Jörg-Uwe Hahn - Foto: E-W/Wikipedia


Aufregung um Jörg-Uwe Hahn

Asiatisch Aussehende, rassistische Liberale und Grenzdebile


Freitag, 8. Februar 2013. Jetzt mal ganz ehrlich! Wir sind ja unter uns. Kannten Sie bisher Jörg-Uwe Hahn? Ich meine: konnten Sie mit diesem Namen bis zum gestrigen Vormittag ein Gesicht verbinden? Logisch: dass Herr Hahn nicht zu Ihrem engeren Bekanntenkreis gehört, hatte ich jetzt einfach mal so angenommen. Weiter nehme ich an, dass nur eine kleine Minderheit von Ihnen diese Frage bejahen kann. Polit-Freaks sind Sie, liebe Leserinnen und Leser, ja mehr oder weniger irgendwie alle. Warum sonst würden Sie meine Seite anklicken. Aber wer den Namen „Jörg-Uwe Hahn“ und dieses Gesicht fehlerfrei einander zuordnen konnte, Respekt, das muss schon ein Polit-Junkie erster Güte sein. Oder ein aktives Mitglied der FDP. Die gibt es - sogar hier.

Umgekehrt nehme ich auch an Konferenzen teil, auf denen Herr Hahn ein Grußwort spricht. Das war so vor einem halben oder dreiviertel Jahr. Nun gehöre auch ich zur Personengruppe der Polit-Junkies, und deshalb dürfen Sie mir glauben, dass Hahn mir auch schon zuvor bekannt war. Der FDP-Chef aus Hessen… Dass er Landesminister ist, hätte ich auch gewusst. Aber wofür… - da hätte ich passen müssen. Wäre mir sein Bild gezeigt worden, hätte ich auch sagen können: Landesminister und FDP-Vorsitzender aus Hessen. Doch auf seinen Namen wäre ich wohl nicht gekommen. Diese Defizite seinen Bekanntheitsgrad betreffend hat Jörg-Uwe Hahn gestern mit einem Schlag, nämlich mit einem Interview in der Frankfurter Neuen Presse (FNP), aus der Welt geschafft. 


Nächste Frage: kennen Sie denn Lars Lindemann? Nein, falsch! Das ist nicht Loriots Lottogewinner; der hieß nämlich Erwin. Ich habe aber nach dem Lars gefragt. Nun ja, Sie können ja noch einmal überlegen. Wir bleiben jetzt zunächst einmal bei Jörg-Uwe Hahn und seinem FNP-Interview. Das ist erstens ein wenig lang und zweitens deutlich mehr langweilig. Man ist bei der FDP, und die Redaktion fragt - Horst Schlämmer lässt grüßen - knallhart nach: „Ist die Debatte um Rösler also beendet?“ Hahn schickt noch zwei Sätze vorweg, um dann - kurz vor dem Ende - dem Interview doch noch den entscheidenden Dreh zu geben: „Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.“

Na, da war aber etwas los! Die Einen empörten sich, weil der Hahn etwas Rassistisches gesagt habe, die Anderen, weil er den Deutschen Rassismus unterstellt habe. Was übrigens - ich bin froh, an dieser Stelle die Gelegenheit zu haben, dies klarzustellen - nicht ganz genau Dasselbe ist. Ich möchte dies an einem Beispiel erläutern - an mir. Ich zum Beispiel halte mich nicht für rassistisch. Möglicherweise bin ich diesbezüglich nicht „über jeden Zweifel erhaben“ wie etwa nach Angeben des asiatisch Aussehenden der Herr Hahn. Aber ich werde auch nicht entsprechend bezichtigt - kein Beweis, aber ein gutes Zeichen. Weiter bilde ich mir ein, weder die Deutschen für rassistisch zu halten noch ihnen dies zu unterstellen. Hier steht es um meine Referenzen leider nicht so gut.


Deshalb gestatten Sie mir bitte, bevor ich mit Herrn Hahn weiterfahre, ein kurzes Wort in eigener Sache. Ich bestehe darauf, dass ich niemals behauptet habe, weil ich dies auch wirklich nicht denke, die Deutschen seien rassistisch. Solch ein Pauschalurteil halte ich für absolut blöde, und ich lasse mir nicht unterstellen, es jemals verbreitet zu haben! Basta. Vielmehr gehe ich davon aus, dass es sich - freilich in enger Abhängigkeit von der Definition des Begriffs „Rassismus“ - allenfalls bei 60% bis höchstens 80% der Deutschen um Rassisten handeln dürfte. Danke, dass ich dies an dieser Stelle einmal klarstellen durfte! Weiter mit den Reaktionen auf Hahns Interview-Äußerung, bei der es sich im übrigen eher um eine Frage als um eine Aussage handelt.

Auf ein „würde ich allerdings gerne wissen, ob“ ließe sich nämlich unter Umständen eine Antwort geben; deutlich schwieriger gestaltete sich dagegen schon die Unterscheidung in „wahr“ oder „falsch“. Umso beachtlicher ist es folglich, dass das von mir in aller Regel so geschätzte Blog publikative.org heute zu einem Artikel mit der Überschrift „Hahn hat Recht“ durchringen konnte. Und genau hier greift das Wort des schon erwähnten Lars Lindemann: „grenzdebil“. Falls es Ihnen zwischenzeitlich nicht eingefallen sein sollte: bei dem Kollegen Lindemann handelt es sich um einen Bundestagsabgeordneten. Natürlich der FDP. Immerhin besitzen mehr als 15% der MdBs das liberale Parteibuch, schon vergessen?! Lindemann bezieht das Attribut „grenzdebil“ freilich nicht auf das publikative-Blog, sondern auf seinen Parteifreund Hahn. Lindemann hat Recht. Obwohl… - also: Lindemann hat im Ergebnis Recht. In Sachen Texterfassung kommt auch er leider nicht über das allgemeine Level hinaus.


Jörg-Uwe Hahn versichert, so ist allerorten zu lesen, er habe eine gesellschaftliche Debatte anstoßen wollen. Dagegen wäre nichts vorzutragen; schöne Sache: eine gesellschaftliche Debatte anstoßen. Wenn man nur wüsste worüber! Ja, Philipp Rösler sieht asiatisch aus. Darüber kann man nicht debattieren. Rösler sieht nicht nur asiatisch aus, er ist ein Asiat. Jedenfalls ethnisch. Seine leiblichen Eltern - Mutter wie Vater - sind beide Vietnamesen, die Röslers Geburtsland Vietnam vermutlich niemals verlassen hatten. Auch darüber kann man nicht debattieren, zumal: jeder weiß das. Herr Rösler erzählt diese Geschichte alle Nase lang, weil er ständig darauf angesprochen wird. Es bliebe die Frage, „ob unsere Gesellschaft schon so weit ist“, wie Hahn sich ausdrückt, dies „auch noch länger zu akzeptieren.“

Gegenfrage: mit wem eigentlich möchte Hahn diese „gesellschaftliche Debatte“ führen? Und was wäre die Konsequenz, wenn das Ergebnis der Debatte wäre, dass unsere Gesellschaft leider noch nicht so weit ist? Dass unsere Gesellschaft meint, dass „der Chinese weg muss“, wie heute von Passanten an FDP-Infoständen berichtet wird. Hahns Formulierung legt nahe, dass in diesem Fall (Euphemismus für Realität) Rösler zu gehen habe. Daher der Rassismus-Vorwurf. Ich möchte eine gesellschaftliche Debatte anstoßen über die Frage, ob es sich bei dem offensiven Bekenntnis, auch von Rassisten gewählt werden zu wollen, schon um Rassismus handelt. Spannende Frage. 


Werner Jurga, 08.02.2013



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