Legend Xekarim Prizrak


Ukraine – Russland

Das Gespenst des Krieges



Mittwoch, 5. März 2014. Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Krieges. Alle Mächte des alten Europa haben sich... - na, da bin ich ja mal gespannt - ...zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet. - Nein, das ist natürlich Unfug. Da wäre irgendwie eine andere Einleitung in Erwägung zu ziehen. Obwohl: Krieg, so richtig Krieg im Sinne von Krieg, will natürlich auch niemand. Nur: allein deshalb daraus, also aus dem Krieg, ein Gespenst zu konstruieren – das geht auch wiederum zu weit. Bedenken wir doch, dass wir allein seit dem Krieg, den wir den letzten zu nennen pflegen, rund zweihundert Kriege auf unserem Planeten miterleben durften! Wenngleich in aller Regel nur am Fernsehgerät. Dennoch: wenn wir uns da jedes Mal Gott weiß wie erschrocken hätten...  


Aber jetzt, diese Sache mit Russland und der Ukraine – die hat wirklich etwas Gespenstisches an sich. Eine Aufregung allerorten! Und das, obwohl noch nicht einmal ein Schuss gefallen ist. Sieht man einmal davon ab, dass gestern mal kurz in die Luft geschossen worden ist. Von den Russen. Das zählt aber nicht, weil die Ukrainer nicht einmal bewaffnet waren. So geht aber nicht Krieg! Außerdem waren die Russen zwar Russen, aber keine russischen Soldaten, sondern Ukrainer, die sich zu so einer Art Bürgerwehr zusammen-geschlossen hatten. Sagt Putin. Von denen gibt es mehr als zehntausend, und die haben – perfekt organisiert – keine 24 Stunden gebraucht, um die gesamte Krim-Halbinsel vollständig unter ihre Kontrolle zu bekommen. In Uniformen ohne Hoheitszeichen.  


Woran man immerhin sehen konnte, dass es sich bei diesen Uniformträgern nicht um russische Soldaten gehandelt haben kann, was auch insofern besser ist, weil es sich andernfalls um einen Überfall eines UNO-Mitglieds auf ein anderes gehandelt hätte, was selbstverständlich verboten und insofern ein Kriegsgrund, wenn nicht gar selbst ein Krieg ist. Gut, dass es nicht so weit gekommen ist! Trotzdem ist das Gespenst noch da, das Gespenst des Krieges. Gestern war es zwar ein wenig ruhiger, nachdem es am Sonntag und am Montag wie wild durch die Zeitungen, TV-Sondersendungen und Internet-Blogs gehuscht war. Aber es ist noch da, das Gespenst. Es muss einfach nur häufig genug von ihm erzählt werden, und es muss genug Leute geben, die an Gespenster glauben. Schon gibt es sie.  


Nicht, dass so ein Krieg an und für sich schon so etwas Gespenstisches an sich hätte. Nicht einmal ein Krieg in Europa. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es alle möglichen Kriege im früheren Jugoslawien, und im letzten Jahrzehnt zwei oder drei Kriege im Kaukasus, die nach ähnlichem Drehbuch abliefen wie derjenige jetzt, den es im Unterschied dazu zwar nicht gibt, der dafür aber oder gerade deshalb – Unterschied Nummer Zwei – ein Gespenst ist. Ein Krieg jedoch, der immerhin droht. Fragt sich nur: ein Krieg zwischen wem? Es muss ja ein Staat gegen einen anderen Staat Krieg führen. Oder ein Staatenbund gegen einen anderen Staatenbund. Oder mehrere Staaten, was man im Nahen Osten gern hat, gegen einen. Denkbar wäre auch noch ein „asymmetrischer Krieg“.  


Ein „asymmetrischer Krieg“ ist so etwas wie das, was man früher Partisanen- oder Guerillakrieg genannt hatte. So etwas kommt aber aus verschiedenen Gründen in der Ukraine heute nicht in Frage. Auf der Krim vielleicht später einmal. Muss uns also jetzt nicht interessieren, zumal die Tataren keine Gespenster sind. Womit wir immer noch bei der Frage wären: welcher Krieg wer gegen wen könnte da eigentlich so gespenstisch drohen? Von einem möglichen Krieg zwischen Russland und der Ukraine hatte ich gestern gelesen. Dieser jedoch darf schon allein deshalb als ziemlich unwahrscheinlich gelten, weil das ukrainische Militär erstens nicht einsatzfähig ist, zweitens zu relevanten – nämlich seinen ethno-russischen - Teilen nicht einsatzwillig ist, und drittens ein Krieg gegen eine Atomstreitmacht nur in Ausnahmefällen (Vietnam, Afghanistan) zu gewinnen ist.  


Ein solcher Ausnahmefall liegt aber hier nicht vor, was auch diejenigen wissen, die gegenwärtig – zumindest teilweise – die Kommandogewalt über das ukrainische Militär ausüben. Ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine steht also nicht zu befürchten. Nicht auf der Krim, zumal dort – abgesehen von den 15.000 Mann, die vertraglich vereinbart sind - gar keine russischen Streitkräfte sind. Die sehen, wie gesagt, nur so aus. Nebenbei bemerkt: auf der Krim leben nicht wenige Eheleute, von denen der eine Partner beim russischen, der andere beim ukrainischen Militär im Sold steht. Ein russisch-ukrainischer Krieg auf der Krim – da müsste der General zum Lieblingsspruch der Filmregisseure greifen: „Kinder, Kinder! So kann ich nicht arbeiten.“ Krieg kann man so einfach nicht führen.  


Was aber, wenn sich zum Beispiel in Charkiw oder im Donezbecken Revolutionen abspielen - ähnlich wie in Kiew, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen? Wenn dann die neuen Herren in Kiew das Militär nach Charkiw oder nach Donezk schicken wollten, um die Aufstände niederzuschlagen, dann wäre die russische Armee dort, um die Bevölkerung zu schützen. Das hat Putin gesagt, und das haben nicht nur die jetzt in Kiew Regierenden gehört, sondern auch die Kommandanten der ukrainischen Armee. Wer weiß, ob sie überhaupt einen solchen Einsatzbefehl befolgt hätten? Nach Putins unmissverständlicher Ansage dürften sie dies gewiss nicht tun. Es gibt keine Kriegsgefahr in der Ukraine. Sie ist ein Gespenst. Auch wenn US-Republikaner und einige deutsche Journalisten drängen. Gespenster erschrecken nur; Krieg führen tun sie nicht.  


Werner Jurga, 05.03.2014





Seitenanfang