Bemerkungen zur Bedrohungslage

Angst vor Krieg?



Dienstag, 8. April 2014. Wie bitte? Was muss ich da hören? Sie haben Angst vor Krieg? Nun haben Sie sich aber mal nicht so! „Krieg“ - ich bitte Sie! Mit so einem Wort spielt man nicht. Krieg ist nämlich eine ganz schlimme Sache. Deswegen sollten wir nur das „Krieg“ nennen, was wirklich Krieg ist. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Dieser Guttenberg, als der seinerzeit gesagt hatte: „In Afghanistan ist Krieg.“ Das war, egal was Sie sonst über den Baron von und zu denken mögen, richtig. Endlich hatte es mal einer gesagt. Nicht, dass wir es nicht gewusst hätten. Aber wenn einer von denen ganz oben einmal klar und deutlich ausspricht, in diesem Fall sogar der zuständige Minister, das ist schon schön. Dann hatte er die Wehrpflicht abgeschafft, dieser Freiherr von und zu Guttenberg. Das war natürlich, wie wir heute wissen, nicht ganz so gut. Denn der Russe hatte sich ja in der Zwischenzeit nicht in Luft aufgelöst.
 


Also, mein Lieber, was die Bedrohungslage anbetrifft, da sind wir ja ganz und gar einer Meinung. Sich die Welt schönzureden und zu glauben, es werde nur noch in fernen Ländern mit irgendwelchen Vollidioten Krieg geführt – Sie sehen: ich kenne, was das betrifft, keinerlei Tabus – das war weltfremd. Ein schöner Traum. Der Traum vom Frieden – meinetwegen, schöne Sache. Nun aber hat uns der Putin mit seinem Expansionsdrang wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Dafür müsste man ihm eigentlich dankbar sein, dem Putin. Nochmal: verstehen Sie mich nicht falsch! Ich wäre der Letzte, der sich einen Krieg herbeisehnte. Krieg ist ganz schrecklich. Aber es nützt ja nichts, wenn wir... – oder besser: gerade deshalb dürfen wir uns die Welt nicht schöner phantasieren, als sie ist. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof; die Welt kann grausam und gemein sein. Ob uns das passt oder nicht.  


Jetzt mal im Ernst: haben Sie denn etwa geglaubt, dass Kriege der Vergangenheit angehören?! - Nee, mein Lieber, das kaufe ich Ihnen nicht ab. So naiv sind Sie nun auch wieder nicht. Sie haben gedacht: Kriege – ja schön... Oder von mir aus auch: Kriege – nicht schön. Egal. Jedenfalls finden diese grundsätzlich nicht in Europa statt, sondern sind nur auf anderen Kontinenten zugelassen. Was weiß ich, wo. In Asien wahr-scheinlich und vor allen Dingen in Afrika. In Europa, haben Sie gedacht, hätte sich das mit den Jugoslawien-Kriegen nun aber endgültig erledigt. Georgien und wie diese ganzen abtrünnigen Minirepubliken dort heißen, ist Russland, haben Sie gedacht. Ich kann es Ihnen nicht ersparen, Sie sehen es ja jetzt überdeutlich: Sie haben sich selbst etwas vorgemacht. Sie haben sich in die Tasche gelogen. Georgien ist nämlich nicht Russland. Und die Ukraine auch nicht.  


Krieg gehört zum Leben dazu. Der Mensch wird nun einmal nicht schlau. Das ist verrückt; das brauchen Sie mir nicht zu erzählen. Diese russischen Einkreisungsängste – lächerlich. Wie stellen die sich das denn vor? Soll die Nato etwa Russland besetzen? So, und jetzt zu Ihnen. Sie haben Angst vor Krieg. Ja, sagen Sie mal: halten Sie denn den Putin für total beknackt? Meinen Sie vielleicht, der Russe würde, nachdem er sich die Krim und als nächstes vielleicht die Ostukraine einverleibt hat, noch mehr Appetit bekommen und einfach immer geradeaus Richtung Westen alles besetzen, was ihm in die Quere kommt? Immer geradeaus bis Duisburg-Bissingheim, damit er sich dann am Entenfang die Datschen unter den Nagel reißen kann? Also, mein Lieber, nun werden Sie mal nicht albern! Sie wissen doch ganz genau, worum es geht. Es geht um die Ukraine. Da wird hart miteinander gerungen.  


Diese ganze Sache kann eventuell auch ins Auge gehen. Das streite ich doch gar nicht ab. Wenn man sich partout nicht einig werden kann, na klar: dann kann es sein, dass Krieg kommt. Schrecklich, sagte ich ja schon. Aber vor so einem Krieg brauchen Sie doch keine Angst zu haben. Bedenken Sie doch bloß: wahrscheinlich knallt es in diesem Fall in der Ostukraine. Donezk, nur mal so als Beispiel, ist 2500 Kilometer von Duisburg entfernt. Haben Sie sich einmal überlegt, wie weit Sie, wenn Sie sich nicht in östliche, sondern in südliche Richtung auf den Weg machten, nach 2500 Kilometern in Afrika wären? Da hatten Sie sich doch auch nicht so angestellt! Ich sage es ja nur. Ja gut, Kiew liegt ein ganzes Stück näher dran. Aber es sind immer noch 1850 km bis Duisburg. Das ist ein ganzes Stück! Richtung Süden wären Sie da fast in Tunis. Wissen Sie noch, wie dort der arabische Frühling begonnen hatte?  


Ich gebe zu: das war ein Anlass zur Freude, nicht zur Sorge. Ich gebe ebenfalls zu, dass die Entwicklungen in der (Ost-) Ukraine besorgniserregend sind. Aber noch lange kein Grund, Angst zu haben. Wenn sich die Nato in dieser Situation als ein Papiertiger herausstellen sollte... - das wäre ein Grund, Angst zu bekommen. Aber das sehe ich (noch) nicht. Das ist klar: ließen wir dem Russen alles Mögliche durchgehen, käme er immer näher. Das können Sie doch nicht wollen. Gerade Sie nicht, mein Lieber! Krieg gehört zum Leben dazu. Die Kunst der Politik besteht darin, ihn möglichst weit von der eigenen Haustüre fern zu halten. 2500 Kilometer halte ich für einigermaßen vertretbar; unter 2000 Kilometer – da bin ich ganz bei Ihnen – wird es so langsam brenzlig. Vorneverteidigung nennen wir das bei der Nato, schon seit jeher. Eigentlich müssten wir dem Putin dankbar sein, dass er uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat.  


Werner Jurga, 08.04.2014




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