Quelle: duisburgweb.de;
Foto: Manfrad Schneider


Axel Funke

Der Kapo vom Stamo


Sonntag, 24. Februar 2013. Es ist, wie es ist. Ich bin nicht mehr der Jüngsten Einer. Ich bin nicht einmal mehr Jungsozialist. Aber ich war mal einer. Das ist nun aber, wie das Leben so spielt, auch schon eine Weile her. Rückblende: die 1970er Jahre. Willy war Bundeskanzler und wir ohne Illusionen: die SPD stoße die Tür zum Sozialismus nicht auf. Immerhin halte sie einen Fuß in dieser Tür. Ja, das hatten wir damals voll drauf. Wir hatten uns wirklich nichts vorgemacht. Wir wussten, in welches System wir ohne unser Zutun hineingeboren worden waren. Das heißt: so ganz genau... wusste das zwar auch jeder von uns. Allerdings bestand diesbezüglich erheblicher Beratungsbedarf, wie wir heute sagen würden. Und deswegen hatten wir diskutiert – tage- und vor allem auch nächtelang.
Vor jetzt knapp vierzig Jahren schloss ich mich den Jusos an. Die 68er Revolution lag fünf Jahre zurück, wirkte aber noch spürbar nach. Ich konnte sie nur als Sechstklässler beobachten, durfte als stellvertretender Klassensprecher auch an den revolutionären Beratungen teilnehmen; aber was hätte ich schon sagen können?! Der Mund stand auch so sperrangelweit offen. Aber Anfang der 70er Jahre sah die Sache dann schon anders aus. Jetzt war ich alt genug, meinte ich, selbst Revolution zu machen. In der SPD-Jugendorganisation gab es das hierzu notwendige Rüstzeug. Wenn ich heute daran zurückdenke, mein Gott! Was wir damals für einen Scheiß diskutiert hatten! Zum Beispiel den Stamokap. Der hatte nichts mit Fußball zu tun, obgleich es auch Juso-Fußballturniere um den Stamo-Cup gegeben hatte.  

Nein, Stamokap – so nannten wir den (bzw. die Theorie vom) Staatsmonopolistischen Kapitalismus. Welch ein Irrsinn! Ich muss zugeben, auch ich hatte damals diesen Stuss geglaubt. Nun ja, ich war noch jung – eine Jugendsünde, wenn Sie so wollen. „Der ökonomische Einfluss der Großunternehmen wirke in die politische Sphäre hinein“, behauptet laut Wikipedia die Stamokap-Theorie. „Über Verbindungen zum Staat würden die Konzerne die Richtung und Maßnahmen der Politik zugunsten ihrer Interessen lenken und beeinflussen.“ So ein kommunistisches Zeug fand sich in dem berüchtigten Hamburger Strategiepapier von 1971: „Alle diese Maßnahmen erleichtern es den großen nationalen und multinationalen Konzernen, den Staat in immer größerem Umfang zur Sicherung ihrer Gewinne einzusetzen.“ 
Ja, so hatten wir damals getickt. Das war eine wilde Zeit, die Wirren nach der Revolution sozusagen. Der 68er Revolution. Unter deren Folgen wir, wie häufig genug zu lesen ist, noch heute leiden. Aber gute Pop- und Rockmusik hatten wir damals. Die Klamotten, nun ja. Vor allem aber dieses Stamokap-Geschwätz vom "Kompetenzverlust der parlamentarischen Gremien" (Hamburger Strategiepapier, S.23). Was für ein Blödsinn! Als wenn die Unternehmer nichts Anderes zu tun hätten, als sich auch noch um Politik zu kümmern. Die haben doch wahrlich schon genug am Kopf. Das Gegenteil ist der Fall. Manchmal sind die Manager dermaßen ausgebrannt (Burn-Out-Syndrom), haben die Schnauze – nicht zuletzt von der Politik – so voll, dass sie gar von Rückzugsgedanken geplagt werden.  

So geht es zum Beispiel einem gewissen Axel Funke. Herr Funke ist Geschäftsführer der in Duisburg hier und dort vertretenen Firma Multi Development (MD) Germany. Auch Herrn Funke belasten diese Rückzugsgedanken, und er ist auch sonst mental nicht so richtig gut drauf. Da ist es schön zu sehen, dass meine beiden Lieblingslokalredakteure sich seiner psychischen Probleme annehmen. In einem erschütternden Bericht für die Rheinische Post schreiben Hildegard Chudobba und Mike Michel: „Äußerlich bleibt Axel Funke ganz ruhig. Doch tatsächlich fühlt (er) sich … nicht sonderlich gut behandelt.“ Und zwar von der Stadt, also der Duisburger Stadtverwaltung. Ich kenne einige Leute, denen das auch schon passiert ist; doch hier liegt ein ganz besonders schlimmer Fall vor.  
Dies dürfte wohl, nehme ich an, der Grund dafür sein, dass auch die beiden RP-Recken Chudobba und Michel diesem Leiden nicht tatenlos zusehen können. Mit aller Macht der Vierten Gewalt hauen sie in die Tasten: „Lange kann Funke nun nicht mehr warten.“ Das hatten die beiden irgendwie gespürt, obwohl Funke – wie gesagt - „äußerlich ganz ruhig“ geblieben ist. „In dieser Woche gab es ein Gespräch mit Vertretern von MD und Fachleuten aus dem Planungsamt“, wird berichtet und die RP erklärt: „Das war auch dringend notwendig.“ Allein: ob diese sog. „Fachleute“ aus dem Planungsamt das nun auch alles ordnungsgemäß umsetzen, was Funke ihnen aufgetragen hatte. Haben Sie etwa, wenn Sie aus dem Rathaus kommen, stets das Gefühl, dass schon alles zu Ihrer Zufriedenheit laufen wird?!  

Der arme Funke jedenfalls hat immer noch Kummer: "Bis zur Sommerpause sollte das geklärt sein. Ansonsten müssen wir uns einen neuen Standort möglicherweise in einer anderen Stadt suchen." Das hat Axel Funke den beiden RP-Leuten selbst gesagt! Und damit erst gar nicht der Eindruck entsteht, bei Chudobba und Michel handele es sich um Lohnschreiberlinge des Kapitals, haben die beiden keine Mühe gescheut, die Anordnungen, die Funke ihnen durchgegeben hatte, in den Konjunktiv zu übertragen. In diesem Fall: der Konjunktiv natürlich nicht als Möglichkeitsform (wenn der MD-Boss ansagt, handelt es sich nicht um eine Möglichkeit), sondern als grammatikalisch korrekten Modus für die indirekte Rede. Auch ich möchte mir nicht nachsagen lassen, die Anordnungen des Kapos vom Stamo nicht optimal verbreitet zu haben.  
Also bitte! Was passiert, sollte die Stadt es wagen, sich den Befehlen des internationalen Großkonzerns zu widersetzen? Rückzug! Und was das bedeutet, oder besser: bedeuten würde – Kapo Funke in RP-dargebotener indirekter Rede: „Das sei nicht nur für das Unternehmen selbst schwerwiegend. Das Investment für die Immobilie in Höhe von rund 30 Millionen Euro wäre für Duisburg verloren, genau so wie bis zu 250 Arbeitsplätze, die hier neu entstehen könnten … Nicht zuletzt fehle dann Geld in der Stadtkasse: Multi Development zahlte zuletzt bis zu 750 000 Euro Gewerbesteuer pro Jahr.“ Verstanden?! Der meint es nicht böse, finden Chudobba und Michel: „Funke will den Rückzugsgedanken gar nicht als Drohung verstanden wissen.  

Natürlich nicht. Da ist ein Mann entnervt, nahezu verzweifelt, und spielt mit dem Gedanken, sich zurückzuziehen... - und dann legt man ihm das als „Drohung“ aus. Gemein! Funke droht doch nicht. Er warnt vielleicht, obwohl... - auch das („Warnung“) klingt mir viel zu dramatisch. Funke gibt zu bedenken, oder noch besser: er gibt den guten Rat. Ja, jetzt haben wir es! So gefällt es mir. „Axel Funke berät die Stadt Duisburg dahingehend, dass...“ - „Beratungsdemokratie“ sollte man das nennen; das, was wir früher – ideologisch verblendet - Staatsmonopolistischen Kapitalismus genannt hatten. Stamokap – Funke als Vertreter des Kapitals wäre in der ganzen Veranstaltung nicht mehr, ehrlicherweise muss man zugeben: auch nicht weniger als der für uns zuständige Kapo.  
Und wie jeder Kapo kann auch der Kapo vom Stamo irgendwie nichts dafür, erhält er doch seine Befehle von oben. Er wurde nicht in seine Funktion gehoben, um an der Bearbeitung der Anordnungen mitzuwirken. Der Kapo ist deshalb Kapo, weil ihm die Herrschaften ganz oben eine besondere Brutalität oder, wie man heute sagt: „Durchsetzungsstärke“ an der Front vor Ort zutrauen. Auch Funke ist letztlich ein Getriebener. "Aber viel länger warten können wir nicht mehr", beteuert er in herzzerreißender Manier unseren beiden Therapeuten von der Rheinischen Post. Man fragt sich freilich, was eigentlich passieren würde, und vor allem: was mit Funke passieren würde, wenn trotz eindeutiger Anordnung der Herren von ganz oben doch noch länger gewartet würde.

Werner Jurga, 24.02.2013







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