Foto: Angélica Rivera de Peña

Lieber Herr Xi Jinping!
Herzlich willkommen in Duisburg-Rheinhausen!


Samstag, 29. März 2014. Sehr geehrter Herr Staatspräsident, werter Genosse Generalsekretär! Auch von mir ein herzliches Willkommen in Duisburg-Rheinhausen! Ich freue mich von Herzen, dass Sie es einrichten konnten, heute mal in meinem Sprengel vorbeizuschauen. So weit ich weiß, waren Sie bislang noch nicht in Rheinhausen. Junge, Junge! Da müssen Sie sechzig Jahre alt werden, um das erste Mal diese Ecke hier sehen zu können. Aber was rede ich?! Ich weiß, Sie haben viel am Kopf, und da schiebt man die wirklich wichtigen Dinge vor sich her. Schwamm drüber: heute kommen Sie ja. Leider muss ich lesen, dass Sie nicht viel Zeit mitbringen. Ich will mich nicht in Ihre inneren Angelegenheiten einmischen, lieber Herr Xi Jinping; aber Sie werden verstehen, dass ich sagen muss: das ist echt ein Fehler. Vierzig Minuten, mehr nicht... - Mensch, da haben Sie doch nicht einmal alles im Logport gesehen. Geschweige denn Rheinhausen kennen-gelernt. Und Duisburg... - na ja, wie gesagt: Sie müssen es ja wissen: Sie sind ein freier Mann in der freien Welt.  


Und Sie haben natürlich Recht, Jinping: ich muss reden! Ich bin doch auch nur vier Jahre jünger als Sie, und ich bezweifle, dass ich dazu kommen werde, mir in den nächsten vier Jahren mal Ihr schönes China anzusehen. Nein, Herr Staatspräsident, ich habe nicht so einen vollgepfropften Terminkalender wie Sie. Rein zeitlich betrachtet könnte ich es schon irgendwie möglich machen, einmal in Ihrem Land vorbeizukommen. Aber ich weiß nicht: ich stehe einfach nicht so auf Fernreisen. Zumal der Zug, den Sie sich heute ansehen möchten, für so einen Trip ja wohl kaum infrage kommt. Ein Güterzug – erstens ist das nichts. Ich bin nicht übermäßig verwöhnt; aber das muss nun wirklich nicht sein. Und zweitens: sechzehn Tage. So viel Zeit habe ich dann auch wieder nicht. Also müsste ich, so dürften Sie es ja wohl auch gemacht haben, das Flugzeug als Verkehrsmittel wählen. Aber das kostet natürlich. Ja sicher, Herr Generalsekretär, wenn man wirklich etwas ganz feste will, dann bringt man auch die Kraft auf, sich das nötige Kleingeld zusammen zu sparen. Ich weiß, ich weiß...  


Aber jetzt mal Hand aufs Herz, lieber Jinping! Sie sind ja heute mehr oder weniger dienstlich bei mir im Viertel. Wären Sie denn auch hier vorbeigekommen, wenn Sie die Anreise aus Ihrer Privatschatulle hätten bezahlen müssen?! Sehen Sie! Und selbst wenn Sie selbst für Ihr Flugticket gelöhnt hätten, müsste ich Ihnen sagen: das können Sie einfach nicht vergleichen, Genosse Vorsitzender! Sie und Ihre Familie haben durch Ausnutzung ihrer politischen Beziehungen ein Vermögen von mehreren hundert Millionen Dollar erworben. Ich werfe Ihnen das überhaupt nicht vor, Herr Jinping, zumal Ihnen keinerlei Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte. Bislang. Und dass Ihr Schwager die Gelder Ihrer Familie ins Ausland verlagert hatte... - geschenkt: hätte ich wahrscheinlich ganz genauso gemacht. Und Neid, lieber Jinping – ich sage dies nur, weil wir uns überhaupt nicht kennen – ist mir sowieso völlig fremd. Ich habe all dies nur erwähnt, um zu verdeutlichen, dass ich mir so eine Chinareise ganz genau überlegen müsste. Ich bin sicher, dass Sie das verstehen!  


Es ist ja auch egal. Jetzt sind Sie erst einmal hier. Wer weiß: vielleicht gefällt Ihnen Rheinhausen doch besser, als Sie bei der Reiseplanung gedacht hatten. Kein Problem: dann hängen Sie einfach ein paar Stündchen dran. Oder ein paar Tage. Wir finden bestimmt von Ihrem Vor-vor-vor-Vorgänger, dem Gründer der Kommunistischen Partei Chinas, einen flotten Spruch so in die Richtung, dass man das mit den Plänen auch nicht allzu verkniffen sehen sollte, dass man vielmehr dem spontanen innovativen Gedanken zur revolutionären Praxis verhelfen sollte. Also Jinping, überlegen Sie sich die Sache nochmal! Ich wohne übrigens im Rheinhauser Stadtteil Bergheim, ganz in der Nähe vom Toeppersee. Eine Wohnung haben wir frei. Sie können also gern Ihre Frau mitbringen. Machen Sie sich keinen Kopf! Die Wettervorhersage für die nächsten Tage ist wunderbar. Tagsüber, würde ich sagen, gehen wir ein bisschen am Toeppersee spazieren. Ansonsten zeige ich Ihnen Duisburg und den Niederrhein, und abends gehen wir auf die Rolle. Ein Vorschlag, mehr nicht.  


Denken Sie einfach mal darüber nach! Wie gesagt: Ich will mich wirklich nicht in Ihre inneren Ange-legenheiten einmischen, lieber Xi Jinping. Ich meine nur: da Sie ja nun einmal ein Multi-Multimillionär sind, wäre es doch bescheuert, wenn Sie sich kein schönes Leben machten und stattdessen von Termin zu Termin hetzten. Ich gehe einfach mal davon aus, dass mir der gute alte Konfuzius diesbezüglich Recht gäbe. Nun ja, Sie werden besser wissen, was der alte Meister so alles von sich gegeben hatte. Ich sage nur: wer zu sich selbst nicht gut ist, kann auch nicht gut zu seinen Leuten sein. Und anderthalb Milliarden Leute... - Jinping, da haben Sie schon eine gewisse Verantwortung! Echt jetzt: da muss ich mal ein ernstes Wörtchen mit Ihnen reden. Was war denn eigentlich im September 2012 mit Ihnen los? Da waren Sie, wie Sie sich erinnern, längere Zeit von der Bildfläche verschwunden. Sie machen bis heute ein Ratespiel um die Frage: Warum? Das ist doch kindisch, Jinping! Sie sind der Chef im Ring; daran dürfen Sie nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen!  


Wenn es wegen der Gesundheit war, was die meisten glauben, lieber Xi (wenn ich Sie so nennen darf), dann sagen Sie es und Basta! Sollte es aber doch Knatsch in der Partei gegeben haben, wieso bitteschön können Sie dann immer noch nicht darüber reden?! Ich lese überall, Sie Jinping seien die unbestrittene Nummer Eins. Also bitte! Nun ja, mit der Gesundheit ist jedenfalls nicht zu spaßen. Nochmal: bleiben Sie einfach ein paar Tage hier, das wird Ihnen guttun! Das mit der Luftverschmutzung bei Euch in China... - im Ernst, Xi Jin-ping, das ist gar nicht gut. Bestimmt auch nicht für Sie. Wir leben alle nur einmal. Denken Sie daran! Auch in Bezug auf Ihre Leute – Tausende Todesstrafen jedes Jahr... - echt, Jinping! Ihr habt sie doch nicht alle. Zum dritten und letzten Mal: ich will mich wirklich nicht in Ihre inneren Angelegenheiten einmischen. Aber das mit all den Hinrichtungen, das hat bei Euch wirklich Überhand genommen. Wir müssen da einfach mal ganz in Ruhe drüber reden. Tun Sie sich und Ihrem Volk diesen Gefallen!  


Werner Jurga, 29.03.2014




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