Papstrede im Bundestag:
"Wie wäre es, wenn uns eine Bitte freigestellt würde?"

Freitag, 23. September. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ), die „Zeitung des Ruhrgebiets“, ist – freilich neben der Bildzeitung – die auflagenstärkste Tageszeitung dieser Region und, was das Beste ist, „unabhängig“ und „überparteilich“. So steht es Tag für Tag auf der ersten Seite im „Kopf“. Darunter kommt dann die Schlagzeile des Aufmachers, heute: „Papst redet Politikern ins Gewissen“. Das wurde aber auch mal Zeit. Auf der zweiten Seite der Leitartikel von Angelika Wölk. Sie schreibt: „Es war ein Appell an das Gewissen der Abgeordneten.“

Was?! – Jetzt bitte ich Sie aber! Ja selbstverständlich die Rede des Herrn Joseph Ratzinger im Deutschen Bundestag. Mann, das war aber auch ein Event! Im Vorfeld schon, hatten es doch einige Abgeordnete gewagt, sich dem Lauschen dieser päpstlichen Worte zu verweigern. „In dieser Weise einer so bedeutenden Persönlichkeit im Bundestag den Respekt zu verweigern, finde ich beschämend, ja schäbig“, erzählte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe der „Saarbrücker Zeitung“. Und weil das so toll gesagt war, hatte der CDU-Pressedienst für größtmögliche Verbreitung gesorgt.

Nun ja, da waren sie ja selbst schuld, die Boykotteure, diese „kluge und gute Rede“ verpasst zu haben. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles („Frau, gläubig, links“) war von der „klugen und guten Rede“ „sehr angetan“. Und ihr CDU-Kollege Gröhe fand, dass Ratzingers „Mahnung, die Gerechtigkeit nicht aus dem Auge zu verlieren, uns allen gut tut“. Nun gut, diese Mahnung hätte er von mir eine Idee preiswerter erhalten können, und gegen einen geringfügigen Aufpreis hätte ich auch noch Solidarität oder sonst etwas Hübsches angemahnt. Sei´s drum …

„Haben die Parlamentarier, die sie nicht gehört haben, etwas verpasst?“ fragt Frau Wölk im besagten WAZ-Leitartikel, um prompt darauf zu antworten: „ Ja, das haben sie.“ Schönes Stilmittel; noch eine Kostprobe gefällig? Bitte sehr: „Verlorene Zeit, sich das anzuhören? Nein, vertane Chance, es nicht zu tun.“ Jedenfalls dann, wenn man verstanden hatte, was uns der Heilige Vater eigentlich sagen wollte. Ich sage „uns“, weil auch diese kleine Ansprache selbstredend live on TV lief.

Mit dem Verstehen Können war das schon deshalb so eine Sache, weil Herr Ratzinger dem Hohen Haus ungewohnt schwere Kost serviert hatte. Angelika Wölk: „Wer allerdings erwartet hatte, der Papst spräche über die großen Fragen der Politik, … der wurde enttäuscht. Benedikt ist nicht der politische Papst, kein Staatsmann auf dem Thron Petri. Benedikt XVI. sprach vor allem als Gelehrter.“

Ratzinger – unpolitisch? Thomas Schmid hat dies in der „Welt“ ganz anders, nämlich treffender,  aufgefasst: „Indem er eine durch und durch politische Rede hielt – dabei aber einem anderen als dem landläufigen Verständnis von Politik folgte.“ „Wie Papst Benedikt XVI. den Bundestag überlistete“, nennt Schmid seinen Artikel, und gewiss hat Ratzinger in gewisser Weise das Hohe Haus veralbert, wie auch Ines Kappert in der „taz“ aufgefallen ist.

Ratzinger sei ein „Papst, der nichts zu sagen hat“, findet Frau Kappert und liegt damit jedoch reichlich daneben. Sie wollte etwas hören über den Missbrauchsskandal, den Zölibat, ein gemeinsames Abendmahl mit den Evangelischen und so. Doch sie hörte nur irgendwie Akademisches und zu Beginn der Rede Ratzingers Klarstellung: „Die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt.“

Damit bezog er sich auf die Ausrede, Ratzinger spräche nicht als Religionsführer, sondern als Staatsoberhaupt im Deutschen Bundestag. Als Oberhaupt des Vatikanstaates, was den Gegnern der Papstrede wiederum den Hinweis abnötigte, dem Vatikan seien erst durch Mussolini staatliche Würden zugekommen. Dabei hätte doch die Frage gereicht, wann denn die Staatschefs von San Marino oder Andorra vor dem Hohen Haus sprechen werden.

Ratzingers „Rede war eine staatsphilosophische Abhandlung auf höchstem intellektuellem Niveau“ (Wölk); „es war schwere geistige Kost, die der Papst da den Repräsentanten des Souveräns zumutete. Ohne Scheu benutzte er den Ton des Oberseminars“ (Schmid). Kurzum: „Das war nicht die Rede, um junge Menschen in die Kirche zu bringen.“ (SPD-Fraktionschef Steinmeier). Nur: darum ging es Ratzinger hier auch gar nicht. Da hatte die Schlagzeile des WAZ-Aufmachers schon Recht: dem Papst ging es darum, den Politikern ins Gewissen zu reden. Zum Beispiel so:

„Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.“

Der „Positivismus“, den Ratzinger meint, besteht nämlich darin, dass „alle übrigen Einsichten und Werte“ (welche wohl?!) nicht hinreichend als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anerkannt sind. Während überall auf der Welt antiaufklärerische Meister ganz erheblich in die Rechtsbildung reinpfuschen, rückt Europa in den „Status der Kulturlosigkeit“. Richtig: eine „vertane Chance“, sich diese Kriegserklärung an den modernen Rechtsstaat nicht angehört zu haben!

„Wie wäre es“, fragt Prof. Joseph Ratzinger durchtrieben, „wenn uns, den Gesetzgebern von heute“ – ja, hat er echt so gesagt! – „eine Bitte freigestellt würde?“ Nun, mein lieber Ratzinger, das kommt ganz darauf an. An und für sich hat der Gesetzgeber von heute ja jede Bitte frei. Aber, ich verstehe schon: Sie meinen freilich, wenn der Gesetzgeber nicht aus diesen kulturlosen Positivisten bestünde …

Nun, wenn es nach mir ginge … - Ich würde die katholische Kirche verbieten, auflösen und ihre Vermögenswerte einziehen.

 

Werner Jurga, 23.09.2011