Nur mal so unter uns

Putinversteher



Freitag, 21. März 2014. Sind Sie ein Putinversteher? Ja, ein Putinversteher – ein Wort. Und, wie sieht´s aus?! Ja oder Nein? Einfach mal frei raus! Ich weiß, ich weiß: als Putinversteher liegt man rein imagemäßig betrachtet heutzutage nicht ganz so weit vorn. Aber sehen Sie doch mal: Steuersünder ist mittlerweile auch nicht mehr das Richtige. Und Gutmensch war immer schon irgendwie Kappes. Wissen Sie, wenn es danach geht... - Es nützt ja nichts. Wenn Sie nun mal ein Putinversteher sind, dann sind Sie ein Putinversteher. Wie wollen Sie sich denn sonst nennen? Raider heißt jetzt Twix. Na und?! Die Moral von der G´schicht: „Doch dann kam der Russe... - und macht mal wieder den Bären“. Hören Sie! Sie müssen dazu stehen. Auch wenn es schwerfällt. Über kurz oder lang kommt es doch heraus, dass Sie einer sind – ein Putinversteher. Und dann stehen Sie erst recht ganz dumm da.  

Ich verrate Ihnen mal etwas. Aber bitte, das muss ganz dringend unter uns bleiben! Ich selbst bin auch so eine Art Putinversteher. Ja sicher ist das blöd. Ständig hört und liest man, der wäre zwar nicht direkt genau so, aber doch so ein bisschen wie damals dieser Hitler. Der Putin, na logisch. Womit man als Putinversteher dann sozusagen... - okay, so sagt das keiner. Trotzdem: dumme Sache. Besonders in meinem Fall: ich bin nämlich nicht nur Versteher, sondern – das muss jetzt aber echt unter uns bleiben! - eigentlich auch Bewunderer dieses Herrn Putin. Ich ziere mich noch etwas, damit zum Arzt zu gehen. Sie wissen schon, diese Scham. Ich versuche, diese kleine Macke so gut es geht zu verdrängen. Hauptsache nicht auffallen, sage ich mir. Außer damals, als ich die Russinnen getroffen hatte. In feucht-fröhlicher Atmosphäre - auf dieser Silvesterparty 2011. Nur dieses eine Mal wollte ich meine Begeisterung ausleben können.  

Er kann alles“, erwähnte ich anerkennend. Und dann diese Wahnsinnsnummer mit dem Tiger. Wenn es mal brennt, fliegt er mit dem Hubschrauber und löscht höchstselbst. Und alles. „Ein Spitzentyp, genau wie ich!“, rief ich begeistert. Die skeptischen Blicke, von denen ich mich getroffen wähnte, konterte ich mit dem Hinweis: „Okay, ich bin größer als er.“ Oder er ist kleiner als ich. Je nachdem, wie man´s nimmt. Aber das sind Äußerlichkeiten. Darauf kommt es bei Spitzentypen eigentlich gar nicht so an… 
Na ja. Auch diese Nummer ist ganz schön in die Hose gegangen. Die Damen hatten allesamt das Weite gesucht. Und ich dachte, wenigstens bei den Russinnen könnte ich mit meiner ein wenig abnormen Veranlagung landen. Satz mit x, war wohl nix. Wenn Sie diese Story noch nicht kennen sollten, können Sie sie im zeitnahen Bericht Popeye, Putin und all die Mädels nachlesen.  

Und Putin hat in den gut zwei Jahren, die seither verstrichen sind, nichts von seinem Glanz verloren. Apropos Glanz. Haben Sie das gesehen, jetzt am Dienstag? Diese Zeremonie, auf der er die Krim an Russland angeschlossen hat? So feierlich – der Kreml, im Glanze puren Goldes. Wunderschön! Und wie die ganzen Leute dann da so saßen, dicht an dicht, und der Rede des großen kleinen Meisters lauschten – wie gern wäre man Teil dieser Gemeinschaft gewesen. Mitten drin statt nur dabei. „Putin erzielte mit seinen Worten große Wirkung“, berichtet die FAZ. „Er sprach selbst ungewöhnlich emotional, und die Kameraschwenks in den Saal zeigten immer wieder Männer, die gegen ihre Rührung ankämpften, und Frauen, die sich Tränen aus den Augen wischten.“ Ja, das war aber auch eine Rede! Eine ganz große Rede, die einem wirklich die Tränen in die Augen treiben konnte. „Wiedervereinigung“ und so...  

Putin zufolge – den Wortlaut der Rede finden Sie hier - „hat unser Land das aufrichtige Streben der Deutschen nach der nationalen Einheit unterstützt. Ich bin sicher, dass Sie das nicht vergessen haben und hoffe darauf, dass die Bürger Deutschlands ebenso das Streben der russischen Welt, des historischen Russlands nach Wiederherstellung der Einheit unterstützen“. Nun, das letzte, das mit dem „Hoffen“ dürfen Sie nicht ganz so ernst nehmen. Das ist mehr so eine Höflichkeitsfloskel, im Sinne von: „Ich hoffe, wir haben uns verstanden!“ Der ist ja nicht doof, der Putin, und glaubt allen Ernstes, die Deutschen würden auf die Idee kommen, “das Streben der russischen Welt“ - wonach auch immer – zu „unterstützen“. Und wenn es um die „Wiederherstellung der Einheit“ geht, wird es auch bei mir so eine Sache. Dann beginne ich nämlich zu mutieren – vom Putinversteher zum wirklichen Putinversteher.  

Dann kommen auch mir die Tränen, wenn er darüber jammert, dass – ich zitiere nochmal aus dieser Rede - „das russische Volk zu einem der größten, wenn nicht dem größten geteilten Volk auf dem Planeten“ wurde. Bislang kannte ich nur – aus der Mathematik – den größten gemeinsamen Teiler (ggT) und das kleinste gemeinsame Vielfache (kgV). Jetzt kommt Putin mit dem ggV, dem größten geteilten Volk - „auf dem Planeten“. Und Umgebung, nehme ich an. In alle Winde verweht, aber doch gedanklich fixiert – auf die Krim. Man bedenke nur, „was Russland für die Krim und die Krim für Russland bedeutete und bedeutet“ - ebenfalls O-Ton Putin. „Auf der Krim ist buchstäblich alles von unserer gemeinsamen Geschichte und unserem gemeinsamen Stolz geprägt.“ Ich verstehe. Putinversteher. „Jeder dieser Orte ist für uns heilig, das sind Symbole des russischen Militärruhms und des Heldenmuts.“  

Blut und Boden, Militärruhm und Heldenmut, heilig, heilig, heilig. „Wie lautet der Kernsatz der Rede?“, fragt Spiegel Online und liefert die Antwort gleich mit: "Alles hat eine Grenze." Und für mich jedenfalls ist spätestens mit diesem braunen Gefasel nicht nur eine, sondern die Grenze nicht nur erreicht, sondern überschritten. Nein, mein lieber Wladimir Wladimirowitsch, das musst Du Dir schon überlegen! Was Du mit so einer Rede erreichen willst. Wenn es Dir darum gegangen wäre, dass diese neureichen, korrupten und angepassten Rücksichtslosen, die Du zu Hofe geladen hast, sich ein Tränchen vor Rührung verdrücken, dann hättest Du Dein Ziel erreicht. Chapeau! Nur: diese Hofschranzen kriechen Dir doch sowieso in den Allerwertesten. Was soll das also?! Was Du mit dieser Nummer im bösen Westen ausgelöst hast, siehst Du ja. Und komm jetzt bloß nicht und erzähl, bei denen wäre sowieso nichts drin gewesen!  

Nein, ich bin doch kein Putinversteher. Die Aufgabe wäre gewesen, mit dem Westen in einen Dialog über die Zukunft der Ukraine zu treten. Eine Zukunft, in der der Ukraine eine „Brückenfunktion“ zwischen der EU und Russland zukommt. Eine Zukunft, in der Europa nicht in den Kalten Krieg zurückfällt. Die Aufgabe ist schwer genug, wenn man sich die inneren Widersprüche der EU und den latenten Interessengegensatz zwischen Europa und den USA vor Augen hält. Putin hat mit seiner Krim-Rede vom Dienstag klargemacht, dass es ihm wichtiger ist, diese Widersprüche für Russland auszunutzen, als den Konflikt um die Ukraine zu lösen. Putins Agenda geht über das berechtigte Interesse Russlands an der Krim und an stabilen Verhältnissen in der Ukraine hinaus. Er will ungeschehen machen, „was sich“, so Putin in besagter Rede, „in der Welt in den vergangenen Jahrzehnten abspielte.“  

Und er erklärt es, womöglich gar zutreffend: „Nach dem Verschwinden des bipolaren Systems kam es auf dem Planeten nicht zu mehr Stabilität.“ Putin scheint daraus zu schlussfolgern, das „bipolare System“ rekonstruieren zu wollen. Wir kennen das: Wer Blut- und Boden-Sprüche klopft, neigt zu Revanchismus, ist ein kalter Krieger. „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ lautete die Parole des großen nachkriegsdeutschen Reaktionärs Franz-Josef Strauß. Auch ein Typ martialischer Gesten, allerdings unsportlicher als Putin, deshalb war er für Inszenierungen mit Tiger oder auf dem Pferd schlicht nicht so geeignet. Strauß ist lange tot, und wer in der heutigen politischen Klasse Deutschlands Elemente dieses Revanchismus´ wiederzuerkennen meint, glaubt wahrscheinlich auch, Putin sei irgendwie links. Es gibt auch Putinversteher weit rechts; das macht Sinn. Warum aber Linke sich für diesen Typen verwenden, bleibt rätselhaft.  

Vermutlich spielt die „Logik“ eine Rolle: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Also: Putin ist gegen die NATO, die Linke ist gegen die NATO – dann passt´s schon. Die Vereinigten Staaten von Amerika, um nur ein Beispiel zu erwähnen, haben mit dieser Logik übrigens nicht immer die besten Erfahrungen gemacht. So wie die Dinge sich entwickeln, ist davon auszugehen, dass Putin die östlichen Regionen von der Ukraine abspalten wird. Der Prozess ist bereits im Gange: die Organisation „Oplot“ (Bollwerk) ist, wie in der taz nachzulesen ist, „mit der in aller Schnelle gegründeten prorussischen politischen Vereinigung `Ukrainische Front´ (vereinigt), die durch geheime Geldtransfers unmittelbar aus Moskau finanziert wird. Mit dem Geld werden Waffen gekauft, Teilnehmer prorussischer Demos bezahlt sowie `Tituschki´ angeheuert – Kleinkriminelle, die gezielt zum Auslösen von Unruhen und Massenschlägereien eingesetzt werden.“  

Werner Jurga, 21.03.2014



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