Selbstreflexiver Monolog bei Wein mit Schatz
Der Intellektuelle als solcher 
(Teil 4)


Montag, 28. Januar 2013. Ein netter Freitagabend bei einem gepflegten Fläschchen Wein. Unser von kompetenter Seite anerkannter Intellektueller ist im Monolog mit seinem Schatz an dem Punkt angekommen, wo er in öffentlicher Auseinandersetzung zwar nicht unbedingt Position beziehen, aber doch seine verteidigen musste.

 

Du kannst Dir das ja gar nicht vorstellen, Schatz! Ich weiß, ich weiß, ich weiß, für Dich sieht das so aus: Dein lieber Schatz - also ich – geht in die Drosselschänke und lässt sich dort den Arsch voll laufen. Du, finde ich auch völlig okay, Schatz! Auf der Erscheinungsebene stellt sich dies in der Tat so dar. Aber wenn Wesen und Erscheinung dasselbe wären, Schatz, dann bedürfte es keiner Wissenschaft. Das hat der Karl Marx gesagt, und das war mal ein Intellektueller! Das mit dem Kommunismus ist zugebenermaßen irgendwie nix geworden, aber in dem Punkt hatte er echt Recht, der olle Marx. Was ich damit sagen will, Schatz: was für Dich so aussieht, als sei Dein Lover einfach mal wieder in der Kneipe, ist seinem Wesen nach intellektuelle Arbeit.

Das musst Du Dir in etwa so vorstellen, wie wenn Du bei Euch Überstunden kloppst. Ja sicher, das ist nicht ganz genau Dasselbe. Alle Vergleiche hinken, das ist ja klar. Du kannst Deine Überstunden als Stundennachweis vermerken, bei Intellektuellen ist das so einfach nicht. Aber was soll´s?! Ein Intellektueller arbeitet per se immer. Pass auf, Schatz! Hier, bei Wikipedia: „Als Intellektueller wird ein Mensch bezeichnet, der wissenschaftlich…“ bla bla bla, „Kompetenzen…“ bla bla bla, aber jetzt: „und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position bezieht“. Siehst Du, Schatz, so ist das. Was sagst Du überhaupt zu diesem Wein? Ein Göttertrank, oder?! Komm, ich schenk Dir noch ein Gläschen ein...

                                                      

Johannes Vermeer (1632–1675): Herr und Dame beim Wein, 
Titel der Gemäldegalerie Berlin: "Das Glas Wein" 

Ich muss zugeben, es ist doch ein recht schwerer Wein, aber genau das passt so perfekt zu seinem Charakter. Er ist wuchtig und mächtig und hat so etwas Feuriges! Und dann dieser Abgang… so harmonisch und unendlich. Nun ja, jedenfalls diese Tina, Du kennst sie ja auch, die Rothaarige… seitdem dieser sagenumwobene Pädagogik-Prof ihr nach der Pfeife tanzt, meint die echt, sie liege ganz weit vorn. Wahrscheinlich hat sie sogar Recht damit. Scheiße! Dass mein Prof das auch mit dem Intellektuellen bringen musste… - ich verstehe sowas nicht! „Und Du bist sicher, dass Dein Chef Dich damit gemeint hatte?!“ Ich kann Dir sagen, Schatz, in diesem Moment, da hätte ich die am liebsten…

Nee Schatz, auf die brauchst Du echt nicht eifersüchtig zu sein. „Intellektueller“ – irgendwie ist das sowieso blöd. Das ist ja kein geschützter Titel oder so. Jeder, der will, kann sich so nennen. Intellektueller“. Gut, jeder, der will, könnte sich auch „Historiker“, „Psychologe“ oder Gottweißwie nennen, aber – und das ist der entscheidende Unterschied! – bei den Historikern gibt es den Magister, es gibt den Diplom-Psychologen. Heute werden die Bachelors und Masters, diese neumodischen Sachen, vergeben. Wenn also irgendjemand angewackelt kommt und sagt, er wäre ein Psychologe, kannst Du sofort zurückfragen: „Hast Du denn ein Diplom oder bist Du eher so ein Hobby-Psychologe?!“

 


Bei Intellektuellen geht das natürlich nicht. Nur: Verzichten auf diese – wie soll ich sagen? – „Berufsbezeichnung“ kannst Du natürlich auch nicht. Ja Schatz, ich weiß: Du schon. Entschuldige bitte, dass es diesmal ausnahmsweise nicht um Dich geht. Was ist heute denn bloß los mit Dir, Schatz?! Kriegst Du Deine Tage? Ja, es ist doch wahr! Wenn ich einmal Probleme habe, wenn es mir mal so richtig an die Wäsche geht, dann muss ich Dir das doch wenigstens erzählen dürfen. Ach, nun fang nicht wieder damit an, Schatz! Gerade mal 35 Jahre, und schon hörst Du die biologische Uhr ticken. Findest Du nicht, Schatz, dass wir dieses Thema nun auch wirklich oft genug hatten?! Meinst Du denn allen Ernstes, dass jetzt, wo es an meine Existenz geht…

Ach Schatz, ich meine das doch nicht so. Komm, ich gebe Dir mal einen Kuss! Schau mal, wir reden doch auch über Deine Probleme auf der Arbeit. Mehr als einmal. Na ja, und gestern – da lief es halt für mich nicht so optimal. Ach, der Chef! Der ist doch auf dieser enorm wichtigen Konferenz. Und was sollte ich den auch schon fragen?! Wenn ich den frage, ob er ein neues Drittmittelprojekt im Schlepptau hat, dann fragt der mich, was der Forschungsbericht macht, was die Dissertation macht, bla bla bla… - Du kennst ihn doch! In dieser Hinsicht hat der Alte echt so eine beschissene Art. Und jünger wird der große Meister ja auch nicht. Es ist klar: ich muss jetzt mal diesen Scheiß Doktor machen. Der ist viel wichtiger als dieses Intellektuellen-Gewäsch.

 

Schatz, ich liebe Dich! Und Du weißt, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche als ein Kind von Dir. Aber mit so einem Kind – da sind wir uns doch einig, Schatz – ist doch auch ganz schön Verantwortung verbunden. Eine ungeheure Verantwortung! Wir können ja nicht einfach mal so ein Kind in die Welt setzen, und nach uns die Sintflut… Ohne Doktortitel brauch ich auf dem Drittmittelmarkt gar nicht mehr anzutreten. So ist das nun einmal, Schatz. Und ob aus der neuen Assistentenstelle etwas wird, bei dieser ganzen Sparpolitik? Denkbar ist freilich auch, … - die Kraft, der doppelte Abi-Jahrgang, Wehrpflicht abgeschafft. Nicht, dass die feste Stelle schon da ist, wenn ich meinen Doktor noch nicht in der Tasche habe!

Die Heidegger-Tusse ist mit ihrer Diss, so wie sich das gestern angehört hat, bestimmt fast fertig. Und dass der Pädagogik- Prof seine rote Tina pusht, bis sich die Balken biegen, da kannst Du mal von ausgehen. Ich habe Dir das ja gerade schon gesagt, mein Schatz: das Leben ist Kampf. Du kannst Dir das ja gar nicht vorstellen. Aber mach Dir keinen Kopf! Auch wenn es mal einen Tag nicht so gut aussieht, ich weiß doch, wofür ich kämpfe. Ich kämpfe für Dich, für uns, dafür, dass wir bald eine tolle Familie sind. Natürlich nicht so spießig und so, einfach nur toll! Echt Schatz, da kannst Du Dich voll auf mich verlassen. Soll ich Dir noch ein Glas von diesem herrlichen Bordeaux einschütten?

Werner Jurga, 28.01.2013



 

Die Fortsetzung dieses selbstreflexiven Monologs folgt am 10. Februar. 





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