Mein Idol über „kirchliche Routiniers“:
„Laue Christen in überkommenen Strukturen“



Montag, 26. September. Meine Anregung, die deutsche Sektion der katholischen Kirche zu verbieten, aufzulösen und ihre Vermögenswerte einzuziehen, ist jetzt von einem ebenso prominenten wie kompetenzmäßig zuständigen Fürsprecher aufgegriffen und einem breiten Publikum erläutert worden.

Jetzt ist er wieder weg, der Stellvertreter Gottes auf Erden. Es wurde aber auch Zeit. Vier Tage lang auf allen Fernsehkanälen und Radiostationen, in allen Zeitungen und politischen Websites ständig dieser Unfehlbare im weißen Kleid, in der Regel begleitet von wichtigen Persönlichkeiten des politischen Lebens. Wer sich bislang der Illusion hingegeben hatte, dieses ach so säkulare und aufgeklärte Land habe das Mittelalter im Großen und Ganzen überwunden, sah plötzlich junge Eltern, die ihre Säuglinge einem wildfremden Tattergreis in die Hand drückten, auf dass er ihre Brut küsse.

Er (oder sie) sah prominente Politiker, die darum bemüht waren, noch ehrergebener als die Klassenkameraden aus der politischen Klasse über den reaktionären Kirchenführer ins Mikrofon zu hauchen. Und er hörte Nachrichtensprecher, die mit größter Selbstverständlichkeit etwas über den „Heiligen Vater“ zu vermelden wussten, so als sei es eine Tatsache, dass Herr Ratzinger erstens heilig und zweitens Irgendjemandes Vater wäre. Nun ist er also weg.

Lehrreich waren die vier Tage seines Deutschland-Aufenthaltes allemal. Dass dieser Staat nicht laizistisch ist, dass also hierzulande Staat und Kirche nicht vollständig getrennt sind, konnte man zugegebenermaßen schon vor Ratzingers Kurztrip in die Heimat wissen. Dass es aber so dicke kommen würde, im 21. Jahrhundert …! Und das obwohl der Papst mit unerhörter Stringenz aber nun wirklich jedweden Wunsch seiner Gastgeber entweder ignorierte oder aber konsequent zurückwies.

Nicht auf das Reden, sondern auf das Tun komme es an, verkündete das Oberhaupt der katholischen Kirche höchstselbst. Doch weit und breit niemand, der die dann naheliegende Frage gestellt hätte, warum der Papst nicht auch selbst aus dieser Schweigeempfehlung die sich aufdrängende Schlussfolgerung gezogen hat. Vielleicht weil "Menschen, die unter unserer Sünde leiden und Sehnsucht nach dem reinen Herzen haben, näher am Reich Gottes sind" als die "kirchlichen Routiniers", die in der Kirche "nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz von Glauben berührt wäre".

Originalton Ratzinger. Doch was werfen ihm die „enttäuschten“ Kirchenleute im Land der Reformation vor?! Ratzinger sei Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit schuldig geblieben. Mehr Orientierung hätten sie sich gewünscht, klarere Aussagen zur Ökumene, usw. usf. – Menschen können so furchtbar ungerecht sein, ohne dabei auch nur im Geringsten unter der Sünde zu leiden. Freunde, habt Ihr schon einmal etwas vom achten Gebot Gottes gehört?! „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider Deinen Nächsten!“ Also bitte!

Der in der „Glaubenskongregation“, der Nachfolgeinstitution der „Heiligen Inquisition“ zum "Panzerkardinal" gereifte Ratzinger widersteht auch als Papst allem, was dem Zeitgeist im Allgemeinen und der "Diktatur des alle Lebensbereiche durchdringenden Relativismus“ im Besonderen zugeordnet werden muss. Denn die westlichen Gesellschaften sind, meint Ratzinger, geprägt durch Positivismus, Materialismus und einen absolut gesetzten „übersteigerten Individualismus“.

Genau deshalb dürfe sich die Kirche nicht der Gegenwart anpassen, sondern müsse mehr auf Distanz zur Gesellschaft gehen und sich von der „Weltlichkeit der Welt“ lösen. Es sei „wieder an der Zeit, die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.“ Doch nichts da; das Oberhaupt sieht sonnenklar: „Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen." Alle zu satt geworden, diese „kirchlichen Routiniers", die in der Kirche „nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz von Glauben berührt wäre".

Da hilft nur eine radikale Neuausrichtung der katholischen Kirche; die „zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben“ liegt nämlich nicht an einem Zuwenig, sondern an dem Zuviel an Verweltlichung. „Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein."

Die Kirche - die allzu satte, deutsche - müsse sich entschlacken, müsse ärmer werden, hat der Papst unüberhörbar angeordnet. Demut, Umkehr, "erneuerter Glaube", mehr Treue zu Rom, also „Gehorsam“ – darauf komme es jetzt an. Doch Ratzinger sieht auch Zeichen der Hoffnung; denn neben den Spät-68er-Graumiesen sind da jetzt auch die Jungen, die Kameraden von der „Generation Benedikt“ und wie sie Alle heißen. "Wagt es, glühende Heilige zu sein!", konnte er dieser neuen deutschen Kirchenjugend zurufen und dabei in fröhliche, strahlende Gesichter blicken. Wie schön …

Aber noch hängt seine deutsche Sektion an „überkommenen Strukturen“. Mit  viel Geld und wenig Glauben ist ihre Religiosität längst zur leeren „Routine“ verkommen; immerhin: „Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden“ sind dabei vom Heiligen Vater auch gesichtet worden. Wie auch immer: die Kirche muss sich „von ihrer materiellen und politischen Last befreien“, Gewohnheiten und Konventionen abstreifen, findet Ratzinger und stellt damit das Verhältnis von Staat und Kirche insgesamt in Frage. Das kirchliche Verbandswesen im Heimatland – organisierter Geistmangel. Ratzinger weiß, wovon er spricht.

Und dann – ach Du lieber Himmel! – auch noch die Evangelischen! Und die Routine-Katholischen, die ebenfalls der Hoffnung auf Annäherung der beiden deutschen Amtskirchen frönen. „Selbst gemacht“ sind sie, diese Hoffnungen – von den Protestanten, versteht sich – und insofern „wertlos“. Deshalb konnte das Katholikenoberhaupt auch – leider, leider - kein „ökumenisches Gastgeschenk“ mit nach Thüringen bringen.

Dabei hat Herr Ratzinger – nur, dass wir uns nicht missverstehen – an sich überhaupt nichts gegen Ökumene inklusive gemeinsamen Abendessen und alledem. Im Gegenteil: der Heilige Vater wagt zu hoffen, dass der Tag "nicht zu ferne ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern können." Es sei sehr wichtig, dass weiter an der Klärung theologischer Differenzen gearbeitet werde; deshalb betet Bruder Benedikt für die Überwindung der Kirchenspaltung. Die Ökumene liegt dem Papst durchaus am Herzen.

Denn: "Katholiken und Orthodoxe haben die gleiche altkirchliche Struktur bewahrt; in diesem Sinn sind wir alle alte Kirche, die doch immer gegenwärtig und neu ist." Die orthodoxe Ostkirche, immer gegenwärtig und neu, gerade wegen ihrer altkirchlichen Struktur. Na, was dachten Sie denn?! Sie wissen doch: diese sog. Evangelische „Kirche“ ist bei Licht besehen eigentlich gar keine Kirche. Okay, das hat Herr Ratzinger bei diesem Besuch nicht noch einmal ausdrücklich erwähnt. Einmal muss reichen.

Alles andere hier Zitierte hatte er aber gesagt. Und da wagt es diese Mischpoke lauer Christen zu behaupten, der Heilige Vater hätte zu einigen drängenden Fragen überhaupt nicht Stellung bezogen. Das Mysterium der Heiligen Kirche wird auch diese Routinechristen überleben. „Dem Papst geht es außerordentlich gut“, ließ Vatikan-Sprecher Lombardi am Ende der „Pilgerreise“ wissen - sogar „etwas erstaunt, wie gut er diese Reise überstanden hat.“ Ach Gott, was stört es die Eiche, …

 

Werner Jurga, 26.09.2011