Die Ukraine und die schwarze Null

Es ist alles so verwirrend


Freitag, 4. April 2014. Wochenlang hatte ich Zeit gehabt, mich daran zu gewöhnen, wer die Guten sind und wer die Bösen, und wie ich diese ganze Ukraine-Geschichte dementsprechend zu sehen habe. Gestern Abend sehe ich mir die Nachrichten im Fernsehen an, surfe durch die Onlineausgaben der Zeitungen und was muss ich da sehen?! Die Amerikaner. Jetzt sind die auf einmal wieder die Bösen. Die jagen Drohnen los, was sowieso schon mal nicht schön ist. Damit töten sie – noch unschöner. Und das auch noch – am unschönsten – vom deutschen Boden aus. Und die Russen? Weitgehend Fehlanzeige. Immerhin bieten sie dem Mr. Snowden Asyl, was eigentlich wir tun müssten, aber uns nicht trauen, weil... - der Putin traut sich jedenfalls! 


Aber die Ukraine! Die Schüsse auf dem Maidan vom 20. Februar. Scharfschützen hatten gezielt zig Demonstranten umgelegt, und gestern hatte eine Untersuchung ergeben, dass diese Sniper Berkut-Leute waren, also Leute aus einer Spezialeinheit des Janukowitsch-Regimes. Angeleitet von russischen Geheim-dienstlern, die möglicherweise auch selbst geschossen hatten. Logisch, sollte man meinen; schließlich wurden ja Regimegegner ermordet. Da wird es wohl das Regime gewesen sein. Jetzt erzählen unsere Medien, die sich in diesen Februartagen vor lauter Begeisterung über den Umsturz in Kiew kaum noch beruhigen konnten, dass man diese Version nicht so ohne weiteres glauben könne. Ich möchte mal wissen, was mit denen bloß los ist.  


Na sicher, vor sechs Wochen sind in Kiew auch Polizisten erschossen worden. Das wussten wir; aber wieso fällt denen das ausgerechnet jetzt ein? Klar, weil jetzt der Untersuchungsbericht vorliegt. Doch dessen Autoren seien nicht unabhängig, wird gesagt. Bei uns! Vor ein paar Tagen wären Hinweise dieser Art noch zielsicher als russische Propaganda eingestuft worden; jetzt werden sie uns als Nachtisch zur Hauptspeise namens Böse Amis serviert. Und zum Gruseln werden dann auch noch die Kameraden vom Rechten Sektor mit ihren MGs gezeigt. Während sie auch heute noch auf dem Maidan für „Ruhe und Ordnung“ sorgen, werden sie interviewt, und klar: die sind für so etwas überhaupt nicht ausgebildet.  


Wie schnell so etwas mitunter geht! Der Schäuble zum Beispiel hatte den Putin gar nicht mit Hitler verglichen. Das hatte sich nur so angehört. Nur, damit wir uns recht verstehen. Nicht etwa: das hatte er nicht gewollt. Vielmehr: das hat er gar nicht gemacht. Deshalb verwahrt sich Schäuble konsequenterweise und nachdrücklich gegen entsprechende üble Unterstellungen. Genau lesen, genau zuhören! Schäuble hatte übrigens diese Äußerung vor Schülern getätigt. Von denen ist dies ohnehin zu erwarten. Die werden diese Äußerung, in der es um die Krim-Annektierung ging und in der irgendwie auch das Wort „Hitler“ vorgekommen sein soll, schon richtig verstanden haben. Als wenn der Putin mit Hitler zu vergleichen wäre! Jetzt muss ich Sie aber bitten!  


Der Schäuble hat ganz andere Sorgen. Der ist doch überhaupt nicht für die Krim zuständig. Erstens ist niemand bei uns für die Krim zuständig, und zweitens erst recht nicht der Schäuble. Der muss sich nämlich um etwas viel Wichtigeres kümmern. Ja, wir müssen uns wieder in Erinnerung rufen: es gibt tatsächlich Dinge, die sind noch wichtiger als die Krim. Nein, nicht die Ukraine. Okay, die vielleicht; aber die meine ich jetzt nicht. Seien wir mal ehrlich: in die Nato soll sie nicht, und in die EU... - Um Himmels Willen! Stellen Sie sich das bloß einmal vor! Die Ukraine – die ist sowas von pleite. Dagegen sind Griechenland, Bulgarien und Rumänien die reinsten Schicki-Micki-Paradiese. Und die gehen dem Schäuble schon ordentlich auf den Keks.  


Mit diesen ganzen Habenichtsen will der nichts zu tun haben. Schon gar nicht mit der Ukraine! Der Schäuble will nämlich etwas ganz Anderes haben, und zwar: die schwarze Null. Raus aus den Schulden, verstehen Sie?! Das ist das ganz große Ziel, darum geht’s! Dem Schäuble und so gesehen eigentlich uns Allen! So. Und diese schwarze Null, die packen Sie nicht, wenn die Ausgaben für Rüstung und für Energie nach oben sausen, weil Sie Tullus mit dem Russen haben, Sie aber gleichzeitig auch noch Leute durchfüttern müssen, die happy sind, wenn sie hier für drei Euro schwarz auf dem Bau malochen dürfen. Die schwarze Null, die packen Sie nur, wenn alle endlich bescheiden werden und auf Extrawürste verzichten.  


Die Ukraine, zum Beispiel, die wäre so eine Extrawurst. Wäre eine schöne Sache, keine Frage, sitzt aber momentan nicht drin. Wir wären doch ganz schön blöd, wenn wir den Russen so einfach ganz von seiner Pflicht entbinden würden, sich um diese armen Menschen zu kümmern. Klar muss natürlich sein: auch wir müssen mit diesen Ukrainern unsere Geschäfte machen können. Da müsste man sich doch irgendwie handelseinig werden können! Nebenbei bemerkt: die Ukraine läuft ja nicht weg. Die sollen jetzt erst einmal die Rosskur mit dem Internationalen Währungsfonds machen. Dann können wir immer noch in aller Ruhe weitersehen. Sparen Lernen ist angesagt! Wir müssen selbstverständlich mit gutem Beispiel vorangehen.  


Auch deshalb ist die schwarze Null so wichtig. Vorbildfunktion und so. Ich betone: auch deshalb. Wir sparen natürlich zu allererst einmal für uns selbst, das heißt: für unsere Kinder und Kindeskinder. Klar. Doch darüber hinaus haben wir natürlich auch einen Auftrag, der weit über uns selbst hinausgeht. Alle brauchen solide Finanzen. Das sehen wir doch jetzt am Beispiel der Ukraine. Wenn nicht wir der Welt zeigen, wie das mit dem Sparen funktioniert, wer dann?! Ich frage Sie – klipp und klar: Wenn nicht wir, wer dann?! Alle müssen sparen. Das ist völlig klar. Jeder muss das einsehen. Nur so kann die Welt wieder genesen. Deutsche Tugenden, schwäbische Hausfrauen – da braucht man nicht erst groß Ökonomie zu studieren.  


Jetzt fangen die mit diesem Geschwätz über Deflation an. Wenn ich das schon höre! Es ist doch gut, wenn man die Inflation endlich mal in den Griff bekommt. Außerdem steigen die Preise immer noch um 0,5 %. Sagen die; in Wirklichkeit... - aber lassen wir das! Klar ist: wenn wirklich alle sparen, können die Preise gar nicht mehr so steigen, wie sie wollen. Alle reißen sich zusammen, geben Geld – wenn überhaupt – nur noch für das Allernötigste aus. So schaffen wir es! So schaffen wir sie: die schwarze Null. Ein großartiges Ziel. Niemand hat mehr Schulden, die Preise steigen nicht mehr, die Welt ist schön. Wir werden eine gewisse Zeit brauchen, um uns daran zu gewöhnen. Es werden sich Dinge ereignen, die uns verwirrend vorkommen müssen. Dafür ist uns dann aber die Ukraine egal.  


Werner Jurga, 04.04.2014





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