Foto: M. R. Jurga

Das Grauen direkt vor meiner Haustür

Freiheit, die die FDP meint


Montag, 14. April 2014. Das Leben könnte so schön sein. Hatte ich gedacht. Demokratie könnte eine feine Sache sein. Sollte man meinen. Es ist alles okay. Eigentlich. Wenn da nicht so Dinge wären, die mit steter Regelmäßigkeit immer und immer wiederkommen. Und wenn da nicht, was erschwerend hinzukommt, sich dann auch noch Dinge ereignen, mit denen nun wirklich kein Schwein rechnen kann. Ja, das Leben ist schön. Wenn es furchtbar ist, aus dem Fenster zu gucken, dann lässt man es eben. Ja, Demokratie ist eine feine Sache. Im Prinzip. Wenn da nicht alle Nase lang diese völlig beknackten Wahlkämpfe wären.  


Oder heute morgen. Die Müllabfuhr hatte sich angesagt. Auch eine gute Sache. Wenn man davon absieht, dass man dafür zeitig aus den Federn muss. Bei Strafe, im eigenen Wohlstandsmüll spätrömisch dekadent unterzugehen. Das Leben könnte so schön sein; aber unsereins hat ja nicht einmal mehr Osterferien. Dafür kann sich unsereins für die Kinder freuen. Dass einem die verwöhnte Brut nicht pulkweise zwischen die Füße läuft, wenn man pflichtschuldigst die Tonnen rausstellt. Erster Ferientag, wie schön! Es ist etwas kalt, doch die Sonne scheint. Also los! Nichts Böses ahnend trete ich am Montagmorgen in die Welt.  


Weltoffen, vorurteilsfrei, im Grunde genommen: liberal bis zum Gehtnichtmehr. Guten Morgen, Deutschland! Ich komme. Heute sind Papier und Restmüll dran. Ich schnappe mir die blaue Tonne, einmal durch die Garage und raus auf die Beekstraße. Die Welt könnte so schön sein. Hatte ich gedacht. Doch was ich jetzt sehen musste... - das Grauen! Sie können es sich überhaupt nicht vorstellen. Deshalb werde ich es Ihnen kurz beschreiben. Aber ich warne Sie: machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst! Das Schicksal, das mich heute früh direkt vor meiner Haustür ereilt hat... - es geht mir nicht um Mitleid. Es geht mir um Sie!  


Die Geschichte ist nichts für schwache Nerven. Noch haben Sie die Chance wegzuklicken. Immerhin eine Chance, die ich nicht hatte. Aber es geht mir nicht um Mitleid. Irgendwie werde ich schon – irgendwann – mit diesem Schock zurechtkommen. Denke ich. Ich werde versuchen, stark zu sein. Doch heute Morgen, da war ich nicht stark. Mich traf die ganze Sache ja völlig unvorbereitet. Ich wollte einfach nur den Papiermüll rausstellen... - als mir schlagartig das Entsetzen in all seiner Brutalität entgegentrat. Mir bot sich ein Bild des Grauens. Wahlplakate! Angebracht an jeder zweiten Laterne in meiner kleinen beschaulichen Nebenstraße.  


Wahlplakate – ja okay, die hatten selbst wir hier schon. Aber erstens nicht an jeder zweiten Laterne, zweitens lächelten uns von ihnen mehr oder weniger sympathische Politiker an, jedenfalls Menschen, und drittens waren die Plakate noch nie ausgerechnet von dieser Partei. Um die entsetzliche Sache aufzuklären: es handelt sich vor meiner Haustüre um Plakate einer Partei namens FDP. Für diejenigen, die sich ganz so sehr für Politik interessieren: hierbei handelt es sich um eine Splitterpartei, die allerdings nicht nur in der alten Bundesrepublik, sondern auch im wiedervereinigten Deutschland zeitweise durchaus eine gewisse Rolle gespielt hatte.  


Eigenen Angaben zufolge geht es dieser Polit-Sekte in erster Linie um die – daher das „F“ zu Beginn des Kürzels - „Freiheit“. Auch politisch nicht ganz so beschlagenen Lesern dürfte klar sein, dass der positiv besetzte Begriff „Freiheit“ so lange im Nebulösen verbleibt, bis nicht klar und deutlich benannt wird, welche Freiheit gemeint ist. Freiheit für wen? Freiheit von was? Und last but not least: Freiheit wofür? Eigentlich, sollte man meinen, ist es nicht ganz leicht, Fragen eines solch philosophischen Tiefgangs ausgerechnet auf einem Wahlplakat auch nur annähernd, geschweige denn befriedigend zu beantworten.  


An und für sich. Doch genau hier beginnt das Grauenhafte. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit die perfide Methodik dieser politischen Außenseitergruppe. Während demokratische Parteien das Wörtchen „Freiheit“ hin und wieder kombiniert mit zwei oder drei anderen ebenso nichtssagenden Begriffen kombiniert aufs Wahlplakat donnern, also es dem mündigen Bürger selbst überlassen, sich über die Freiheit ein paar wohltuende Gedanken zu machen (oder eben nicht), gibt diese F-Partei dem geneigten Betrachter ganz genau vor, was er sich unter Freiheit vorzustellen hat. So verkommt dieser Grundwert der Demokratie zur platten Parole.  


Konkret: „Für Hundeauslaufplätze“ - so lautet die Parole, die uns – vermutlich nicht nur vor meiner Haustüre – von den Plakateuren eingehämmert wird. Und dazu schmunzelt uns nicht etwa einer dieser freundlichen Politiker an, sondern... - ein Hund! Neben dem Tierkopf die beiden Vorderpfoten in die Luft gereckt. Als habe jemand nicht „Sitz!“ oder „Platz“ befohlen, sondern „Hände hoch!“ Gewiss ist die arme Kreatur zu diesem Posing gezwungen worden. Welcher Hund würde freiwillig für diese FDP Reklame machen?! Hunde und freie Demokratie... - das ist wie FDP-Leute und Sozialstaat oder sowas in der Art.  


Egal. Die Fragen nach dem Für wen und Wozu der Freiheit hat diese Splitterpartei jedenfalls in erschreckender Klarheit beantwortet. Freiheit – ja sicher: für die Hunde. Und wozu: „Für Hundeauslaufplätze“. Armes Deutschland! Und diese FDP-Fanatiker lassen nicht locker. Man muss auch das Kleingedruckte beachten. Ja, auf besagtem Plakat. Achtung! Darauf steht auch noch: „Was woanders geht, das geht auch in Rheinhausen und Rumeln!“ Das ist radikal. Doch man meint offenbar, sich diese Radikalität hier erlauben zu können. Gerade hier! Denn hier treffen die Radikalliberalen auf ein entsprechend radikalisiertes Umfeld.  


Wir erinnern uns an den legendären Kampf um die Hundewiese am Toeppersee. Angeführt wurden die Rebellen von Manfred Bruckschen, einst als Betriebsratsvorsitzender Anführer des vielleicht nicht ganz so, aber doch auch legendären Kampfes gegen die Schließung der Krupp-Hütte. Zur Belohnung dann Landtagsabgeordneter geworden – nicht der FDP, sondern der SPD. Aber so ein parlamentarischer Alltag konnte nicht das Richtige sein für einen Arbeiterführer. Bruckschen schaffte es zwar auch als MdL noch ganz nach oben in die Schlagzeilen. Doch das war nicht das, was er suchte.  


Einer aus seinem Holz ist für den Kampf geboren, für den Widerstand. Und wenn es hier heutzutage, weil der Kampf um die Hütte verlorenging, eben nicht mehr so viele Arbeiter gibt, gut – dann wird eben umgeschult: vom Arbeiterführer zum Hundeführer. Und wenn den kleinen Vierbeinern einfach so ihre liebgewonnene Auslaufwiese genommen werden soll, dann kennt Manni, der Kämpfer, nichts. Dann können ihn die da oben mal kennenlernen! Obwohl... sie kannten ihn ja schon, was die Sache für die da oben auch nicht leichter gemacht hatte. Aber die Suche nach einem Kompromiss. Seit zwei Monaten ist das Thema Hundewiese vom Tisch.  


Das Leben könnte so schön sein. Die Hunde haben jetzt ihren freien Auslauf – westlich der Tegge, dem kleinen Toeppersee, um den es hier geht. Und hier bei mir – östlich der Tegge – können sich die Vierbeiner ohnehin nicht beschweren. Nicht einmal ihre Halter. Die Osterferien haben begonnen, die Sonne scheint, Hundeauslaufplätze gibt es wie Sand am Meer. Da sollte eigentlich auch die Demokratie eine feine Sache sein. Sollte man meinen. Doch dann das! Das Entsetzen, das Grauen kehrt zurück. Wenngleich auch nur via Wahlplakat. Aber trotzdem. Kaum macht man es sich gemütlich in seiner kleinen feinen Welt, schon schockt einen die FDP. 


Werner Jurga, 14.04.2014


Das Grauen:


Foto: M. R. Jurga


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