Bildquelle: "Bericht aus Berlin"


Der Kaiser von China in Duisburg und 

das zweifelhafte Gehabe deutscher Hofschranzen


Montag, 31. März 2014. „Werner, denk daran! Mach schön einen Diener!“ Ja, so war das damals: die Mädchen mussten einen Knicks machen, wenn sie den Erwachsenen die Hand gaben. Und die Jungen einen Diener. Kurze Aufklärung für die jüngeren Leser, denen möglicherweise nicht ganz klar ist, worum es sich bei diesem „Diener“ handeln könnte: es ist die dem Knicks entsprechende männliche Handlung, die in einem leichten Nicken des Kopfes besteht. Der Andeutung bzw. dem Symbol einer Verbeugung – also, weil wir uns hier auf der Ebene der Symbole befinden: einer Verbeugung. Erst 1979 war es so weit, dass „der Fachausschuss für Umgangsformen des Tanzlehrerverbandes“ die deutsche Öffentlichkeit hat wissen lassen, dass sich die Spielregeln für die lieben Kleinen in diesem Punkt geändert hatten: „Der `Diener´ der Buben und der `tiefe Knicks´ der Mädchen sind passé. Es genüge vollauf, wenn die Kinder bei einem Händedruck ihrem Gegenüber in die Augen sähen und einen `guten Tag´ oder `auf Wiedersehen´ wünschten.“ Die Zeit schrieb: „Die Kinder dürften jubeln.“ Ich jedoch hatte nichts mehr davon; ich war schon groß.


Nach wie vor üblich ist der Knicks in asiatischen Gesellschaften“, lesen wir bei Wikipedia. „Studentinnen zum Beispiel praktizieren ihrem Dozenten gegenüber den Knicks, während ihre männlichen Kommilitonen sich explizit verbeugen (anstelle des Handschlags).“ Natürlich anstelle des Handschlags, denn bekanntlich gibt man sich in (ost-) asiatischen Kulturen nicht die Hand. Nun sind wir hier aber in Europa, und Asiaten sind sehr höflich. Also hat sich Xi Jinping auch auf seinem Duisburg-Besuch auf das hier obligatorische Shakehands eingelassen. Dann jedoch ist es eigentlich nicht nötig, hier auch noch einen Diener zu machen, wenn man den chinesischen Präsidenten begrüßt. Eine Kleinigkeit, und vielleicht kann der Duisburger Oberbürgermeister ja geltend machen, dass er, auch wenn er bspw. Duisburger Bürgern zum 100. Geburtstag gratuliert, kurz mit dem Kopf nickt. Und dass er bei der Visite des chinesischen Diktators die absolut alberne OB-Kette umgehangen hatte, da hatte der städtische Protokollchef – übrigens öffentlich – darauf hingewiesen, dass dies bei solch hohem Besuch ebenso absolut obligatorisch sei. Gut, der neue Papst hätte seinem Protokollmeister kurz beschieden: „Ich hänge mir diesen Quatsch nicht um. Basta!“  


Doch Sören Link ist nun einmal nicht der Papst. Jetzt sagen Sie bitte nicht: „Dieser Xi Jinping ist auch nicht der Kaiser von China.“ Da müsste ich Ihnen widersprechen: rein protokollarisch gesehen ist er es irgendwie schon. Gut, sein Titel ist mittlerweile ein anderer. Es heißt heutzutage nicht mehr „Kaiser“, sondern „Präsident“. Das bedeutet auch, was ich persönlich alles andere als unerheblich finde, dass es einen ganz erheblichen Unterschied macht, wie man an diesen Posten drankommt. Allein: protokollarisch tut sich da nicht viel. Dieser Typ ist einer der mächtigsten Männer der Welt, auch und gerade in wirtschaftlicher Hinsicht. Und das bedeutet: Xi ist wichtig. Wichtig, weil mächtig. Macht macht wichtig, wobei es völlig unerheblich ist, wie man an diese Macht dran gekommen ist. Dieser Xi Jinping ist jetzt seit zwei Jahren Chinas Staatspräsident, seit eineinviertel Jahr KP-Generalsekretär. Ich kann nicht beurteilen, wie weit seine Macht reicht. Es gibt aber Hinweise, wie er an diese Macht und an sein ganz beträchtliches Privatvermögen gekommen ist. Wie dem auch sei: in jedem Fall führt und repräsentiert Xi die Staatsmacht und die herrschende politische Kaste Chinas. Xi ist der Diktator an der Spitze eines abstoßenden und mörderischen Regimes.  


Ich finde die informellen Regeln des politischen Milieus in Duisburg, die irgendwie festlegen, wer wen grüßt, lächerlich provinziell. Wer in Duisburg nun wem die Hand gibt und wer nicht, ist erstens Posse und zweitens dem Fachausschuss für Umgangsformen des Tanzlehrerverbandes folgend gewiss in hohem Maße ungezogen. Man grüßt, in Europa in aller Regel mit Handschlag, Basta. Und doch, bei solch einer Figur wie Xi Jinping hätte ich mir mindestens dreimal überlegen müssen, ob ich diesem Kerl die Hand gebe. Ich bin nicht und ich konnte auch gar nicht in diese Verlegenheit kommen. Herr Xi war nicht mein Gast. Überflüssig zu erwähnen: bei meinem Herzlichen Willkommen handelte es sich um eine Glosse. Völlig klar: Xi ist einer der mächtigsten Männer der Welt; ich bin das Gegenteil. Und doch möchte ich – nur für den Fall, irgendjemandem könnte dies nicht völlig klar sein – sicherheitshalber erwähnen: so einer wie der kommt mir definitiv nicht in mein Haus. Xi hat jetzt „der Korruption in China den Kampf angesagt und dabei erklärt, er werde weder die hochrangigen `Tiger´ noch die kleinen `Fliegen´ verschonen“. Schöne Sache, könnte man meinen. Wüsste man nicht, was mit „kleinen Fliegen“ passiert, wenn sie „nicht verschont“ werden.  


Ja, die Korruption. Vermutlich sind wir letzten Endes alle käuflich, wenn nur der Preis hoch genug ist. Es lässt sich doch überhaupt nicht bestreiten, dass China ein Handelspartner von überragender und vor allem wachsender Bedeutung ist. Auch politisch, also strategisch wird China – ähnlich wie Deutschland, nur auf deutlich höherem Niveau – eine zunehmend stärkere Rolle in der Welt spielen. Die deutsche Außen- und Außenwirtschaftspolitik hat ein fundamentales Interesse an guten Beziehungen zu China. Folglich sind auch persönliche Kontakte zum Führer dieser menschenverachtenden Diktatur zu hegen und zu pflegen. Das ist völlig klar; das steht völlig außer Zweifel. Im übrigen ist jeder Gast höflich und angemessen zu empfangen. Das rechtfertigt allerdings nicht dieses operettenhafte Hofschranzengehabe um den Kaiser von China, wie es vorgestern in Duisburg-Rheinhausen zu beobachten war. Oder in Düsseldorf. Die Hannelore von der Gathestraße aus Mülheim, die bekam das Strahlen doch überhaupt nicht mehr aus dem Gesicht. Die konnte ihre Begeisterung über den ach so hohen Besuch überhaupt nicht mehr im Zaume halten. Völlig aus dem Häuschen wegen eines großen Diktators eines widerwärtigen Regimes. Das ist abstoßend.  


Werner Jurga, 31.03.2014



Seitenanfang