Sie interessieren sich also nicht so sehr für das Thema Fracking, weil Sie nicht in einem potenziellen Abbaugebiet wohnen. Ich verstehe. Darf ich fragen, ob Sie nördlich oder südlich der Ruhr zuhause sind? Ach so, linke Rheinseite. Dann müssen Sie sich die Ruhr einfach linksrheinisch weiterdenken...


Schematische Darstellung einer Bohrung mit potentiellen Risiken für die Umwelt


Ein Thema fürs Gemüt

Fracking


Mittwoch, 13. Februar 2013. Aschermittwoch. Jetzt ist alles vorbei. Schluss mit Spaß und Schabernack. Wer jetzt noch zurücktritt, kommt eindeutig zu spät. Höchsten Respekt und Anerkennung gibt es für Schummeln oder Gebrechlichkeit nur in der Karnevalszeit. Höchste Zeit, dass diese Albernheiten jetzt ein Ende haben! Zurück in den Ernst des Lebens, vorwärts ins Wahljahr! Jawohl, dieses Jahr wird gewählt, und zwar richtig gewählt, also der Bundestag. Nun fragen Sie mal nicht: „Wieso?“ Nehmen Sie das doch bitteschön einfach mal so hin! Am 22. September wird gewählt. Ende der Durchsage. 

Ich gebe zu: so richtig Stimmung, also Wahlkampfstimmung, ist bislang noch nicht aufgekommen. Aber warten Sie mal ab! Es sind ja noch fünf Monate hin. Was nicht ist, kann ja noch werden. Okay, so Sachen wie früher, der Wettkampf zwischen der Freiheit und dem Sozialismus, so etwas ist ein für allemal vorbei. Thema erledigt: heutzutage ist soziale Gerechtigkeit angesagt. Ja nicht: dafür oder dagegen. Soziale Gerechtigkeit, basta! Für die ganz Schlauen vielleicht noch, wenn es hoch kommt: wie? Also: soziale Gerechtigkeit - wie sollen wir es machen? Das ist aber mehr so ein Minderheitenthema; da fehlt der Faktor Gefühl.


Und genau dafür - ja, für´s Gefühl - gibt es jetzt etwas Neues. Fracking - schon mal gehört? Fracking - wie soll ich sagen? - das ist so eine Art Erdgasförderung mit dem Hochdruckreiniger. Wobei das Gas nicht einfach nur so unter der Erde rumliegt, sondern da auch noch mal in den Steinen drin, so dass man da normalerweise gar nicht drankommt. Genau hier kommt das Fracking ins Spiel: mit Hochdruck wird so ein Gemisch in die Erde gespritzt, die Steine gehen kaputt, das Gas kommt raus, und schon kann es ordnungsgemäß abgebaut werden. Das Blöde ist nur: dieses Gemisch muss ein wenig chemisch behandelt sein, damit die Steine auch wirklich kaputtgehen.

Genau hier kommt der Faktor Gefühl ins Spiel. Was ist, wenn die Brühe, die die Kameraden in das Erdreich hineindröhnen, nicht nur chemisch behandelt, sondern dazu auch noch giftig ist? Was wird dann aus unserem Grundwasser? Fragen über Fragen, das Gute daran: die Langeweile ist vorbei. „Fracking wird zum Wahlkampf-Thema“, heißt es in der WAZ. Und weil Spiegel-Leser mehr wissen, lautet die Überschrift bei SpOn: „Fracking wird zum Wahlkampf-Aufreger“. Die Bürger wollen nämlich, dies hat jetzt eine Umfrage ergeben, „strenge Regeln für die Fracking-Technologie“. So zu lesen in der WAZ und in der Welt.


Ein klarer Fall für den Bundesumweltminister. Und wie es der glückliche Zufall oder die Fügung des Schicksals gerade so will, sieht das Peter Altmaier ganz genau so wie die Bürger. Der Westen titelt: „Altmaier sieht `auf absehbare Zeit´ keine Chance für Fracking in Deutschland“. Die Anführzeichen haben die übrigens gesetzt, nicht ich. „Auf absehbare Zeit“ - genau so wird das der Altmaier wohl gesagt haben. „Auf absehbare Zeit“ ist - aber wem sage ich das?! - das genaue Gegenteil von „auf unabsehbare Zeit“. Will sagen: es ist absehbar, dass und wann Fracking seine Chance in Deutschland bekommt. Vermutlich in fünf Monaten.

Damit das klar ist: „Altmaier will strenge Regeln für Fracking“ (SpOn). Oder noch präziser, vom Herrn Minister selbst formuliert, und zwar im Deutschlandfunk: „Wir wollen das Fracking einschränken, wir wollen es nicht ermöglichen.“ Zugegeben: er hatte schon leichter verständlichere Sätze von sich gegeben, der Altmaier. Aber ganz so schwer ist dieses „Nicht Ermöglichen, aber Einschränken“ nun auch wieder nicht. Halten Sie sich einfach vor Augen, dass nach gegenwärtiger Rechtslage Fracking praktisch uneingeschränkt möglich ist. Dann braucht der Minister nämlich gar nichts zu ermöglichen, dann schränkt er, egal was er macht, eben immer auch ein.


Wir wissen noch nicht ganz genau, worin das Wahlkampfpotenzial der Thematik bestehen könnte. Wir ahnen freilich, dass die IG Bergbau Chemie Energie (IGBCE) derzeit noch nicht allzu viele Fracking-Beschäftigte organisiert, was es der SPD erleichtern könnte, sich gemeinsam mit den Grünen in die Ablehnungsfront einzureihen. Für die Zeit - Online-Ausgabe - ist allerdings schon jetzt die Zeit gekommen, eindringlich zu warnen: „Nicht noch eine Ideologiefalle!“ So lobe ich mir die Zeit: ideologiefrei, unaufgeregt, sachlich. „Auch wenn Umweltschützer und Energiekonzerne noch so überzeugt tun: In der Debatte um das Fracking gibt es keine schnellen Antworten.“

Wunderschön, diese Stimme der Vernunft. Mehr davon? Bitte sehr: „Kaum ist die Atomkraft-Debatte halbwegs befriedet, steht Deutschland ein neuer, ideologisch aufgeladener Streit ins Haus.“ Ach, wie ätzend. Und so verbohrt. Oberirdisches Fracking sozusagen, direkt peinlich. „Längst haben sich Befürworter und Gegner hinter ihren Positionen verschanzt.“ Ganz genau. Aber noch gibt es in Deutschland die Zeit, die Mahnerin im Meer der ätzenden Bohrer. „Stattdessen täten mehr Gelassenheit und Pragmatismus der Debatte gut.“ Oder: „Fracking oder nicht Fracking – das Thema eignet sich nicht für eine Schwarz-Weiß-Debatte.“


Doch die Zeit wäre nicht die Zeit, wenn sie es nicht fertig brächte, direkt im Anschluss an das letzte Zitat folgendermaßen fortzufahren. Kein Witz, nach dem Abraten von der Schwarz-Weiß-Debatte geht es sofort weiter mit: „Ein pauschales Verbotsgesetz würde bedeuten, dass Deutschland die Chance verpasst, eine neue Technik zu nutzen und vor allem umweltverträglich zu gestalten. In diesem Land gibt es genau die Ingenieure, die es schaffen könnten, dass eben kein giftiger Chemikaliencocktail im Erdreich landet. Den Kritikern sei ebenfalls gesagt: Erdgas ist immer noch klimaverträglicher als Kohle – und sicherer als Atomkraft ist es allemal. Wer die Energiewende will, der kommt an Erdgas nicht vorbei.“

Klasse, unnachahmlich! Bei aller nüchternen Ausgewogenheit immer auch die staatspolitische Verantwortung im Blick. Ja, was bilden die sich denn ein, diese Öko-Freaks?! Dass wir da in der Ecke um Garzweiler haufenweise ganze Ortschaften umsiedeln - wegen dieser dreckigen und relativ wirkungsarmen Braunkohle - und dann beim Schiefergas einen Rückzieher machen, weil man sich Sorgen ums Leitungswasser macht?! Oder erst einmal die Steinkohle, die hat sich nicht einmal gelohnt. Ein Zuschussgeschäft ohnegleichen, und dann noch diese Ewigkeitskosten, damit nicht alles den Bach runtergeht. Trotzdem haben wir ganze Stadtteile tiefergelegt mit Rissen in den Häusern und allem…


Und jetzt, wo es wirklich einmal richtig wichtig wird. Wo man, wenn nicht heute, so doch morgen, richtig Geld mit der Förderung verdienen kann. Wo sich die ganzen geopolitischen Gewichte verschieben. Wo Deutschland auf einmal ein Rohstoffland werden kann. Wo wir die Russen und die Araber und alle in die Knie zwingen könnten… Da kommen diese Romantiker angewackelt und machen sich Sorgen um ihr Leitungswasser. Um so einen Scheiß! Um solche Kinkerlitzchen. Wenn es nach mir ginge, würde man all diese Leute in den Rhein-Neuss-Kreis verfrachten. Dann können die sich jeden Tag Garzweiler ansehen. Damit die endlich einmal kapieren, was in diesem unserem Lande Sache ist.


Werner Jurga, 13.02.2013




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