Selbstreflexiver Monolog bei Wein mit Schatz
Der Intellektuelle als solcher
(Teil 3)

 


Donnerstag, 24. Januar 2013. Um den Freitagabend möglichst nett zu gestalten, ist unser von kompetenter Seite anerkannter Intellektueller mal eben kurz in den Keller gegangen, um den Monolog mit seinem Schatz bei einem gepflegten Glas Wein fortsetzen zu können.

 

Och Schatz, ehrlich! Jetzt bin ich extra in den Keller gegangen und habe diesen erlesenen 2006er Bordeaux hochgeholt. Und was machst Du?! Du schläfst ein. Nein Schatz, das war jetzt kein Vorwurf. Überhaupt nicht. Klar, Du hast eine harte Woche hinter Dir. Ich war halt nur ein bisschen enttäuscht, weil ich doch extra… Sorry! Das ist doch klar: wenn Du müde bist, dann bist Du müde. Ich komme heute den ganzen Tag auch nicht so richtig bei, Schatz. Das ist aber auch gestern wieder spät geworden in der Drosselschänke. Leck mich am Arsch! Am Schluss mussten sie uns rausschmeißen. Nee nee, ich mache das nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr so oft. Hinterher gerät man noch in Verruf – so als Wissenschaftler des Instituts.

Ich meine, hin und wieder dort antreten muss man schon. Das ist sozusagen Teil des Arbeitsplatzes. Wahrscheinlich war deswegen auch die rothaarige Zicke da. Also, heute konnte ich sie wirklich nicht wieder sehen. Deswegen war ich ja auch „nicht arbeiten“ – ich weiß, mein Schatz: so siehst Du das. Ich habe heute echt keinen Bock darauf, mich mit Dir zu streiten. Die liebe Tina gestern hat mir schon so eben gereicht. Ja, Tina heißt sie, die kleine Hexe von unserem Pädagogik-Prof. Das hatte ich Dir aber erzählt, Schatz! „Du und Intellektueller“, hatte sie gesagt. Okay, nicht ganz genau so gesagt, aber gemeint. Das kann ich mir doch nicht bieten lassen, Schatz! Alles nur, weil die beiden Jungs aus dem Kolloquium plappern mussten…

 

„Intellektueller“ – da waren die beiden Jungs aber ganz schön beeindruckt. Du musst Dir vorstellen: das ist für die hier ja sozusagen die große weite Welt. Externe! Echt, Schatz, da habe ich höchsten Respekt vor. Einer von den beiden ist sogar richtig pfiffig. Trotzdem glaube ich nicht…, bin ich skeptisch…, ich meine: ich gönne es ihm natürlich. Aber ganz so einfach, wie die sich das vorstellen, ist das natürlich alles nicht. Mit so einer Promotion. Jetzt die Schavan: bei der ist damals die Zeit knapp geworden, und da hatte sie sich wohl gedacht. Übernimmst Du hier mal was, machst da keine Fußnote, tust einfach mal so, als hättest Du den Freud gelesen. Tja, eine Diss über die Gewissensbildung, Jahrzehnte später dann Forschungsministerin…

Das hätte sie sich ja auch irgendwie denken können! Vorher überlegen, sage ich immer! Ach nun ja, eine olle Kamele, die da oben. Um noch einmal auf den Burschen da aus dem Kolloquium zu sprechen zu kommen, wie gesagt: höchsten Respekt! Aber der Typ muss seine Brötchen in irgend so einer Sozialklitsche verdienen. Behinderte oder so etwas. Über die will er dann wohl auch etwas schreiben. Jetzt mal ehrlich, Schatz: was soll das denn bringen?! Wie gesagt: ich gönne es ihm. Ich schätze aber, das wird in einer ganz großen Enttäuschung enden. Und das nach all diesem Stress. Also echt, für mich wäre das Nichts! Warum die sich das neben ihrer Maloche noch alles antun?! Karrieregeilheit, was soll´s denn bitte sonst sein…

 

So, jetzt lass uns erst einmal anstoßen mit einem Gläschen dieses ganz hervorragenden Grand Cru. Das mit Deinem Tee – ich meine, ich habe ihn Dir auch gern gekocht – das war ja wohl nix, Schatz. Nimm Dir jetzt mal diesen Bordeaux, der hat jetzt lang genug geatmet, und riech nur mal! Jaaaa… - riechst Du das auch? Vom ersten Moment an reintönig und sauber!! Der Geruch ist ausgeprägt, aber nicht aufdringlich. Da weißt Du sofort: Der Wein ist schon sehr gut gereift und harmonisch fruchtig. Meiner Meinung nach: ein komplexer Geruch, der überzeugt. Ist doch toll, Schatz, oder? Na klar, wenn ich in der Drosselschänke bin, dann trinke ich auch ein Pils. Logisch. Und wenn es sein muss, dann trinke ich auch mal zwei. Und gestern Abend musste es sein.

Ja sorry, Schatz, dass ich Dir jetzt schon wieder mit dieser Tina komme! Aber kannst Du Dir das vorstellen?! Hättest Du etwa Lust darauf, Dir von so einer ein Gespräch darüber aufzwingen zu lassen, was ein Intellektueller ist und was nicht?! Na siehste! Nun ja, vielleicht war Gestern einfach nicht mein Tag. Erst kommt der große Meister im Kolloquium mit dem Intellektuellen rüber, was zugegebenermaßen ja auch nicht nur schlecht war. Und dann können abends in der Drosselschänke diese externen Bürschchen nicht einmal dann den Schnabel halten, wenn die rote Zora mit am Tisch steht. Und so nahm das Unheil seinen Lauf.

 

Mensch, jetzt habe ich immer noch nicht von diesem erlesenen 2006er Bordeaux gekostet. Du kannst einen auch echt vom Trinken abhalten, Schatz! Nun koste doch mal, Prost! Herr im Himmel! Das ist ein Wein. Göttlich. Diese leichte Spur von Säure auf meiner Zunge - so frisch und rassig!! Die dezente Süße wiegt sich dagegen perfekt auf! Samtig nimmt sich das weiche Tannin in der ausgewogenen Harmonie aus, welche so süffig und vielschichtig ist, so groß, elegant, aber doch sauber und ehrlich! Einfach perfekt! Genau heute!! Genau jetzt, genau in dieser Sekunde hat der Wein seinen edelfirnigen, äußersten Höhepunkt erreicht! Hab ich es doch gewusst! Und Du, Schatz? Findest Du diesen Tropfen auch grandios?

Ja, das ist schon etwas Anderes als Du immer mit Deinem Tee. Es ist doch schön, dass wir Zwei immer so wunderschöne Abende miteinander verbringen können. Wie ich das genieße! Ein edler Wein, eine fantastische Frau,… - Boah! Wenn ich da an gestern Abend denke! Tina und der Intellektuelle als solcher. Echt, Schatz, da brauchst Du überhaupt nicht so eifersüchtig zu gucken. Furchtbar. Aber was sollte ich denn machen?! Das war ja sozusagen eine Attacke in aller Öffentlichkeit. Hätte ich da den Schwanz eingezogen, hätte ich auch gleich in die Zeitung setzen können, dass ich nichts in der Birne habe. Das Leben ist Kampf, mein Schatz. Gerade auch als Intellektueller. Das kannst Du mir glauben.

Werner Jurga, 24.01.2012

 

 

Die Fortsetzung dieses selbstreflexiven Monologs folgt am 28. Januar

 



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