Mittwoch, 23. Januar 2013. Wenn Autoren damit anfangen, ihre eigenen Texte zu interpretieren, dann stimmt entweder etwas mit den Texten nicht, mit den Autoren oder mit beiden. Dass ich es im Wissen um diese Binse trotzdem mache, ist einer Leserin zu verdanken, die mir mitteilte, nur Bahnhof verstanden zu haben. Meine Antwort könnte für Leidensgenossen von Interesse sein. Aber das war es auch dann mit den Interpretationen meinerseits. Denn es ist ja so: wenn Autoren damit anfangen, ihre eigenen Texte zu interpretieren,…

 

Erläuterungen zum selbstreflexiven Monolog:
Dinge dieses und zwar nur dieses Milieus

Was Dein Bahnhofverstehen betrifft, denke ich, dass es weniger an den Inhalten liegt als an der Form dieses "Monologs".

In der Tat: ich mache hier mal etwas ganz Anderes. Erstens thematisiere ich nicht ein politisches Thema, sondern einen Typen, genauer gesagt: einen Typus.

Das lässt sich freilich unendlich ausbauen. Mal sehen, wie es ankommt und wie viel Freude es mir noch bereiten wird.

Vielleicht hast Du auf Facebook gesehen, dass im Gegensatz zu Dir die üblichen Verdächtigen richtig angetan waren. Die Zahlen auf WebAnalytics sind auch ziemlich gut. - Tja, was soll ich sagen?

 

„Ich bin ja auch keine Intellektuelle.“

Das klingt so, als seist Du zu blöd, die Texte zu verstehen. Das ist es aber nicht. Dein Satz stimmt insofern, als dass Du nicht dem Milieu entstammst, auf den sich solch ein - gewiss satirisch überspitzter - Text bezieht. Insofern gehörst Du nicht zu denen, bei denen er Anklang findet, weil sie genau diesem Milieu entwachsen sind. Es ist das Milieu der, wenn man so will, Intellektuellen.



Meine Serie beinhaltet, nicht wie sonst, politische Statements zu diversen Themen, sondern eine Milieustudie, Stimmungsbilder... - in der Sprache dieses Milieus, mit seinen Symbolen, Ehrenabzeichen, Beziehungsproblemen, Sehnsüchten etc.pp.

Dinge dieses und zwar nur dieses Milieus. Die Welt Deiner Wirtschaftsfuzzys, in der Du Jahrzehnte zugebracht hast, ist eine andere. Die Welt der Arbeiterklasse (die gibt´s ja auch immer noch) ist wieder eine ganz Andere. Dort kann man das Gewäsch dieses jämmerlichen "Intellektuellen" selbstverständlich kein bisschen verstehen.

 

Das Verhältnis von Wirtschaftsfuzzys und Intellektuellen - ich denke hier mal nur an die Männer - ist komplizierter. Man beneidet sich wechselseitig ein bisschen, möchte aber nicht tauschen. Ich will jetzt nichts zu den Parallelen sagen; für Dein Nichtverstehenkönnen oder -wollen sind die Unterschiede maßgeblich. Der Inti ist zwar auch geil auf ein starkes Auto, aber er würde seinen Selbstwert letztlich nicht daran festmachen.

Dem Fuzzy ist es egal, weil er ohnehin nicht ihr Typ ist, und sie nicht in sein Beuteschema passt, ob ihn irgendeine "gefährliche Feministin" für besonders geistreich hält oder nicht. Sie hält ihn nicht für intellektuell, weil er es ja auch nicht ist. Ihn stört es nicht allzu sehr, weil er mit so einer ohnehin nichts anfangen könnte.

Unser Inti, also der aus meiner Serie, hat es noch relativ gut erwischt. Eine Frau, berufstätig, auf jeden Fall mit Abi, vielleicht sogar studiert, aber keine "echte" Intellektuelle. Das ist ideal. In meiner Generation eine Massenerscheinung.

 

Soziologisch übrigens ein Riesenproblem, aber davon handelt dann meine Serie nicht mehr: es ist absehbar, dass die Bastionen der Intis wie der Fuzzys in den nächsten Jahren von den Frauen erstürmt werden. Die Fuzzys sind das, was wir landläufig herrschende Klasse nennen. Die Intis aber gehören irgendwie auch ein bisschen dazu: sie sind, wie Bourdieu es mal formuliert hatte, die "Unterdrückten der herrschenden Klasse".

Egal: wenn diese Bastionen jetzt von den Frauen erobert werden, stehen sowohl Männlein wie auch Weiblein vor ganz erheblichen Problemen bei der Partnerwahl. Für beide Geschlechter ist nämlich nach wie vor - da hinkt das Denken der Realität notwendig etwas hinterher - ziemlich wichtig, dass der Herr etwas höher, mindestens aber auf gleicher Höhe wie die Dame angesiedelt ist. Wenn nun aber die herrschende Klasse (Fuzzys wie Intis) aus - sagen wir mal - 60% Frauen besteht, kommt das ja alles schon rein arithmetisch überhaupt nicht mehr hin.

 

Wie gesagt: die Artikelserie handelt nicht davon. Ich bin ein alter Mann und kann nur auf Basis des von mir dereinst selbst Erlebten auf die jüngeren Aktiven blicken und darüber spotten, wie das alles bei denen so abläuft. Obwohl: der Trend, die Tendenz, also die Bewegung von der Vergangenheit in die Zukunft, spielt aufgrund ihres Tempos und Drucks unverkennbar in die Studie über das zeitgenössische Milieu mit hinein. In den beiden ersten Folgen ist unser ambitionierter Intellektueller den Bedrohungen mysteriöser Frauen ausgesetzt.

Erstens die „Heidegger-Tusse“, die unbestritten mehr auf dem Kasten hat als er, zweitens die „rothaarige“ Arbeitskollegin, die nicht einmal davor Halt macht, ihn mitten im Tempel seines Milieus, am Stehtisch in der „Drosselschänke", vor versammelter Mannschaft abzuwerten. Jede und jeder, die oder der in Duisburg Sozial- oder Geisteswissenschaften oder so etwas studiert hatte, weiß sofort, dass hier vom Super-GAU die Rede ist.

Der Inti von heute ist ein armer Kerl: was wenn die „Heidegger-Tusse“ nicht mehr, weil promoviert, auf das Geld ihres Auto-Dollar-Mannes angewiesen ist, und mit Doktortitel Anspruch auf die Assistentenstelle unseres Jammer-Intis erhebt?

 

Okay, es ist nicht Deine Welt. So hoffe ich, mit diesen paar schnodderigen Bemerkungen Dir den Zugang zum „selbstreflexiven Monolog bei Wein mit Schatz“ etwas erleichtert zu haben. Ich habe nämlich momentan vor, an dieser Serie dranzubleiben. Es schreibt sich so flott und mit so viel Freude... ;-)

 

Liebe Grüße

Werner

 

Werner Jurga, 23.01.2013

 

 




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