Selbstreflexiver Monolog bei Wein mit Schatz  
Der Intellektuelle als solcher (Teil 5)

Sonntag, 10. Februar 2013. Unser von kompetenter Seite anerkannter Intellektueller ist im Monolog mit seinem Schatz auf berufliche Probleme zu sprechen gekommen, mit der Folge, auch in seinem Privatleben Legitimationsdruck zu verspüren. Anlass genug, zum Wesentlichen zurückzukehren.

Die Lage ist die, Schatz, dass niemand etwas Genaues weiß. Das hoffe ich jedenfalls. Der Pädagogik-Prof soll allerdings gute Kontakte zum Ministerium haben. Dass der dann sofort seine Tina pushen wird, ist ja wohl klar wir Kloßbrühe. Diese rote Hexe! Nein ich weiß nicht, wie weit die mit ihrer Diss ist. Wie oft soll ich Dir das noch sagen, Schatz?! Ich habe mit der werten Frau Kollegin nichts am Hut. Die stand halt einfach so dabei am Tisch in der Drosselschänke. Da kann ich sie ja wohl schlecht verscheuchen. Ja und Montag sehe ich sie wieder im Institut, wie schön! Und manchmal essen wir auch zusammen zu Mittag, stell Dir vor. Boah Schatz, jetzt reden wir einmal über wirklich wichtige Sachen, und da fängst Du ständig mit Deiner Tina an!

Komm, ich gieße Dir nochmal von diesem fantastischen Wein nach. Ja, siehst Du mal, das habe ich Dir doch gesagt, dass der ein echtes Gedicht ist! Dieser Tropfen ist Komposition feinster Raffinesse. Füllig und doch so zart und schlank. Richtiggehend finessenreich, d.h. dieser Vino strahlt eine gute Harmonie aus. Edelfirnig, wie wir Fachleute sagen. Prost Schatz! Diese drei Tage gehören nur uns beiden – ganz allein. Ja heute war noch ein Arbeitstag. So schlau bin ich auch, Schatz. Und ob Du es glaubst oder nicht: ich habe heute auch gearbeitet! Oh doch. Was das dann zu bedeuten hat, dass ich den ganzen Tag noch keine Jeans und keinen Pullover anhatte?! Mmhh, ich würde sagen: dass Du nicht ganz so viel Wäsche hast. Ein Scherz, Schatz, nicht Aufregen! 


Du kannst aber auch manchmal Fragen stellen! Stell Dir das doch bitteschön nur einmal umgekehrt vor: ich würde Dich fragen, warum Du nicht da warst, sondern dort. Ob Du gearbeitet hattest und wenn ja was? So etwas traut man sich als Mann in der heutigen Zeit ja überhaupt nicht mehr. Nicht einmal zu denken! Und jetzt wirst Du staunen, Schatz: das halte ich auch für richtig. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter. Pass auf, es war so: weil mich dieses Intellektuellen-Gequatsche auch heute direkt wieder eingeholt hatte, also sozusagen direkt nach dem Wachwerden, habe ich mir mal das Cicero-Heft geschnappt. Das liegt nämlich nicht auf dem Wohnzimmertisch für den Fall, dass mal überraschend Besuch kommen könnte.

Der Cicero liegt deshalb dort, damit ich ihn sofort finde, wenn ich ihn brauche. Und heute Morgen – ja, von mir aus: heute Mittag – habe ich ihn wirklich gebraucht. Diesen Monat (dieser Monolog ereignete sich im Januar) haben die das doch mit den Intellektuellen gemacht. Hast Du doch gesehen Schatz. Na egal, jedenfalls steht im Heft nicht nur diese Hitliste, sondern auch… - Und ob ich Dir davon erzählt hatte, Schatz! Aber Du hörst und hörst mir ja einfach nicht zu. Schon gar nicht, wenn es ausnahmsweise einmal um meine Arbeit geht. Hauptsache, für Dich steht fest, dass ich den Cicero nur im Abo habe, um damit angeben zu können. Doch wenn urplötzlich von der Assistentenstelle die Rede ist, dann auf einmal...


Cicero-Titel Januar 2013

Ja, ist schon gut, Schatz! Ich bin ja nicht nachtragend; Du kennst mich ja. Aber da siehst Du mal, wie das so alles miteinander zusammenhängt. Du willst kein Glas mehr? Nun ja, das Tröpfchen ist wirklich etwas schwer. Hatte ich aber gesagt. Kein Problem, dann trinke ich eben das letzte Glas. Wo war ich stehengeblieben? Ach so, pass auf: Du kennst doch den Michael Naumann, oder?! Doch, den kennst Du bestimmt. Der ist in Hamburg beim vorletzten Mal, also bevor der Olaf Scholz… - die SPD hatte verloren, und der Kurt Beck soll schuld gewesen sein. Ganz früher war er Kulturstaatsminister unter Kanzler Schröder. Nein, nicht der Kurt Beck, der Michael Naumann natürlich. Sozusagen der Intellektuellenminister, der erste überhaupt. 

So, und bis vor Kurzem war er der Chefredakteur des Cicero. Richtig: nicht der Kurt Beck, sondern der Michael Naumann. Und im Cicero hat der jetzt einen Text geschrieben. „Überhaupt: Intellektuelle schreiben `Texte´, keine Artikel“ (Eigenschaft Nr.9). Insgesamt hat er 19, der Intellektuelle als solcher. Wie? Was? Ja, Eigenschaften natürlich, Schatz, Du musst auch zuhören! Der Naumann hat in dem Text die 19 Eigenschaften… - warte mal eben! Ach hier… - „skizziert“, die Du als Intellektueller heutzutage sozusagen draufhaben musst. Da kannst Du mal sehen, Schatz! Das ist doch gut angelegtes Geld, so ein Cicero-Abo. Ich packe mir dieses Qualifikationsprofil jetzt nämlich ganz vorn auf meine Biofestplatte – absturzsicher, 100%iger Viren- und Alkoholschutz.


Und dann sollen sie mal alle kommen...


Werner Jurga, 10.02.2013



Die Fortsetzung dieses selbstreflexiven Monologs folgt am 18. Februar.





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