Dawaj, dawaj!

Russisch Lernen!


Sonntag, 9. März 2014. Abermals hat sich Wladimir Putin als ein Freund der Deutschen erwiesen. Am Rande der freundschaftlichen Gespräche, die an diesem Wochenende im russischen Seebad Jalta auf der Ferienhalbinsel Krim geführt werden, hat der russische Staatspräsident bekanntgegeben, dass auch nach dem Beitritt Deutschlands zur Russischen Föderation Deutsch noch gut zehn Jahre, also bis 2025 (!), als zweite Amtssprache akzeptiert wird. Putin, der jahrelang in Deutschland gelebt und gearbeitet hat und daher selbst einwandfrei Deutsch spricht, begründet diese entgegenkommende Haltung mit seiner Hochachtung vor der deutschen Kultur und mit einer Rücksichtnahme auf die älteren und weniger gebildeten Bewohner in den westlichen Landesteilen, denen das Erlernen der Weltsprache Russisch stets verweigert wurde und die sich naturgemäß mit dem Erlernen einer neuen Sprache schwertun.  


Konferenzbeobachter vermuten hinter vorgehaltener Hand, dass sich Angela Merkel, die übergangsweise noch amtierende Regierungschefin des Beitrittsgebiets, für diese, ihre westlichen Landsleute schonende, großzügige Übergangsregelung stark gemacht hat. Merkels Engagement in dieser Sache ist um so bemerkenswerter, da sie selbst des Russischen mächtig ist, folglich auf diese Sonderregelung für Westdeutsche mit Lernschwierigkeiten gar nicht angewiesen ist. Diese Selbstlosigkeit nährt Spekulationen, dass Merkel auch nach vollständig erfolgter Russifizierung des deutschen Gebietes an einer führenden Position im (neuen) westlichen Sektor der Russischen Föderation interessiert sein könnte. Wladimir Putin wird bei der Entwicklung Groß-Russlands auf Angela Merkel gewiss nicht verzichten wollen. Als zukünftiger Regierungschef der russischen Gebiete westlich von Oder und Neiße gilt allerdings Gerhard Schröder, Merkels Amtsvorgänger im ehemaligen Deutschland, als fest gesetzt.  


Das Verhältnis zwischen Merkel und Schröder gilt Insidern zufolge als nicht ganz spannungsfrei, was freilich Merkels Chancen bei Putin schmälern könnte. Ein Indiz dafür, dass die Aufstiegschancen der sympathischen Mecklenburgerin in der neuen russischen Administration begrenzt sind, ist, dass Merkel zwar in Sachen Amtssprache Deutsch diesen Riesenerfolg für sich verbuchen kann, dass es jedoch bei den Fernsehsendern bei der hinlänglich bekannten Regelung bleibt. Am 31.12.2019 werden alle deutschen TV-Stationen vom Netz genommen; ab 1.1.2020 gibt es nur noch russische Sender. Gerüchte, dass Schröder mit seinem Freund Putin darüber spricht, in den 20er Jahren russische Filme im westlichen Sendegebiet mit deutschen Untertiteln auszustrahlen, will das Büro Schröder weder bestätigen noch dementieren. Es ist naturgemäß auch unwahrscheinlich, dass Spitzenpolitiker sich in dieser bewegten Zeit mit derartigem Gedöns wie Untertiteln im Fernsehen befassen können.  


Schließlich gestaltet sich der historische Integrationsprozess der westeuropäischen Gebiete in die Russische Föderation komplex und kompliziert. Dennoch kann und darf, um nicht weitere Provokationen einschlägig interessierter Kreise gleichsam auf den Plan zu rufen, am notwendigen Tempo beim Aufbau der alleurasischen Union keinesfalls gerüttelt werden. Ruchbar geworden sind Organisationsprobleme bei der Bundesbank und der EZB. Möglich sogar, dass sich einige Elemente ihrer Eingliederung in das russische Zentralbankensystem widersetzen wollen. Die diesbezüglich Beschuldigten haben gegenwärtig die Möglichkeit, derartige Vorwürfe im Rahmen der „Sibirischen Gespräche“ zu entkräften. Sie finden zur Zeit – und auf unbegrenzte Dauer - statt in Jakutsk, der Hauptstadt der russischen Republik Jakutien (heute: Sacha). Doch ob nun Sabotage mit eine Rolle gespielt hat oder nicht: es ist klar, dass ein Großprojekt wie die Währungsumstellung von Euro auf Rubel störanfällig ist.  


Am Termin 1. Januar 2016, ab dem der Rubel das einzige gesetzliche Zahlungsmittel ist, wird jedenfalls nicht gerüttelt. Leider ist die eurokritische Regionalpartei AfD für eine Stellungnahme zur Rubel-Umstellung gegenwärtig nicht erreichbar. Hier scheint man sich in diesen Tagen und Wochen auf die Beratung deutschstämmiger Bürger zu konzentrieren, die schon im vorrevolutionären Deutschland durch Unzufriedenheit mit ihrer Wohnsituation auf sich aufmerksam gemacht hatten. Sie sind unzufrieden damit, Angehörige der Volksgruppe der Roma als Nachbarn zu haben, weshalb ihnen Putin – der Freund der Deutschen – preisgünstig großzügige Grundstücke in der Oblast Irkutsk angeboten hat mit der Garantie, dass sie dort ausschließlich Russen als Nachbarn haben werden. Höchstens noch einige Burjaten, Ukrainer und Tataren. Es ist nachvollziehbar, dass die so Beglückten dieses großartige Angebot dennoch gründlich prüfen möchten. Zumal sie nicht wissen, was ihnen sonst angeboten würde.  


Sie merken: die anstehende Vollintegration Ex-Deutschlands in die Russische Föderation ist ein komplexer und komplizierter Prozess. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die Problemchen am Rande, die immer wieder das Potenzial zu Rückschlägen in sich tragen. Hier hat noch eine Mütterinitiative mit dem Namen „Das Gymnasium muss bleiben“ Vorbehalte gegen die russische Einheitsschule. Da werden kritische Stimmen aus dem Bauernverband laut, weil Charakter und Wesen der Kolchosen offenbar immer noch nicht vollständig verstanden worden sind. Um so mehr freut man sich, wenn auch mal Zustimmung zum notwendigen Projekt der Russifizierung geäußert wird. So kommen ermutigende Signale etwa aus dem Bereich der Schattenwirtschaft: die ’Ndrangheta deutet ihren Verzicht auf den Vorsitz im Verband der Organisierten Kriminalität an, damit dieser Platz frei wird für die Russenmafia. Fortbildungsseminare bei russischen Oligarchen sind – und zwar schon vom italienischen Vorsitz beantragt - fest geplant.  


Hier ist erkannt worden, dass die Russifizierung ganz neue ökonomische Perspektiven eröffnet. Leute, wir leben nicht mehr im Mittelalter! Globalisierung heißt das Zauberwort. Da muss man sich umstellen! Jeder. Es gibt nun einmal nur eine überzeugende Antwort auf die Globalisierung, und das ist der einheitliche Wirtschaftsraum von Hamburg bis Wladiwostok. Jeder muss das einsehen. Und die russische Musik... - so schlecht ist die auch nicht! So, jetzt will ich Sie aber nicht länger aufhalten! Auf geht’s, Russisch lernen! Nicht, dass das doch noch schief geht! Das mit der Verschiebung auf 2025. Man muss natürlich sehen: zwei Amtssprachen können den Laden ganz schön aufhalten. Allein die ganze Bürokratie. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft hat auch schon Bedenken angemeldet. Zwei Amtssprachen – eigentlich Blödsinn. Also: dawaj, dawaj! Das heißt auf Deutsch: los jetzt! Ihr wisst Bescheid: Russisch Lernen. Druzhba!  


Werner Jurga, 09.03.2014




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