Samstags in Duisburg, Teil 4:
   wenn es in der Bude rappelt …

Samstag, 24. September. Samstags in Duisburg: eine gute Nachricht, eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst: Duisburg liegt in der Einkommensstatistik ziemlich weit hinten in NRW. Verfügbares Jahreseinkommen 16.000 Euro pro Kopf. Okay, das könnte besser sein. Aber jetzt die gute Nachricht: es handelt sich hierbei nur um einen Durchschnittswert. Das heißt, man kann auch in Duisburg leben und ein Ideechen mehr verdienen.

Und warum ist das so? – Das ist deshalb so, weil es starke Gewerkschaften gibt, die dafür sorgen, dass sich die Arbeiter – oder von mir aus „Arbeitnehmer“, wie sie hier lieber hören – nicht alles gefallen lassen müssen. Die dafür sorgen, dass es für ehrliche Arbeit auch ehrlichen Lohn gibt. Organisation erhöht die Schlagkraft, und diese Organisation heißt hier „IG Metall“. Duisburg ist nämlich Stahlstadt, und die IG Metall ist die größte Einzelgewerkschaft der Welt.

Aber das wissen Sie ja alles. Und Sie wissen bestimmt auch, dass man am Samstag mal mehr Zeit hat. Zum Beispiel auch zum Zeitunglesen. Und wenn Sie 1 und 1 zusammenzählen, dann können Sie sich ausrechnen, warum das so ist. Richtig: weil starke Gewerkschaften dafür gekämpft hatten. Samstags gehört Papa mir, manchmal sogar auch in Duisburg, wenn der Papa nicht gerade Kontischicht hat. Oder eben es vorzieht, einfach mal in aller Ruhe die Zeitung zu lesen.

Diesen Samstag in Duisburg: auf der ersten Seite der Lokalzeitung zwei waschechte Duisburger Jungens mit Bild und einem ziemlich langen Artikel dabei. Gut daran: beide Jungens echte Kumpels. IG Metall, SPD, richtig von uns. Konnten sich bei Thyssen richtig hocharbeiten und jetzt ist bei ThyssenKrupp Steel richtig was aus denen geworden! Aus dem Dieter Kroll und dem Thomas Schlenz.

                                                       

Dieter Kroll                                                                                                      Thomas Schlenz                                             

Die hatten sich beide – jeder für sich – richtig eingesetzt für die Sache der Arbeiter. Wenn Not am Mann war, waren die da. Wegen aller möglichen Sachen konnte man sich an die wenden, nicht nur Gewerkschaftsdinge, Löhne und so. Andererseits: ohne Moos nix los! Wenn ich das schon höre: Gewerkschaften wären nix als Lohnmaschinen. Eine Frechheit! Erstens ist das falsch, und zweitens muss das Einkommen ja wohl wirklich stimmen.

Und dann dieses niederträchtige Wort vom „Sozialneid“! Da kommen irgendwelche Leute aus den Schreibstuben, Amtsstuben oder Studierstuben daher und halten den Kollegen, die den Abstich machen, „Sozialneid“ vor. Ein Kampfausdruck ist das; eine schlimme Vokabel im Klassenkampf von oben. Feine Pinkel labern etwas von „Sozialneid“, darüber könnte ich mich wirklich aufregen. Okay, das führte jetzt ein wenig ab vom Thema; aber es musste einfach einmal gesagt werden.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, die Kollegen Kroll und Schlenz heute dick in der Zeitung. Samstags in Duisburg. Tja, unangenehme Geschichte; aber so ist das: es gibt überall mal was. Leider auch unter Genossen, leider auch unter Kollegen; da kann man nichts machen. Der Dieter hat den Posten, der Thomas hätte ihn gern, und schon rappelt es in der Bude. An und für sich völlig normal, trotzdem irgendwie unschön.

Was schreibt die Zeitung? „`Wir können mit allen anderen Vorstandsmitgliedern besser zusammenarbeiten´“, lautet eine Klage von Arbeitnehmerseite.“ Wer jetzt genau diese „Arbeitnehmerseite“ ist, ist freilich nicht zu erfahren. „Arbeitnehmerseite“ – irgendwie denkt man da freilich an Betriebsräte, und der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der ThyssenKrupp AG heißt Thomas Schlenz. Aber der war es nicht; denn der „erklärte gegenüber der WAZ, die Kritik an Kroll komme nicht von seiner Seite, sein Name sei ohne sein Zutun `ins Spiel gebracht worden´.“

Und das Spiel geht um den Posten des Arbeitsdirektors der ThyssenKrupp Steel AG, der von der „Arbeitnehmerseite“ besetzt wird, während die anderen Vorstandsmitglieder – na, wie soll ich es ausdrücken - … möglicherweise besser mit der „Arbeitnehmerseite“ zusammenarbeiten. Denn „Kroll verweigere sich in vielen Fällen der Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft, es gebe zwischen Arbeitnehmern, vor allem in Duisburg, und Arbeitsdirektor ein `ziemlich zerrüttetes Verhältnis´.“ Ich sagte ja bereits: irgendwie unschön.

Der Rest: Schlenz traut sich die Aufgabe eines Arbeitsdirektors zu, der Betriebsratsvorsitzende am Stahl-Standort Kreuztal steht hinter Kroll und wäre mit einer Ablösung Krolls „keineswegs einverstanden“, der Trend gehe aber Richtung Schlenz. So läuft das nun einmal, wenn es in der Bude rappelt. Schlimm, so etwas! Warum tun sich die Kollegen, ist man geneigt zu fragen, das bloß an?!

In einem Extra-Kasten schreibt die WAZ (leider nicht online), dass der Konzernarbeitsdirektor bei ThyssenKrupp im letzten Jahr mit zwei Millionen Euro bezahlt wurde. Überschrift im Kasten: „Attraktive Bezahlung“. Nun ist Dieter Kroll aber gar nicht Konzernarbeitsdirektor, und Thomas Schlenz will es auch nicht werden. Hier geht es doch nur um den Stahlarbeitsdirektor. Und der, schreibt die WAZ, „liegt darunter, verdient aber immer noch stattlich“.

Das sagt sich alles so leicht! „Immer noch stattlich“. Die Rede ist von einem Bruttogehalt, das muss erst noch hoch versteuert werden, und auch dann ist man noch lange, lange nicht beim „verfügbaren Jahreseinkommen“. Bei so einem Arbeitsdirektor gehen ja nicht nur die Kosten für die Kinder, Miete und Strom ab; in so einer Position hat man ja auch noch alle möglichen Verpflichtungen. „Immer noch stattlich“ – das ist leichter dahingeschrieben als im wirklichen Leben ertragen.


Werner Jurga, 24.09.2011

 

Bisher erschienen:

Samstags in Duisburg“, Teil 3:
Revolution, Umbuchung und ein Schwelbrand

Samstags in Duisburg (Teil 2):
Greuliches Fremdschämen

Neue Serie (Teil 1):
Samstags in Duisburg