Heiliger Bonifatius!

Was spricht denn gegen Pferdefleisch?


Samstag, 16. Februar 2013. Wenn Sie es heute nicht geschafft haben sollten, schade! Dann kommen Sie halt nächste Woche am Samstag Morgen zum Rheinhauser Markt. Auf dem größten Wochenmarkt am Niederrhein, dem Wochenmarkt Hochemmerich, erhalten Sie “gesundes Obst und knackiges Gemüse, frisches Fleisch und deftige Wurstwaren“, auch vom Pferd. Zu empfehlen ist aber auch der Pferdemetzger, der samstags morgens in Homberg-Hochheide steht. Seine Pferdefleischwurst wurde von der damaligen NRW-Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Bärbel Höhn, im “Wettbewerb um die beste nordrhein-westfälische Fleischwurst” mit dem “Fleischwurst-Pokal 2001” ausgezeichnet. Pferdefleisch ist ja so gesund, weil es zarter und magerer ist als Rindfleisch, und überhaupt.

Allerdings: da gab es dereinst diesen Bonifatius oder, für die katholischen Leser, den Heilige Bonifatius. Obgleich gebürtiger Engländer wurde Bonifatius zum „Apostel der Deutschen“, weil er den entscheidenden Anteil an der Missionierung der Germanenstämme hatte. Er hatte die kirchliche Organisationsstruktur in großen Gebieten des heutigen Deutschlands aufgebaut, weshalb sich die Deutsche Bischofskonferenz allein schon aus Dankbarkeit seit nunmehr fast 150 Jahren alljährlich an seiner Grabstätte in Fulda trifft. Bonifatius zeichnete sich durch unbändigen missionarischen Eifer und ein für die damalige Zeit beachtliches Organisationstalent aus. Dafür hatte er theologisch nicht allzu Viel zu bieten, was insofern kein allzu großes Problem darstellte, als dass er seinem Papst ganz und gar ergeben war.

Der Papst wiederum wusste, wie konnte es anders sein, nun wiederum ganz genau, was Gottes Wille ist, und was der Allmächtige nicht ganz so sehr schätzt. Das ist, wie wir wissen, eine ganze Menge, unter anderem auch der Verzehr von Pferdefleisch. Und da Bonifatius zwar sowohl in Sachen Organisation und Administration als auch in Agitation und Propaganda echt spitze, aber ideologisch doch ein wenig schwach auf der Brust war, hatte es Gott so eingerichtet, dass er über seinen Stellvertreter den germanischen Frontkämpfer hatte seinen Willen wissen lassen. Dieser nannte sich Gregor. Nein, das war nicht der Papst mit der Kalenderreform, das war Gregor XIII, 800 Jahre später. Wir reden von Gregor III, der im Jahre 732 Folgendes geschrieben hatte:

„Unter anderem hast Du auch erwähnt, einige äßen wilde Pferde und sogar noch mehr äßen zahme Pferde. Unter keinen Umständen, heiliger Bruder, darfst Du erlauben, dass dergleichen jemals geschieht. Erlege ihnen vielmehr um alles in der Welt eine angemessene Strafe auf, durch die Du mit Christi Hilfe imstande bist, es zu verhindern. Denn dieses Tun ist unrein und verabscheuungswürdig.“ Es ist nicht völlig klar, warum Papst Gregor III den Verzehr von Pferdefleisch für verabscheuungswürdig gehalten hatte. Es mag sein, dass der Heilige Vater es schlicht für rüstungsökonomisch suboptimal hielt, wenn die kriegswichtigen Schlachtrösser im Kochtopf gelandet waren. Vielleicht ist ihm aber auch der ganze heidnische Kult, den die Germanen ums Pferdefuttern veranstaltet hatten, enorm auf den Keks gegangen.

Klar ist dagegen, dass Papst Gregors Verbot von seinem Nachfolger Zacharias bestätigt und von Bonifatius mit seinem schon erwähnten missionarischen Eifer ins Land getragen wurde. Klar ist weiter, dass sich das Pferdefleischtabu als eine Säule der Christianisierung bei den Germanenstämmen weitgehend durchsetzen konnte. Claus-Dieter Rath* machte in seiner 1989 vorgelegten zivilisationstheoretische Untersuchung über den Wandel der Esskultur darauf aufmerksam, dass Pferdefleisch von den Germanen “nicht von jedermann zu jeder Zeit an jedem beliebigen Ort verzehrt werden (durfte). Möglicherweise galt der Genuss von Pferdefleisch, also Fleisch des heiligen Tieres, von dem Moment an als gefährlich, verboten und unrein, als der kultische Zusammenhang durchbrochen war” (S. 117). 

Klar ist aber auch, dass einige Leute auch mit derben Strafen nicht davon abzubringen sind, das zu tun, was Gott verboten hat. Zumal wenn es ums Essen geht. Um 1825, also mehr als Tausend Jahre nach dem päpstlichen Verdikt, stellt ein deutsches Naturkundebuch fest: „Im Fall der Noth hat man es auch schon oft in Europa genossen.“ Das Pferdefleisch, und dem Satz vorangestellt ist die Bemerkung: “Es soll nicht widrig schmecken.” Man weiß es selbstverständlich nicht - woher auch?! Aber “es soll”. In Deutschland hatte man sich noch in vornehmer Zurückhaltung geübt, während “in den protestantischen Ländern des Nordens zu Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts intensiv für den Verzehr von Pferdefleisch geworben (wurde)” (Rath, S. 116).

Das Prestige des Rossfleischkonsums unterlag also Schwankungen, dennoch muss über die lange Sicht das Fazit gezogen werden: es hätte besser sein können. Fury in the slaughterhouse wurde in aller Regel nicht besonders gern gesehen. Dieses schwere Schicksal teilte das Pferd übrigens über Jahrhunderte mit der Tomate. “Während in Deutschland der Gedanke an Pferdefleisch bei vielen Ekel hervorruft, gilt die Tomate als Inbegriff des `Frischen´, `Gesunden´ und `Natürlichen´. Gleichwohl haben beide jahrhundertelang ein ähnliches Schicksal geteilt“ (Rath, S. 110). Wikipedia zufolge „verbreiteten sich Tomaten in den westlichen Bundesländern erst in den 1950er Jahren oder noch später.” Aber das ist wieder ein anderes Thema.


Werner Jurga, 16.02.2013



*Claus-Dieter Rath: Reste der Tafelrunde. Das Abenteuer der Eßkultur. Reinbek 1989.



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