Geheimnisvolle Kanzlerin

Merkel in Athen


Sonntag, 13. April 2014. Viele politische Beobachter quält die Frage, was unsere Frau Bundeskanzlerin will. Mich auch. Vor allem würde mich einmal interessieren, ob uns Angela Merkel eigentlich veralbern will. Oder nur die Griechen. Oder ob es – unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie – eventuell so schlimm ist, dass sie den Stuss, den sie erzählt, selbst glaubt. Man weiß es einfach nicht. Angela Merkel – die geheimnisvolle Frau. Verfolgt sie eine politische Agenda? Und wenn ja, welche? Beeinflussen irgendwelche Grundüberzeugungen die Art und Weise oder gar den Inhalt der Politik, die sie macht? Deutschland rätselt, wünscht sich aber mit großer Mehrheit, auch weiterhin von dieser rätselhaften Person durch die schweren Zeiten geführt zu werden.  


Das klingt zunächst einmal merkwürdig, ist aber keineswegs so verrückt, wie man meinen könnte. Also: nicht ganz so verrückt. Denn erstens geht es den Deutschen wirtschaftlich unbestreitbar besser als den meisten ihrer Nachbarn. Besser sogar als den Griechen, obwohl diesbezüglich in der Boulevardpresse hin und wieder Gegenteiliges zu vernehmen ist. Und zweitens ist Frau Merkel – wenigstens das hat man von ihr erkannt – eine Architektin der Macht. Was dem deutschen Michel und seiner Michelin die Annahme nahelegt, dass jemand, der gut für sich selbst zu sorgen weiß wohl auch seine beruflichen Pflichten – hier also: die Mehrung der deutschen Macht – mit Bravour zu meistern weiß. Auch und gerade dann, wenn es mal brenzlig werden sollte. Die Bundeskanzlerin kann es.  


Vorgestern zum Beispiel; da war sie mal wieder in Athen. Keine einfache Sache. Als sie vor anderthalb Jahren das letzte Mal in Griechenland war, schlug ihr blanker Hass entgegen, Hitler-Vergleiche wurden bemüht. Ursache: viele Menschen machten Angela Merkel ganz persönlich für ihre manchmal nicht ganz einfache Situation verantwortlich. Nun könnte man hingehen und sich darüber beschweren, wie es in den Leserbriefspalten der Zeitungen und in den Kommentaren der Onlineausgaben zu lesen ist, dass die Griechen uns erstens auf der Tasche liegen, um uns dann zweitens zu allem Überfluss auch noch zu beschimpfen. Das wäre verständlich; so geht das aber nicht. Deshalb ganz anders unser aller Kanzlerin. Für sie ist diese Reise, sagt sie, “ein Zeichen der Solidarität“.  


Das ist wirklich hohe Staatskunst! Das macht ihr keiner nach. Die „Kanzlerin in Athen: Merkel spricht Griechen Mut zu“, lesen wir in der Frankfurter Allgemeinen, und dann bringt sie – einfach unnachahmlich – den „Vergleich mit Ostdeutschland“. Sie kennen das vielleicht. Wenn es einem Freund wirklich mal ganz schlecht geht, baut man ihn auf der Bemerkung: „Ich kenne das. Mir ging es auch mal ganz schlecht.“ Okay, ganz so hatte es die Kanzlerin freilich nicht gesagt. Vielmehr erinnerte sie „an ihre Herkunft aus Ostdeutschland. Auch nach der deutschen Wiedervereinigung habe es für viele Menschen eine schwierige Phase gegeben. Sie sei aber sicher: `Die Chancen und die Möglichkeiten überwiegen. Und ich bin ganz sicher, das wird auch in Griechenland so sein, trotz der schweren Wegstrecke´.“  



Griechenland: Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2003 bis 2013 (gegenüber dem Vorjahr)


So hat sie es gesagt, die Frau Merkel. Der Vergleich mit der deutschen Wiedervereinigung – da muss man erst einmal drauf kommen. „Griechenland steckt seit 2008 tief in der Rezession“, lässt sich feststellen. „Nachdem es 2012 noch um 6,4 und 2011 sogar um 7,1 Prozent nach unten gegangen war“, ging es, wie Sie auf dem Schaubild sehen, im vergangenen Jahr nur noch um 4,2 Prozent runter. Es ging also in den letzten drei Jahren immer langsamer abwärts, ein stetiger Aufwärtstrend sozusagen. Das erkennt auch die Bundeskanzlerin an. „Nicht als Lehrerin, die ihrem konservativen Parteifreund Samaras Noten erteilt, will Merkel in Athen gesehen werden“, steht in der Wirtschaftswoche. „Tatsächlich sei die griechische Regierung schon ordentlich vorangekommen auf dem Reformweg, glaubt man im Kanzleramt.“  


Dagegen war die deutsche Einheit in den Jahren 1989/90 mit einer Sonderkonjunktur, also kräftigen Steigerungen des Bruttoinlandsprodukts, verbunden. Zugegebenermaßen getragen in Westdeutschland, wo die freilich schuldenfinanzierte – wie denn sonst?! - Wiedervereinigung wie ein Konjunkturprogramm wirkte. In Ostdeutschland hielt die Arbeitslosigkeit, die man bis dato dort nicht kannte, Einzug. Allerdings nicht die Armut. Kohls Versprechen, es werde vielen besser, aber niemandem schlechter gehen, wurde – bezogen auf die monatlichen Einkünfte – weitgehend eingehalten. Die „umbruchsbedingte Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland“ schnellte allerdings rauf bis auf zeitweise 20 Prozent. Zum Vergleich: in Griechenland beträgt die Arbeitslosenquote gegenwärtig 24,2, jetzt 27 Prozent. Davon wiederum sind fast 60 Prozent dauerhaft arbeitslos.  


Als Katastrophe empfindet die Kanzlerin die hohe Arbeitslosigkeit“, lesen wir z.B. im Hamburger Abendblatt. Doch Frau Merkel weiß Rat: „Ihr Rezept: Geduld.“ Die scheint mir auch wirklich vonnöten zu sein, denken wir nur an die Jugenderwerbslosenquote, die bei 55 Prozent liegt. „Vieles ist in Griechenland teurer geworden – und das bei der hohen Arbeitslosigkeit“, heißt es in den Berichten von der Merkel-Reise nach Athen. Sicher: dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer. Merkel gibt als Ostdeutsche ihre Erfahrung mit der Wiedervereinigung an die Griechen weiter: "Die Chancen und die Möglichkeiten überwiegen. Und ich bin ganz sicher, das wird auch in Griechenland so sein, trotz der schweren Wegstrecke." Deshalb hat sie die Griechen zur „Fortsetzung seines schmerzhaften Reformkurses ermuntert“.  


Die griechische Wirtschaft schrumpft immer langsamer. Jetzt konnte sogar eine Anleihe am Kapitalmarkt platziert werden. Und schon im letzten Jahr hatte Griechenland einen „milliardenschweren Primärüberschuss geschafft“. Die Süddeutsche berichtete im August: „Der griechische Staat hat in der ersten Jahreshälfte einen Überschuss in Milliardenhöhe erwirtschaftet.“ Na bitte, geht doch. „Diese Rechnung lässt jedoch die Zinsen für die Kredite außen vor - und der Schuldenberg wächst.“ Oh! Das ist Pech. Vorher überlegen, würde ich sagen. Aber so geht das. So ähnlich auch den anderen südeuropäischen „Schuldenstaaten“, wie sie hierzulande in aller Solidarität genannt werden. Nicht ganz so verheerend, aber im Grunde auch nicht anders. Ob Frau Merkel auch uns veralbert, vermag ich immer noch nicht zu sagen. Was die Griechen und die Anderen betrifft, ist Veralbern ein verharmlosender Begriff.  


Werner Jurga, 13.04.2014




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