Selbstreflexiver Monolog bei Wein mit Schatz
Der Intellektuelle als solcher
(Teil 2)


Dienstag, 22. Januar 2013. Tags darauf setzt unser von kompetenter Seite anerkannter Intellektueller den Monolog mit seinem Schatz fort. Es ist Freitag, Schatz durfte also ein halbes Stündchen früher nach Hause.
 

Da bist Du ja schon, Schatz. Ach, das ist ja toll! Richtig, es ist Freitag. Da beginnt für Dich ja das Wochenende. Wie schön! Für mich auch? Nun ja, Du bist da, ich liebe Dich, insofern ist das auch für mich schön. Das stimmt schon. Andererseits: ein Intellektueller arbeitet natürlich immer. Das ist alles etwas ganz Anderes; das kannst Du so gar nicht vergleichen… - Wie mein Tag heute war? Ach Schatz, Du bist süß! Ruh´ Dich doch erst einmal aus. Komm, ich mache Dir einen Tee! Höchste Zeit, dass Du mal runterkommst von diesem Pulsschlag aus Stahl. Eigentlich hatte ich gedacht, Du wollest erst einmal erzählen, wie Dein Tag so gelaufen ist. Ist aber auch egal. Ruh Du Dich erst einmal aus! Schön, dass wir beide uns haben. Nicht wahr, Schatz?! Warte, der Tee ist gleich fertig. Welche Sorte hast Du nochmal am liebsten?

Ich… - ach ich, ich habe heute mehr so konzeptionell gearbeitet. Nein, dafür muss ich nicht ins Institut. Richtig. Das hätte mir auch noch so eben in den Kram gepasst, kann ich Dir sagen! Der Alte ist ja sowieso auf Dienstreise. Ziemlich wichtige Konferenz an diesem Wochenende. Und die lieben Kolleginnen und Kollegen… - ich meine, wir wollen auch nichts übertreiben. Zwei von denen hatte ich übrigens gestern Abend noch getroffen. Ja klar, in der Drosselschänke. Wie es war? Tja, wie soll es schon gewesen sein? Ich sage mal: ganz nett. Eben wie immer. Es sind ja auch im Grunde immer die gleichen Leute da. Zwei aus dem Institut – hatte ich ja schon gesagt. Und nochmal Zwei aus dem Doktorandenkolloquium. Die waren natürlich ziemlich stolz, dass sie sich zu uns Dreien vom Institut dabeistellen durften – an den einen Stehtisch.

Süß, nicht wahr?! Ach, Dein Tee, Schatz! Na ja, auf zwei Minuten mehr oder weniger wird es wohl nicht ankommen. Nun bleib doch mal sitzen, Schatz! Du hast jetzt Wochenende. Tu Dir einfach mal Ruhe an! Ach hör doch auf! Ich kann mir mein Bier schon allein holen. Außerdem will ich heute kein Bier. Hatte ich gestern Abend schon mehr als genug gehabt. Ich werde mir gleich ein nettes Fläschchen Bordeaux aus dem Keller holen. Wir haben da noch einen ganz erlesenen 2006er Grand Cru stehen – einfach nur geil! Nun ja, die Jungs aus dem Kolloquium, die standen da also an unserem Tisch. Herrgott, es waren nun einmal nur Männer! Da kann ich doch nicht für. Und dann mussten sie das natürlich gleich zum Besten geben. Na ja, das mit dem Chef und dem Intellektuellen, Schatz! Das kannst Du doch nicht vergessen haben!

Da kannst Du aber mal sehen, wie die das beeindruckt haben muss. Die machten logischerweise einen auf obercool: „Na Herr Intellektueller, wie sieht´s aus?“ Wie die so sind – mir egal, macht mir nix aus. Was sollen sie auch machen?! Ich habe denen dann erst einmal erzählt, dass „Intellektueller“ überhaupt so ein Wort ist. „Intellektueller, wenn ich das schon höre!“, habe ich denen gesagt. „Eine allgemein anerkannte Definition des Begriffs gab es nie“, und gibt es nicht. Das steht sogar bei Wikipedia; aber wenn die Jungs meinen, das wär´ es jetzt aber. „Intellektueller“ – mein Gott, von mir aus! Da war dann aber Schluss mit Frotzeln, kann ich Dir sagen. Als wenn ich mich von so einem Spruch vom Prof antörnen ließe… - wie schmeckt Dir eigentlich mein Tee, Schatz?!

Wie, falsche Sorte?! Na, Du bist gut, Schatz; ich werde den Tee wohl kaum gekauft haben. Nun lass den Kopf mal nicht hängen! Das Beste ist, Du gönnst Dir gleich auch mal ein Schlückchen von meinem 2006er Bordeaux. Der ist sowieso etwas Genaueres als gekochtes Wasser an Kräutern. Grand Cru – ich kann Dir sagen, Schatz, eine ganz feine Sache! Ja, ich gehe gleich in den Keller, natürlich! Ich muss Dir nur eben ganz kurz das noch erzählen. Das Blöde war jetzt nur… - ja, gestern Abend am Stehtisch in der Drosselschänke - …dass einer von den beiden Institutskollegen eine Kollegin war, und zwar die Rothaarige, die sich über diesen sagenumwobenen Pädagogik-Prof in unser Institut hineingeschlafen hatte. Du weißt, Schatz, dass ich kein bisschen frauenfeindlich bin. Du kennst mich ja. Aber die Tante habe ich nun echt gefressen!

„Intellektueller“, meint Madame anmerken zu müssen. „Und Du bist sicher, dass Dein Chef Dich damit gemeint hatte?!“ Du, ich kann den Sound dieser Zicke gar nicht richtig nachahmen. So etwas Schnippisches, Schatz! Das kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Ich brauchte die beiden Jungs aus dem Kolloquium gar nicht erst groß anzugucken; die bestätigten sofort: „Ja, hat er gesagt!“ Die Rothaarige glotzt auf den Tisch und grummelt ganz diabolisch: „Mmhh…“ – „Na ja, werte Frau Kollegin“, habe ich dann gesagt, „es ist ja auch mein Chef. Da kennt er Dich halt nicht so gut.“ So unter richtigen Intellektuellen, da wird sich nichts gegönnt. So ist das nun einmal. Schatz! Und die Frauen, die es bis dahin geschafft haben – Du weißt, Schatz, ich bin für Frauenförderung und alles – das sind vielleicht ein paar Biester!

Werner Jurga, 22.01.2013

 

 

Die Fortsetzung dieses selbstreflexiven Monologs folgt am 24. Januar.

 



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