente zu gehen. Da kann ich mich auch gleich auf meinem Wunscharbeitsplatz von meinem Chef zusammenfalten lassen. Das lasse ich also lieber weg und schreibe irgendwelche Artikel, in denen ich andere Leute anrempele. Ich gebe dies alles als „politisch“ aus, wenn es ganz dicke wird auch als „satirisch“ und fertig ist´s. Ehrlich, ich habe kürzlich meine Internetseite mal so durchgesehen und festgestellt: in weit mehr als der Hälfte der Texte suche ich mir jemanden aus und dresche auf ihn ein. Kein sympathischer Zug, zugegeben. Es bringt aber auch nichts, als Rentner noch mit etwas völlig Neuem anzufangen.


Ich achte, um auf die Eingangsüberlegung zurückzukommen, auf eine gewisse Distanz zu mir selbst und sage mir: okay, ganz so dolle ist das alles nicht; aber es macht unheimlich Spaß. Ganz wichtig! Also nicht nur, dass es Spaß macht (das natürlich auch!), sondern den kritisch-distanzierten Blick auf die eigene Mittelmäßigkeit nicht aus dem Auge zu verlieren! Und: bei dem, was man so anstellt, ruhig mal die Grenzen austesten. Aber nicht übertreiben, nicht völlig abdrehen. Wenn es erst einmal so weit ist, dass man sich lächerlich gemacht hat, und man selbst der Einzige ist, der das noch nicht bzw. nicht mehr mitbekommt... - ou, ou, ou, gar nicht gut! Um Ihnen einmal ein Beispiel dafür zu geben... - Halt! Stopp! Vergessen Sie es! Was ich sagen will: irgendwie bin ich im Rahmen meiner kritisch-publizistischen Tätigkeit zu der Ehre gekommen, so ganz genau weiß ich auch nicht warum. Das ist ja klar; sonst hätte ich ja nicht „irgendwie“ geschrieben. Egal jedenfalls habe ich eine Einladung bekommen zu den am 17. März beginnenden „Duisburger Rathausgesprächen“.


Ich sehe das ganz nüchtern: erstens steht diese Einladung auch im Internet, gilt also für Jeden und Jede. Und zweitens bin ich mir völlig im Klaren darüber, dass – ich weiß nicht wie viele, aber jedenfalls – sehr Viele ebenfalls eine eMail mit dieser Einladung bekommen haben. Das ist emotional frustrierend, doch es bringt ja nichts: ich muss zu meiner Mittelmäßigkeit stehen und mir vor Augen halten, nichts Besonderes zu sein. Aber immerhin: ich habe eine Einladung bekommen! Das ist schon mal Punkt Eins. Punkt Zwei: diese Rathausgespräche, Entschuldigung: „Duisburger Rathausgespräche“ sind etwas ganz Besonderes. Sie sind sozusagen einmalig. Oder einzigartig. Jawohl, so steht es sogar in der Zeitung: „`Die Rathausgespräche sollen eine kreative und konstruktive Plattform darstellen und Bürgern und Stadtspitze Denkanstöße liefern. Zu jedem Thema werden erstklassige Experten geladen. Dass so etwas im Rathaus stattfindet und alle Bürger eingeladen sind, ist in Deutschland einmalig´, sagt Sandmann.“


Ja Sandmann, der Wilhelm Sandmann. Der hat die ganze Sache nämlich initiiert. Genau der! Der weltweit anerkannte Gefäßspezialist Professor Dr. med. Dr. h.c. Wilhelm Sandmann. Ja der, der jetzt schon seit acht Monaten im Fahrner Krankenhaus tätig ist. Da hat er natürlich mittlerweile unsere Stadt kennengelernt und – was soll ich Ihnen sagen?! - Duisburg hat „ihn von Beginn an fasziniert“. Also von Beginn an vor acht Monaten, als er noch 69 Jahre alt war. Und noch hellwach! „Sandmann hat aber auch deren Vielzahl an Problemen registriert“, schreibt die WAZ. Und da hat sich der Professor Dr. med. Dr. h.c. natürlich auch so seine Gedanken gemacht. Über Duisburg und so. Und was dabei herauskommt, ist in etwa so spektakulär wie das, womit Sie rechnen dürfen, wenn ich in vierzehn Jahren damit beginnen werde, mir mal so ganz zwanglos über Gefäßchirurgie Gedanken zu machen. Welchen Klöpper ich dann bringen werde? Nun, bis dahin müssen Sie sich noch etwas gedulden. Ich kann Ihnen aber schon einmal ausrichten, was die weltweit anerkannte Kapazität über Duisburg abgelassen hat.


Achtung! „Die einzelnen Stadtteile sind komplett unterschiedlich. Es muss so schwierig sein, das Ganze unter einen Hut zu bekommen.“ - Boah! Hoffentlich erzählt der Wilhelm Sandmann das auch einmal dem Sören Link. Der kommt nämlich zum zweiten einmaligen, absolut einzigartigen Duisburger Rathausgespräch. Überhaupt, allein schon diese Idee! Die hatte, wie in der Zeitung zu lesen ist, Herr Sandmann „in Zusammenarbeit mit den befreundeten Freytag-Brüdern entwickelt“. Also, die Brüder sind miteinander befreundet (kennt man ja auch anders, leider!), und Kapazität Sandmann mit Ihnen. Und da haben sich die drei Freunde von um die 70 getroffen und eine Idee entwickelt. Schön! Andere in diesem Alter knallen das Cocktailkissen auf die Fensterbank und... - egal! Sandmann jedenfalls – so steht es im Einladungsflyer - „regte ein ebenso konstruktives wie auch kreatives Forum an, das – ganz im antiken Sinne – BürgerInnen und ExpertInnen an einem Ort zusammenführen und zum Nach- und Mitdenken anregen soll. Und dies an einem zentralen Ort mit großer Bedeutung: dem Duisburger Rathaus.“ Irre!


Die Duisburger Rathausgespräche – eine Kooperation der VHS Duisburg, der Bürgerstiftung Duisburg und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Auch irgendwie einzigartig. Ach so, am 17. März geht es um Organspende, sehr lobenswert. Ich hatte meine Kolumne dazu „Dein ist mein ganzes Herz“ genannt. Ein Schlager, nun ja. Die einzigartige Veranstaltung der einmaligen Kooperation unter dem einzigartigen-einmaligen Gefäßspezialisten heißt „Frag’ ich mein beklommen Herz". Eine Arie aus dem „Barbier von Sevilla“; das ist ja schon einmal etwas ganz Anderes! Und auf dem Podium: nur Professoren! Mediziner, versteht sich. Und ein Jurist. Also das Fachpersonal zur Erörterung des Für und Widers in Sachen Organspende. Und der Laumann. Und eine Radiomoderatorin, von der die drei – jeder für sich – bedeutenden älteren Herren „schon seit langer Zeit angetan“ sind. Das wird bestimmt eine ganz tolle Veranstaltung; so etwas hat die Welt – oder sagen wir mal: zumindest Deutschland noch nicht gesehen. Einmalig! Dafür muss man sich freilich rechtzeitig anmelden.


Mache ich aber nicht. Und ein Vierteljahr später, wenn ein Freytag-Bruder im Podium sitzt mit dem jetzigen OB und mindestens schon einmal zwei Professoren, um über das „Dickicht der Städte“ zu palavern, gehe ich auch nicht hin. Und noch ein Vierteljahr später erst recht nicht. Allein schon das Thema: „Die inklusive Gesellschaft – Vom Sinn und Unsinn nationaler Denkweise“ - ich glaube, es hackt! Und wenn dann ein weiteres Vierteljahr später – stellen wir uns einfach mal ganz dumm! - gefragt wird „Duisburg am Tropf der Industrie?“, Sie ahnen es schon, komme ich auch nicht. Auch Alt-OB Krings wird mit darüber nachdenken, ganz im antiken Sinne – ob „Industrie und Kultur ein Gegensatz“ sind. Wenn ich hinginge, würde ich vielleicht einmal fragen wollen, ob eigentlich die Industrie „am Tropf der Industrie“ hängt. Aber ich kenne mich ja: wenn ich all die fein angezogenen wichtigen Leute, äh: Personen, äh: Persönlichkeiten sehe, traue ich mich wieder nicht, diese Frage zu stellen. Oder noch schlimmer: möglicherweise traue ich mich doch. Ich habe da diese gewisse Distanz zu mir selbst.

Werner Jurga, 28.02.2013




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