Kurt Biedenkopf
(Foto: MOdmate via Wikipedia)


Die “Causa Schavan” kommt nicht zur Ruhe

Biedenkopf kämpft


Montag, 11. Februar 2013. In der “Causa Schavan” hat sich jetzt Kurt Biedenkopf zu Wort gemeldet, und zwar in der Welt. Er ergreift klar Partei für die gestern als Bildungsministerin Zurückgetretene. Seine Argumente sind Munition für die Auseinandersetzung mit der Universität Düsseldorf und wären keineswegs durchweg von der Hand zu weisen. Wenn sie nicht ausnahmslos völlig an der Sache vorbeigingen.

“Ihre Aussichten sind gut“, schreibt der mit professoralen Würden ausgestattete Herr Biedenkopf und meint damit Frau Schavans Klage gegen die Universität Düsseldorf. Warum sich dann allerdings, wenn dem so sein sollte, Biedenkopf zu einer publizistischen Unterstützung in der Springerpresse veranlasst sieht, wird uns nicht verraten.


“Dass Annette Schavan gegen Zitierregeln verstoßen hat“, räumt Biedenkopf gleich zu Beginn ein, “ist unstrittig”. Dass die Universität Düsseldorf, räume ich ein, in dem Verfahren bislang (?) ein jämmerliches Bild abgegeben hat, ist ebenfalls weitgehend unstrittig. Immerhin der zentrale Punkt in Biedenkopfs juristischer Argumentation.

Bekanntlich lassen sich darüber hinaus noch eine Reihe von juristischen und politischen Argumenten zu Gunsten Frau Schavans anführen. Einige werden in der Kolumne gebracht, andere nicht. Allerdings gehen sie alle an der Frage vorbei, ob Frau Schavan im Jahr 1980 die für ihre Promotion geforderte Leistung erbracht hatte oder nicht. Sie sind also unerheblich.


Dies gilt letztlich auch für Biedenkopfs Argumentation: er bezweifelt die Korrektheit des Überprüfungsverfahrens im allgemeinen und bemängelt im besonderen, dass die von der Universität “festgestellte” Täuschungsabsicht nicht begründet, geschweige denn bewiesen wird.

Einmal unterstellt, das Verwaltungsgericht hebe die Aberkennung des Doktorgrads aufgrund von Verfahrensfehlern auf, was hätte Schavan gewonnen (außer Zeit, die jetzt weniger ihr als der CDU nützte)? Nicht einmal ein Urteil, das die Aberkennung des Titels für rechtswidrig erklärte, implizierte die Korrektheit dessen Erlangung.


Was Biedenkopf so generös als Verstoß gegen Zitierregeln einräumt - noch mal: gleich zu Beginn seiner Kolumne! - ist im Grunde eben nicht der Anfang einer Erörterung, sondern das Ende jeglicher Diskussion. Der Hinweis der Universität auf eine vermeintliche Täuschungsabsicht ist völlig sachfremd. Selbst wenn die von Frau Schavan ins Feld geführten “Flüchtigkeitsfehler” unterstellt werden, bleibt nur der Befund, dass die 1980 vorgelegte Dissertation die Anforderungen der Prüfungsordnung nicht erfüllt.

Dies ist schlicht eine Frage der Quantität. Nicht etwa der Anzahl der “Flüchtigkeitsfehler” - auf 300 Seiten Text erschienen mir selbst 100 Flüchtigkeitsfehler noch tolerabel. Sondern die Menge und die Bedeutung der nicht als Fremdtexte ausgewiesenen Passagen betreffend. Diese sind auch für Fachfremde ohne großen Aufwand erkennbar in Schavans Dissertation deutlich zu groß.


Deshalb bleibt nur die Feststellung, dass Frau Schavan die für eine Promotion geforderte Leistung niemals erbracht hatte. Diese Feststellung beinhaltet keinerlei Urteil oder gar Verurteilung mehr als dreißig Jahre zurückliegenden Verhaltens. Erwägungen über Motive sind - da hat Biedenkopf Recht - spekulativ, sachfremd und insofern anmaßend.

Da Frau Schavan eine Person des öffentlichen Lebens ist, steht es jeder Person frei, sich über ihre Lebensleistung bewertend zu äußern oder es zu lassen. Eine öffentliche Institution, gar ein Amt bzw. eine Behörde hat dieses Recht selbstverständlich nicht. Auch in Bezug auf diesen Zusammenhang bleiben (Teile der) Erklärung der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf unverständlich.


Die “Causa Schavan” hat gewiss auch tragische Aspekte, und die Willkürlichkeit, mit der sich Plagiatsjäger auf die Jagd machen, bereitet Unbehagen. Dass sich Frau Schavan gleichsam als Opfer inszeniert, stellt aber die Realität auf den Kopf - auch dann, wenn das Verwaltungsgericht der Uni Verfahrensfehler attestieren sollte.

Schavan ist nach mehr als dreißig Jahren auch “Opfer”, vornehmlich aber “Täterin”. Die etwas ungewöhnlichen medialen Samthandschuhe, mit der Schavan angefasst wird, sind unangebracht. Sie begünstigen ein Zerrbild sowohl von der Wissenschaft als auch von der “politischen Klasse”.


Die vermeintliche Lässlichkeit der angeblich so belanglosen “Sünden” etwa der Frau Schavan transportieren eine Geringschätzung der Wissenschaft, insbesondere der Sozial- und Geisteswissenschaften. Statt einer Kritik des absurden Doktorkults transportieren viele Medien, dass die damit verbundenen wissenschaftliche Resultate gesellschaftlich belanglos seien.

Dieses Bild wirkt auf die Wissenschaft zurück - mit dem Ergebnis, dass tatsächlich an der Relevanz nicht weniger “akademischer Erkenntnisse” - in allen Fachrichtungen! - ähnlich zu zweifeln wäre wie an dem anteaufgeklärten Titeltamtam. Diese Züge eines “Grundkonsenses” tragende Einstellung legt die Axt an den Überlebenswillen dieser Gesellschaft.


Plagiatsjäger nehmen den ganz erheblichen Aufwand ihrer Recherchen nur dann in Kauf, wenn im “Erfolgsfall” mit einem merklichen öffentlichen Feedback gerechnet werden kann. Oder - in ihrer Lesart - um einer demokratischen Wächterfunktion gegenüber Politik und Wissenschaft nachzukommen. Im Ergebnis werden (fast) ausschließlich prominente Politiker Gegenstand dieses Jagdfiebers.

Dies ist nicht nur ungerecht; es produziert auch das Zerrbild, dass (fast) ausschließlich im Politikbetrieb intellektuell etwas unterbelichtete, aufschneidende Betrüger, Blender und Faulpelze am Werk seien. Es ist zu bedenken, dass die Bevölkerung i.d.R. Promovierte als Ärzte und - in Wahlkämpfen auf Wahlplakaten - als Politiker wahrnimmt.


Umfragen weisen einen relativ hohen Anteil von Menschen aus, die sich für ein Verbleiben “ertappter” Politiker im Amt aussprechen. Die Werte sind bei der “gnadenlos verfolgten Jugendsünderin” Schavan hoch - höher als beim Rest der Riege der Ex-Doktoren, wenn auch nicht ganz so hoch wie dereinst beim “Super- und Popstar Guttenberg”. 

Das Muster ist notwendig bei allen gleich: die Überführten verschwinden von der Bühne, der Vertrauensverlust bleibt bei den übrig gebliebenen Akteuren hängen. Bei den Promovierten genau so wie bei denen, die niemals auch nur mit dem Gedanken gespielt hatten, höhere akademische Weihen anzustreben. Der Schaden der Plagiatsfälle für die Politik ist mindestens so groß, wenn nicht größer, als für die Wissenschaft.


Werner Jurga, 11.02.2013




Siehe auch: 

Es gibt keine mildernden Umstände:

Schavan hat keine Chance

Freitag, 25. Januar 2013