Hoeneß-Urteil (Teil 3): 


Ein guter Mann – gar keine Frage!


Donnerstag, 20. März 2014. Schnell noch ein drittes und letztes Wort zum Strafprozess gegen Uli Hoeneß, bevor diese Angelegenheit völlig aus den Schlagzeilen und damit auch aus dem Interesse der Öffentlichkeit, also auch der Leser hier, verschwindet. Mittlerweile ist, wie Sie wissen, das Hoeneß-Urteil rechtskräftig geworden, da nun auch die Staatsanwaltschaft darauf verzichtet hat, dagegen Revision einzulegen. Schön für Hoeneß: für ihn ist der Fall damit soweit erledigt, sieht man einmal von dem Umstand ab, dass er noch seine 3 ½ Jahre, vermutlich eher 2 1/3 Jahre Knast abzusitzen hat. Ihm kann egal sein, dass somit höchstrichterlich ungeklärt bleibt, wie eine unvollständige Selbstanzeige juristisch zu bewerten ist. Unter welchen Umständen sie, obwohl "verunglückt", dennoch als wirksam anzusehen, zumindest aber strafmildernd zu berücksichtigen wäre. Durch den Verzicht auf eine Revision – und womöglich ist auch dies schön für Hoeneß – werden darüber hinaus eine Reihe von offenen Fragen unbeantwortet bleiben, die eigentlich in der Hauptverhandlung zu klären gewesen wären. 


Es steht nämlich der Verdacht im Raum, dass Hoeneß´ Schweizer Konten nicht „nur“ der vermeintlichen Spielleidenschaft ihres Inhabers dienten, sondern dass mit ihrer Hilfe im großen Stil zwischen Fußballzirkus, Politik und Wirtschaft Sphären abgesteckt worden waren. Ein System aus Zocken, versteckten Zahlungen, Steuerhinterziehung, systematischer Verschleierung, Taktieren mit Hilfe von Rechts- und Medienberatern, medialer Verharmlosung – hätte der Bundesgerichtshof das Hoeneß-Urteil aufgehoben, hätte sich ein anderes Strafgericht dieses Komplexes widmen müssen. Hätte, hätte Fahrradkette. Vielleicht wäre sogar Sensationelles dabei zutage getreten... - was das wechselseitige Durchdringen von politischem Establishment, Großkonzernen und Medien auf der einen Seite und der Unterhaltungsindustrie Profifußball auf der anderen Seite betrifft. Ich denke schon: wir hätten etwas über den Grad der Berlusconisierung der deutschen Gesellschaft lernen können. Es ist uns nicht vergönnt. Schade für uns, aber – auch dies - schön für Hoeneß.  


Dann eben nicht. Was bleibt, ist die – von den Medien frenetisch gefeierte - „Revolution“ in Sachen Steuermoral. Inzwischen wurde von allen Seiten zu Protokoll gegeben, dass der Terminus „Steuersünder“ ein Euphemismus ist. Paradigmenwechsel usw. Man liest es in allen Zeitungen. „Steuerhinterziehung ist eine Straftat!“ Fernsehjournalisten – egal auf welchem Parteiticket sie Karriere gemacht haben - schauen grimmig in die Kamera und sprechen diesen Satz der Sätze. Das ist ja auch okay; sonst könnte der Staat auch gleich dichtmachen. Zwar ist in der Zeitung auf der nächsten Seite bzw. im Fernsehen im nächsten Beitrag doch wieder vom „Steuersünder“ die Rede. Paradigmenwechsel von dieser revolutionären Tragweite gehen nun einmal nirgendwo so völlig glatt über die Bühne. Das ändert aber nichts daran: hier findet ein Prozess einer Neubewertung statt. An alle BMW´s - Bäcker, Metzger, Wirte -, an alle Schwarzarbeiter und Schwarzarbeitgeber, Putzhilfen und Putzhilfenbeschäftiger: zieht Euch warm an! So ein Paradigmenwechsel gilt schließlich für Alle und Jeden!  


Der Hoeneß hatte sich aber auch eingebildet, er wäre etwas Besonderes! Pustekuchen. Wenn Dich, um an dieser Stelle die Fußballsprache zu bemühen, jemand über die Klinge springen lässt, dann fällst Du um. Da machst Du nichts dran. Lebensleistung hin, Lebensleistung her. Wobei freilich die Lebensleistung des Ulrich H., wie jedermann weiß, ganz besonders großartig war, weshalb diese in keiner strafrechtlichen Beurteilung irgendeines Fernsehgerichts fehlen durfte und gewiss auch in der schriftlichen Begründung des realen Urteils ihren Niederschlag finden wird. Schließlich hat er den FC Bayern zu dem gemacht, was er heute ist. Und den deutschen Fußball so richtig – wie es im Sportteil heißt: „professionalisiert“. Man könnte auch sagen: vollständig durchkapitalisiert. Und selbst wenn mit denselben Methoden, die im Prozess nicht zur Debatte gestanden haben: sie wären längst verjährt. Was bleibt, ist die Lebensleistung. Das Volk grummelt: „Alles kein Sport mehr! Alles nur noch Geschäft!“ Doch auch das Volk muss Hoeneß´ Lebensleistung anerkennen.  


Denn ohne Uli seine Lebensleistung wäre an einen WM-Titel heutzutage gar nicht mehr zu denken! Deshalb ist es auch völlig okay, dass sie bei der Strafzumessung als mildernder Umstand berücksichtigt wurde. Man stelle sich nur vor, auch die Borussia hätte oder auf Schalke hätten sie so einen Teufelskerl wie den Hoeneß gehabt! Lebensleistung. Seine Zeit als Spieler wird selbstredend auch angerechnet. Wenn er als Fußballer nicht WM- und EM-Sieger geworden wäre, hätte es ruhig ein Jahr mehr sein dürfen. Der verschossene Elfer von 1976 dürfte wohl natürlich ein halbes Jahr mehr Qualm eingebracht haben. Der Richter hatte den Uli ausdrücklich nochmal auf dieses Ding hingewiesen. Aber klar: unterm Strich, der Hoeneß, eine Lebensleistung. Auch der Stammtisch, dem infolge des Kneipensterbens gar keine andere Möglichkeit blieb, als auf Facebook Asyl zu suchen, weiß diese anzuerkennen. Auch wenn er in aller Regel den FC Bayern nicht so sehr mag und in Sachen Strafjustiz eher zu einem harten Herangehen neigt, weiß er sehr wohl die Besonderheiten des Einzelfalls adäquat zu würdigen.  


Wer den deutschen Fußball so groß gemacht hat, verdient äußerste Milde. Generell: wer Erfolg hat im Beruf, dem kann verziehen werden. Ein popeliger Fliesenleger kriegt keine mildernden Umstände, und ein – wie Uli Hoeneß etwas unglücklich formuliert hatte - „Sozialschmarotzer“ wird richtig hart drangenommen. Bürgerliche Klassenjustiz. Mag sein, dass es weder Promi-Bonus noch Promi-Malus gibt. Bürgerliche Klassenjustiz, so miefig sich dieser Begriff auch anhört, gibt es natürlich. Was auch sonst?! Das weiß auch jeder, das bestätigen alle entsprechenden Umfragen, das kann auch gar nicht anders sein. Dass der Hoeneß überhaupt einfahren muss, hat die Leute schon umgehauen. Sie hätten es nicht für möglich gehalten. Obwohl sie doch dereinst immer Dallas und Denver geguckt hatten und deshalb eigentlich wissen müssten, dass auch die da oben hin und wieder das Bein stehen und jemanden über die Klinge springen lassen. Egal, man kann sich daran einfach nicht satt sehen. Das ist so toll! Das Vertrauen in den Rechtsstaat ist mit dem Hoeneß-Urteil vollumfänglich wiederhergestellt.  


Selbst wenn Hoeneß nach ein paar Monaten „Grundhaftzeit“ seine Strafe im „offenen Vollzug" absitzen darf. Hier kommen freilich erste Zweifel an den Stammtischen auf. Warum eigentlich? Wenn man den nicht bedenkenlos frei herumlaufen lassen kann, wen denn dann? Ja, wer denn sonst?! Was denn sonst?! Sicher: der Sühnegedanke, die Rache. Immerhin: wenn er drinnen ist, im Knast – und das ist er in den ersten Monaten immer – dann darf er nicht Sky abonnieren, dann muss er Sportschau gucken. Toll! Der Rechtsstaat funktioniert. Sogar auch bei diesem Metzgerssöhnchen aus den kleinen Verhältnissen. Bei so einem, so ähnlich wie der Wulff – auch so ein Emporkömmling. Nichts gegen soziale Durchlässigkeit und diesem ganzen Kram. Aber dann sollen sie wenigstens auf dem Teppich bleiben, diese Straßenjungs! Wenn es aber einer übertreibt... - und ich meine, diese Schnorrerei von dem Wulff, die konnte einem schon lästig werden! Noch schlimmer aber dieser Hoeneß. Guter Balltreter, macht aus diesem unterhaltsamen Spektakel – ich meine, wir sind ja alle nur Menschen – endlich mal ein richtiges Geschäft.  


Der Hoeneß - ein guter Mann – gar keine Frage! Wir hatten ihn wirklich gemocht. Was hatten wir gelacht, als der diesen Amis von McDonalds unsere Currywürstchen angedreht hatte! Ein Spitzentyp. Ihm standen alle Türen offen – bei der Merkel und sogar beim Winterkorn. Der durfte wirklich überall dabei sein. Ein wirklich interessanter Mann. Womit man anfangs allerdings nicht rechnen konnte: das war nur die eine Seite des Ulrich H. Doch es gibt leider auch noch die andere. Dr. Jekyll & Mr. Hyde. Der Hoeneß ist so ein herrischer Typ. Immer will er bestimmen, was ja an sich voll in Ordnung ist. Aber doch nicht bei uns! Wir – die Merkel, der Winterkorn und alle. Wir sind doch nicht seine Gossenjungs! Na schade! Diesem Hoeneß ist der Erfolg echt zu Kopf gestiegen. Den Boden unter den Füßen verloren - hat er. Nicht auf dem Teppich geblieben - ist er. Setzt sich in Talkshows hin, ich meine: das konnte (oder kann) er ja gut. Wirklich, ein interessanter Mann, dieser Hoeneß. Konnte wunderbar erklären, was man tun und was man lassen sollte. So ein richtiger Fußball-Hitzkopf – ist er.  


Nur: wenn der sich mal so richtig in Rage geredet hatte, dann ließ der nichts und niemanden aus. Nicht einmal uns! Da war der nicht mehr zu bremsen. Die Politik müsste, die Wirtschaft sollte, und all so´n Zeug. Wissen Sie, manche Emporkömmlinge haben das Problem, dass sie sich einreden, sich nicht entscheiden zu können, ob sie nun dazu gehören wollen oder nicht. Weshalb so manch ein konservativer Knochen generell von diesen Aufsteigern abrät. Das ist natürlich Quatsch! Gewisse Dinge muss man erst lernen, Volksunarten ablegen. Gar nicht so einfach. Aber jetzt kommt´s! Das war gar nicht Hoeneß´ Problem. Sein Problem: dieser Kerl wollte – und will wahrscheinlich immer noch - echt überall zu bestimmen haben. Eine Tragödie, wenn Sie so wollen. Ein wahrhaft interessanter Mann, dieser Hoeneß – gar keine Frage! Aber leider auch ein kleiner Hitzkopf vom Bolzplatz. Klar, dass da irgendwann einmal ein Warnschuss fällig war. Leider. Aber der musste jetzt mal sein! Doch auch wie der sowas wegsteckt, der Hoeneß! Respekt, kann ich da nur sagen. Respekt, Respekt, Respekt!  


Werner Jurga, 20.03.2014



Fall Hoeneß (Teil 2)                                                                                                                                                           Hoeneß-Urteil (Teil 1)




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