Selbstreflexiver Monolog bei Wein mit Schatz
Der Intellektuelle als solcher
(Teil 6 und Schluss)


Montag, 18. Februar 2013. Unser von kompetenter Seite anerkannter Intellektueller ist im Monolog mit seinem Schatz zum Kern der Problematik vorgedrungen, nämlich zur Frage, welche Eigenschaften den Intellektuellen als solchen in der heutigen Zeit auszeichnen. Er erläutert dieses Qualifikationsprofil seinem Schatz anhand eines Cicero-Textes von Michael Naumann..

Die Lage ist die, Schatz, dass dieser Michael Naumann sofort unter Punkt 1 die Sau rauslässt. Der schreibt da doch allen Ernstes: „1. Der Intellektuelle als solcher wird nicht mehr benötigt.“ Nun reg Dich mal nicht auf, Schatz! Ich habe mich auch zunächst einmal erschreckt, als ich das gelesen hatte. Aber nach einigem Nachdenken bin ich zu dem Ergebnis gelangt: das heißt ja noch gar nichts! Ja sicher, es ist nicht gesagt, dass das stimmt. Das nehme ich aber schon an, Schatz; denn das ist ja immerhin der Leitartikel dieses Cicero-Heftes, gewissermaßen. Nein, die entscheidende Frage ist meines Erachtens: wusste der große Meister das oder wusste er es nicht? Zu dumm, dass der das ganze Wochenende auf dieser Konferenz ist!

Ich habe auch schon überlegt, ob ich ihn auf seinem Handy anrufen sollte. Ja sicher, Schatz! Aber da müsste ich irgendetwas Wichtiges haben. Ich kann den Alten doch nicht einfach anrufen und fragen: „Was meinst Du? Wird der Intellektuelle als solcher eigentlich noch benötigt?“ Wenn ich irgendetwas Anderes hätte, und dann so ganz unauffällig, so ganz nebenbei… - Aber so! So grübelt man jetzt natürlich ständig, wie er das gestern im Kolloquium wohl gemeint haben könnte - dieses „Du bist mir auch so ein Intellektueller“. Und am nächsten Morgen ist er weg zu so einer blöden Tagung. Ich lese mal weiter: Das „System hat den Intellektuellen im Laufe des 20. Jahrhunderts aus seiner freischwebenden Existenz befreit und mit einer Professur ruhig gestellt…“

Also, vielleicht meint dieser Naumann auch mehr so Leute wie den Chef und weniger so Leute wie mich. Man weiß es halt nicht. Aber ich denke mir meinen Teil, Schatz. Mich hat jedenfalls das System noch nicht mit einer Professur ruhig gestellt. Noch nicht einmal mit einer Assistentenstelle; das ist ja gerade die Sauerei. Scheiß System! Aber Du bist ja wieder richtig wach geworden, Schatz. Ja, ist gut, ich lese weiter: „… wenn es ihn nicht ermordet hat.“ Wie, das verstehst Du nicht?! Das System den Intellektuellen natürlich. Was gibt es denn da zu lachen?! Du, das ist nicht lustig, Schatz. Früher hat man uns Intellektuellen mitunter ganz übel mitgespielt. Okay, ganz früher. Jedenfalls lacht man da nicht drüber!

Nein, ich bin nicht sauer, Schatz. Schließlich habe ich Dir diesen Bordeaux ja mehr oder weniger aufgedrängt. Und Du bist ja so ein schweres Tröpfchen nicht so gewohnt. Ich gieße mir als Absacker jetzt noch eben einen gepflegten Cognac ein. Mich macht das nämlich alles ganz rappelig. Ja Momentchen, ich lese ja weiter. Also Punkt 2, Eigenschaft 2 des Intellektuellen als solchen: „Theodor W.  Adorno hat schon alles gesagt.“ - Gut, weiß ich jetzt auch nicht, was das hier soll. Das ist ja keine Eigenschaft - „Adorno hat schon alles gesagt“. Egal, ich habe mir für alle Fälle vorgenommen, wenn eine wissenschaftliche Fachdiskussion einmal so richtig kompliziert wird, den mal ganz locker einzustreuen: „Adorno hat schon alles gesagt“.


Deutsche Briefmarke von 2003
zum 100. Geburtstag Adornos

Bei uns im Institut, versteht sich. Am besten dann, wenn diese Tina sich mal wieder aufspielt. Was meinst Du, wie die dann guckt?! „Adorno hat schon alles gesagt“ - ich könnte mich jetzt schon totlachen. Nein, bei dieser Heidegger-Tusse kann ich den nicht anbringen. Das könnte schiefgehen. Adorno - ich würde sagen: Frankfurter Schule und so. Dialektik. Ach hier, Schatz, pass auf: „3. Er war ein großer Intellektueller, aber heimlich, so lästerte einmal sein Freund Max Horkheimer, sehnte er sich im Exil nach einer sicheren Existenz auf einer kleinen Forschungsstelle in Kalifornien.“ Ja, so sind sie: Sehnsucht nach einer sicheren Existenz. Gott, was ist das peinlich! Und dann: Exil in Kalifornien. Na, so gut möchte ich es auch einmal haben!

Und so weiter, und so fort, Schatz. „6. Der Intellektuelle weiß alles, der Philosoph deutet viel. Der Intellektuelle jammert, der Philosoph trauert. Der Intellektuelle raucht und trinkt Kaffee, der Philosoph streichelt seine Katze.“ Ich glaube, das hilft uns jetzt auch nicht weiter, Schatz. „7. Früher saßen Deutschlands führende Intellektuelle als Lektoren im Suhrkamp-Verlag…“ - nee, das wäre nichts für mich. Verlagslektor „… Sie sind alle tot“. Das finde ich jetzt aber lustig. Nun ja, der Cognac… „8. Eine Rangliste deutscher Intellektueller hätten sie mit dem angemessenen Spott überzogen,…“ - also, diese Lektoren, typisch! Wenn echt mal etwas Brauchbares kommt, wo man so richtig klar einordnen kann, dann sind die dagegen. Blöd.

Aber hier, Schatz, „neuntens“ - das ist mal etwas Genaues. Womit man konkret etwas anfangen kann: „9. Die `konstruktiven Intellektuellen´, eine Subspezies des Kapitalismus, sitzen in Partei-Stiftungen, Thinktanks, Max-Planck-Instituten“. Das ist doch das. Was ich sage: ich habe die Uni doch gar nicht nötig. Wenn das mit der Stelle nichts werden sollte, na und! Ich bin eben so der Typus konstruktiver Intellektueller. Ein Max-Planck-Institut käme nicht so sehr in Frage, aber so ein Thinktank - das wäre eigentlich genau das Richtige für mich! Neue innovative Konzepte und so, Querdenken. Ich bin nämlich - das weißt Du ja, Schatz - ein Querdenker. Ja, ein Thinktank, das wär´s. Zur Not auch eine Partei-Stiftung, egal welche. 

„Konstruktiver Intellektueller“ - das ist es. Hier, immer noch Eigenschaft 9: „Als dekonstruktiver, ablehnender, Vorurteile niederreißender, nörgelnder, böswilliger, melancholischer, satirischer, selbstverliebter, auf alle Fälle aber beredter Denker hätte er auch keine Chance mehr, wahrgenommen zu werden. Der `konstruktive Intellektuelle´ hat dafür, im Gegensatz zum anderen, gute Manieren.“ Wie gut, dass ich das gelesen habe, Schatz! Jetzt weiß ich endlich, wo es langgeht in meinem Leben. Wir sind mit dem Text auch im Grunde durch. Es geht weiter mit „10. Intellektuellenfeindlichkeit war einmal die kleine Schwester des Antisemitismus.“ Egal, Jude bin ich nicht, und „war einmal“ interessiert mich nicht. Komm Schatz, wir legen uns schlafen!


Werner Jurga, 18.02.2013





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