DU-Bergheim, In den Peschen
Fragwürdige Leute


Montag, 25. Februar 2013. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass die sog. „Bürgerbewegung“ pro NRW beabsichtigt, am 12. März eine Kundgebung vor dem Hochhaus in Duisburg-Bergheim, In den Peschen, zu veranstalten. Eine ganze Reihe von Gegendemonstrationen ist angekündigt bzw. bereits in Vorbereitung. Nach Rücksprache mit Hans-Wilhelm Halle, einem Sprecher der Anwohner, teilt der Rheinhauser Bezirksvertreter Karsten Vüllings (BL) die gemeinsame Einschätzung hierzu mit: „Es ist genau das eingetreten, was die Anwohner immer befürchtet haben: sich irgendwann den Strömungen fragwürdiger politischer Gruppierungen ausgesetzt zu sehen.“ Beide Herren sind mir seit längerem bekannt, und ich bin ihnen in gewissem Sinne freundschaftlich verbunden. Freundschaft im weiteren Sinne – nicht dergestalt, dass ich einen von ihnen mitten in der Nacht anrufen würde, wenn es mir dreckig ginge. Aber doch insofern, dass wir wechselseitig davon ausgehen, es gut mit den Menschen zu meinen.

Davon gehe ich auch in Bezug auf den hier zur Debatte stehenden Nachbarschaftskonflikt in den Peschen aus; denn wer es nicht gut mit den Menschen meint, kann nicht mein Freund sein. Auch nicht im weiteren Sinne des Wortes „Freund“. Das ist ja klar. Ich habe sowohl mit Hans-Wilhelm Halle als auch mit Karsten Vüllings mehr als einmal über die Problematik in den Peschen gesprochen und keinen Zweifel daran, dass beide es gut meinen. Nur, wie das so ist, mit dem Gutmeinen... - wir kennen es aus den Fußballreportagen: wenn der Reporter laut wird und „gut gedacht“ ins Mikrofon schreit, wissen wir schon, dass das in Rede stehende Vorhaben in die Hose gegangen ist. Nun, noch hat kein Reporter wegen Karstens Pressemitteilung laut aufgeschrien. Aber wenn der Journalist Vüllings die Anwohner ganz verschwurbelt „den Strömungen fragwürdiger politischer Gruppierungen ausgesetzt“ sieht, dann ahnen wir, dass hier etwas faul ist im Staate Dänemark.


Denjenigen, die Karsten Vüllings nicht kennen, sei gesagt: er gibt hier in Rheinhausen eine Zeitung heraus, ist deren Chefredakteur, kann also schreiben. Es handelt sich nicht um philologische Arroganz meinerseits, wenn ich sage: so einen Käse wie „die Anwohner sind den Strömungen fragwürdiger politischer Gruppierungen ausgesetzt“ habe ich erstens selten gelesen, und zweitens von Karsten noch nie. Die Anwohner präsentieren sich wieder einmal so, wie sie sich am liebsten präsentieren: als Opfer. Zunächst als Opfer der neuen Einwanderer, die einen beklauen, zumüllen oder gar körperverletzen – durch, wie ich auf Nachfrage erfahren hatte, ruhestörenden Lärm. Opfer der Politik, die sich einen Dreck gekümmert und, obwohl man dies als Petition mit über 300 Unterschriften eingereicht hatte, sich schlicht geweigert hat, die Roma in Sammellager zu verfrachten. Dann der Gutmenschen, die auf jede noch so berechtigte Beschwerde mit der Nazikeule reagieren. Und jetzt das noch!

Nun, so weit gehen und sagen, man sei jetzt auch noch Opfer der Rechten, will man auch wieder nicht. Aber immerhin: man sieht sich – in aller Unschuld, versteht sich, “den Strömungen fragwürdiger politischer Gruppierungen ausgesetzt“. Abgesehen davon, dass sich auch nach zigster Lektüre der Sinn dieser merkwürdigen Satzkonstruktion mir nicht erschließen will, klar ist: die Anwohner sind irgendwie „ausgesetzt“. Wieder einmal müssen sie chancen- wie willenlos das Treiben fremder Mächte über sich ergehen lassen. Lieber Hans-Wilhelm, lieber Karsten, warum könnt Ihr nicht einfach mal schreiben, wie es ist. Die Anwohner des Hochhauses in den Peschen haben Interessen. Warum um Himmels Willen muss es ständig dieses Opfergehabe sein? Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Mir jedenfalls ist ein Kind, das mir in vernünftigem Ton erklärt, dass es jetzt gern einen Schokoriegel hätte, wesentlich sympathischer als ein Balg, das sich schreiend vor der Supermarktkasse auf den Boden fletscht.


Hochhaus in DU-Bergheim, In den Peschen
Foto: Thomas Meiser


Wären wir in einem Gespräch, würde ich spätestens an dieser Stelle mit der (Gegen-) Frage rechnen, was ich denn täte, wenn sich bei mir gegenüber eine ganze Kolonie von Roma-Flüchtlingen breitmachte. Aber auch dabei handelt es sich im Grunde genommen nicht um eine Frage, sondern um den dezenten Hinweis, dass ich gut Reden hätte, mithin: dass es mir besser und den Anwohnern in der Beguinenstraße schlechter gehe als mir. Kurzum: auch bei dieser vermeintlichen Frage handelt es sich nur um einen Verweis auf den Opferstatus der Anwohner. Leute, ich bitte Euch inständig: hört mit diesem Gejammer auf! Ihr glaubt doch nicht allen Ernstes, dass Ihr es in Sachen Opferstatus auch nur ansatzweise mit den Roma aufnehmen könntet. Bei allem Respekt vor der objektiven Verschlechterung Eurer Wohn- und Lebenssituation und vor allem unter Inrechnungstellung Eurer berechtigten Interessen kann doch jeder Beobachter von außen, der noch halbwegs alle Tassen im Schrank hat, nur zu dem Schluss kommen, dass die Roma noch schlimmer dran sind als Ihr.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass alle Außenstehenden, die sich – tatsächlich oder vermeintlich – in diesem Konflikt auf Eure Seite schlagen, nur um Leute handeln kann, deren moralisches Koordinatensystem ganz schön aus dem Ruder gelaufen ist. Ich will da jetzt nicht alle Möglichkeiten durchgehen, die mir hierzu einfallen. Wir haben es konkret mit der Partei (nicht „Bürgerbewegung“) „pro NRW“ zu tun, und um wen es sich bei diesen Kameraden handelt, liegt ziemlich klar auf der Hand. Diese „Vorfeldorganisation des rechten Terrors“ - so darf „pro NRW“ nach Feststellung der Staatsanwaltschaft Bochum bezeichnet werden – missachtet "die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte, insbesondere die Menschenwürde und das Diskriminierungsverbot". Sagt der Verfassungsschutz, der die Organisation deshalb beobachtet und nicht im Verdacht steht, rechts pingeliger hinzusehen als links. Halle und Vüllings dagegen bezeichnen „pro NRW“ als „fragwürdige politische Gruppierung“.


Das nun halte ich wiederum für politisch fragwürdig. Das, was ich im Internet über „pro NRW“ herausgefunden habe, hätte auch jeder Andere herausfinden können. Und bevor man eine Presseerklärung verfasst, sollte man dies sogar tun. Wie auch immer: dieser Organisation das Attribut „politisch fragwürdig“ zu verpassen, ist hochgradig politisch fragwürdig. Das ist meine Meinung, und von ihr wäre ich auch nur schwer abzubringen. Ansonsten ist klar: ich kann irren, und Andere können Recht haben. So hat zum Beispiel Vüllings´ Argument, „dass man derlei Strömungen (?) nicht durch massive Gegenpräsenz zu mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit verhelfen sollte", unbestreitbar etwas für sich. Wer sich daran erinnert, wie es sich zu Beginn der Sauerland-Ära eine kleine Truppe von Nazistrolchen nicht nehmen ließ, alle Nase lang eine Demo in Neudorf anzumelden, woraufhin sich OB und DGB-Chef stets bemüßigt fühlten, zu einer Gegendemo aufzurufen, wird diesem Einwand etwas abgewinnen können.

Allerdings haben wir es mit der „pro NRW“ in Bergheim mit etwas ganz Anderem zu tun. Der Unterschied liegt weder in der Zahl der zu erwartenden Teilnehmer; es mag gut sein, dass auch hier nur eine kleine Zahl von Rechtsradikalen auftauchen wird. Mich interessiert auch nicht der tatsächliche Unterschied, dass die „pro NRW“-Rentner – im Gegensatz zu den martialischen Jungnazis dereinst in Neudorf - ihre hetzerischen Plakate in ziviler Kleidung hochhalten werden. Der Unterschied besteht darin, dass das Hochhaus in den Peschen es mittlerweile zu zumindest bundesweiter Berühmtheit gebracht hat, woran dessen Anwohner den entscheidenden Anteil haben. Wenn nun ausgerechnet dort „pro NRW“ einen ihrer "unsäglichen Auftritte" (Verfassungsschutz) aufs Parkett legen will, dann wollen sich erkennbar Rechtsradikale zu Fürsprechern des geplagten deutschen Volkes aufschwingen und die weit verbreiteten Sympathien für die Anwohner für sich einheimsen.


Es geht jetzt nicht mehr um das „Verhelfen zu mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit“ (Vüllings). Die Situation ist da! Es kann nicht angehen, dass man zunächst monatelang die große Opfernummer abzieht und dann, wenn die Rechtsradikalen anrücken, erklärt, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben. Das ist Heuchelei. Genau wie der bigotte Hinweis „Es ist genau das eingetreten, was die Anwohner immer befürchtet haben“. Ich verkneife es mir, deutlicher zu werden, und begnüge mich zu sagen. Die Wahrheit ist, dass genau das eingetreten ist, worauf die Anwohner immer gehofft hatten. Die offene oder versteckte Drohung damit, dass sich ihre Unzufriedenheit irgendwelche Nazis und/oder Rechtsextremisten zu Nutze machen könnten, gehörte von Anfang an zu den strategischen Erwägungen der Familie Halle. Jetzt, wo die Situation da ist, lädt Familie Halle zum gemeinsamen Frühstück ein und dreht eine weitere Pirouette in Sachen Opfergehabe: unverschuldet sei man zwischen die Fronten von links und rechts geraten.

Nun lässt sich über Geschmack streiten. Ob es sonderlich geschickt ist, etwa die Kirchen unter den Sammelbegriff „links“ zu stecken und damit auf eine Stufe mit „rechts“ - also den doofen Rassisten von „pro NRW“ - zu stellen, steht auf einem anderen Blatt. Das Hauptdilemma der Anwohner besteht jedoch in der weiteren Perspektive. Wer seine Außendarstellung vollkommen auf die Opferrolle beschränkt, muss wohl oder übel auch bereit sein, irgendwann einmal zum Täter zu werden. Die Geschichte ist voll von entsprechenden – gelungenen wie gescheiterten – Beispielen. Wer dagegen langfristig in der Opferrolle verharren will, in der Hoffnung, irgendwann werde ein interessenloser guter Samariter zwecks Erlösung um die Ecke kommen, wird schneller nicht mehr ernst genommen, als er sich vorstellen kann. Genau an diesem Punkt scheinen die Anwohner des Hochhauses „in den Peschen“ jetzt angekommen zu sein. Wer nicht einmal die Kraft aufbringt, unzweideutig Vereinnahmungsversuche von Rechtsradikalen zurückzuweisen, wozu bitte sehr sollte der überhaupt welche Kraft wofür auch immer aufbringen?!

Werner Jurga, 25.02.2013







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