Es gibt keine mildernden Umstände:
Schavan hat keine Chance


Freitag, 25. Januar 2013. Der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät an der Universität Düsseldorf hat ein Verfahren zur Überprüfung Annette Schavans Dissertation von 1980 eröffnet. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung sieht in dem Verfahren eine Chance. Schavan sieht darin „auch eine Chance für die Wissenschaft“ – zu Recht, wie mir scheint. Sie selbst jedoch hat keine. Am Ende des Verfahrens steht sicherlich die Aberkennung des Doktortitels und wahrscheinlich ihr Rücktritt als Bundesbildungsministerin.

 

„Es wäre an der Zeit, dass die Dame sich unheimlich schämt", tönt es aus Bayern, das direkt hinter ihrem Wahlkreis beginnt. Der CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch hat damit offen ausgesprochen, was viele seiner christsozialen Parteifreunde von der unverheirateten Merkel-Vertrauten aus Baden-Württemberg halten. In Bayern hat man nicht vergessen, geschweige denn verziehen, dass Schavan der "Süddeutschen Zeitung" auf dem Höhepunkt der Affäre um Guttenbergs Doktorarbeit mitgeteilt hatte, sie schäme sich "nicht nur heimlich“.

Dabei ist Schavans tatsächliche oder vermeintliche Schummelei bei der Dissertation, um dies zu wiederholen, “in keiner Weise mit dem in seinen Ausmaßen vermutlich bis heute nicht vollends erfassten Betrug Karl-Theodor Guttenbergs zu vergleichen“. Doch solche Feinheiten interessieren die Brüder von der bayrischen Schwesterpartei wenig bis gar nicht. Dafür stehen Schavans Parteifreunde im eigenen Wahlkreis mit derselben unbeirrbaren Geschlossenheit hinter ihr. Dass sie sie heute Abend als Bundestagskandidatin nominieren werden, gilt als sicher.



Michael Stürmer macht in der Welt „mildernde Umstände“ geltend. „Die damals 23-jährige Studentin wurde mit einem Megathema auf den Weg geschickt, das kein vernünftiger Doktorvater einer Novizin jemals hätte anvertrauen dürfen.“ Wohl wahr: „Person und Gewissen“ – eher ein Themengebiet als ein von einem Doktoranden solide zu bearbeitendes Thema. Für Stürmer ein Thema, “das einen Exzess an Referat und Rezeptionsgeschichte enthielt, in dem man leicht die Übersicht über Anmerkungen und dergleichen verlieren konnte“. Nun ja, wenn man schon mal ein Plädoyer hält…

Allerdings: Thema verfehlt! Stürmer übersieht, dass dieser Aspekt im Wissenschaftssystem keine Rolle spielt, jedenfalls keine Rolle zu spielen hat. Ob sich Annette Schavan nun, wie er nahezulegen gedenkt, im Dickicht des Materials verirrt hat, oder ob, wie Stefan Rohrbacher in seinem vom Promotionsausschuss im Auftrag gegebenen Gutachten meint, eine „leitende Täuschungsabsicht zu konstatieren“ sei, ist nämlich ohne jeden Belang. Unstreitig enthält die Dissertation passagenlange Texte, die nicht von Schavan stammen, aber auch nicht als solche kenntlich gemacht sind.

 

Die Frage, ob dies nun absichtlich geschehen ist oder nicht, ist gewiss ein Kriterium des politischen Betriebes oder des juristischen Betriebes; ein Kriterium des Wissenschaftsbetriebes ist sie nicht. Hier steht nicht zur Debatte, jedenfalls hat nicht zur Debatte zu stehen, ob Annette Schavan das vor gut dreißig Jahren extra gemacht hat oder nicht. Hier kann nur festgestellt werden, dass wesentliche Passagen der vorgelegten Arbeit nicht von der Promovendin stammen und folglich die gemäß Promotionsordnung zu erbringende Leistung nicht erbracht wurde.

Deshalb können auch keine „mildernden Umstände“ geltend gemacht werden oder, was naheliegender wäre, eine Verjährung; denn das sind juristische Kategorien. Bei den etwa vom Vorsitzenden der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, angeführten Aspekten – Schavans Verhalten im Fall Guttenberg und ihr Amt als Wissenschaftsministerin – handelt es sich um politische Kategorien, die für das Verfahren an der Uni Düsseldorf ebenso sachfremd sind. Der Promotionsausschuss hat das Promotionsverfahren von vor gut dreißig Jahren zu überprüfen. Das ist alles, und das Ergebnis ist klar.

 

Juristisch wird die Aberkennung ihres Doktortitels für Annette Schavan ohne Folgen bleiben. Politisch ist es nicht denkbar, dass sie im Amt der Bildungsministerin verbleiben könnte. Dass sie jetzt, wie der Regierungssprecher ausrichtet, das „volle Vertrauen“ der Kanzlerin genießt, ist nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit. Wäre dies nicht so, wäre Schavan nicht mehr im Amt. Am Ende wird Schavan zurücktreten müssen und die CDU mitten im Wahlkampf ein paar Minuspunkte einfahren. Merkel tut dennoch gut daran, an ihrer Freundin Schavan einstweilen festzuhalten. Den Vorwurf der Herzlosigkeit könnte die Kanzlerin jetzt wirklich nicht gebrauchen.

Werner Jurga, 25.01.2013

 



Seitenanfang