RAF-Terroristin und VS-Agentin 

Verena Becker


Donnerstag, 14. Februar 2013. Kurz nach Mitternacht haut die Bildzeitung die Meldung raus. Verena Becker, ehemalige RAF-Terroristin, hatte seit 1981 mit dem Verfassungsschutz kooperiert. Gegen Geld und andere Vergünstigungen hatte sie “im Rahmen umfangreicher Gespräche Informationen zur 'RAF' geliefert". Niemanden, der die Nachrichtenlage im Fall Becker verfolgt hat, kann dies überraschen. Es war und ist augenfällig, dass angesichts der Schwere ihrer Straftaten Frau Becker auch im Vergleich zu anderen RAF-Tätern relativ mild von den Behörden behandelt worden ist. Neu ist, dass jetzt bekannt geworden ist, dass ein deutsches Gericht, nämlich das Oberlandesgericht Stuttgart, dies in einem schriftlichen Urteil festgestellt hat.

Die Enthüllung der Bildzeitung ist wasserdicht. Das Boulevardblatt kann wörtlich aus dem Urteil zitieren. Mittlerweile haben andere Medien diese Nachricht übernommen. Es kann nicht darum gehen, wie es die reißerische Bild-Darstellung nahelegt, die Vergünstigungen durch die Behörden zu beklagen und stattdessen die “volle Härte des Gesetzes” für Frau Becker anzumahnen. Es ist auch nicht weiter bemerkenswert, dass der Inlandsgeheimdienst sich mit nachrichtendienstlichen Mitteln Informationen über eine Mörderbande verschafft hatte. Das ist schließlich seine Aufgabe, zumal das Treiben der RAF politisch motiviert gewesen war. Dass ausgerechnet die schlimmste Einpeitscherin zur - vielleicht “wichtigsten” - Verräterin wurde, kann ebenfalls als eine Banalität zur Kenntnis genommen werden.


Der schale Nachgeschmack ergibt sich aus anderen Aspekten der Kooperation zwischen dem Verfassungsschutz und der Frau Becker. Sie begann 1981, also vor gut dreißig Jahren. Verena Becker, die der Führung der sog. Zweiten RAF-Generation angehörte, wurde 1989 begnadigt. Die sog. Dritte RAF-Generation, von denen bis heute nur einige wenige bekannt, die meisten jedoch unbekannt geblieben sind, war noch bis 1998, also neun weitere Jahre “aktiv”. Die “Dritte Generation” hatte die Pläne einer “very big Raushole” nicht weiterverfolgt und sich stattdessen auf das konzentriert, was die RAF am besten konnte, nämlich Menschen zu ermorden. Der Diplomat Gerold von Braunmühl und die Manager Karl Heinz Beckurts (Siemens), Alfred Herrhausen (Deutsche Bank) und Detlev Karsten Rohwedder (Treuhand) waren die prominentesten Opfer dieser Ära.

Als “Köpfe” dieser “Dritten Generation” sind etwa Brigitte Mohnhaupt und Birgit Hogefeld bekannt; weitere Mitglieder sind bei Polizeieinsätzen unter teils fragwürdigen Umständen erschossen worden. Von den zehn Morden zwischen 1985 und 1993 ist lediglich einer der Täter bekannt. All diese Umstände - das weitgehende Fehlen der Täter, besonders aber die “Auswahl” der Opfer - haben stets Mutmaßungen begünstigt, dass es sich bei der “Dritten Generation” der RAF um ein Phantom handele, dass die Morde ab Mitte der 1980er Jahre vielmehr auf das Konto der Geheimdienste gingen. Die These vom “RAF-Phantom” ist immer freilich auch als “Verschwörungstheorie” kritisiert, nie jedoch in überzeugender Weise widerlegt worden. Die jetzt gerichtlich bestätigte Kooperation Verena Beckers mit dem Verfassungsschutz dürfte ihr neuen Auftrieb geben.

Werner Jurga, 14.02.2013





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