Richtig schön daneben gelegen:
Rot-Grün gewinnt knapp in Niedersachsen

Montag, 21. Januar 2013. Man kann nicht immer Sieger sein. Oft mogelt man sich irgendwie so durch. Mal gewinnt man, mal gewinnt man einfach nur so richtig an Erfahrung. So ist das Leben, so ist es in der Politik, so ist es aber auch in der Politikbeobachtung. Wenn man die Politik beobachtet, sollte man sie schon auch analysieren. Genau genommen kann man überhaupt nichts beobachten, von dem man nicht zuvor bereits eine Vorstellung entwickelt hat. Dass man umgekehrt sich keine klugen Gedanken machen kann, wenn man gar nicht hinguckt, was passiert, ist sowieso klar. Siehe hierzu auch: Einheit von Empirie und Theorie. Und wenn man sich schon so viel Mühe damit macht, hinzugucken und über das, was man sieht, nachzudenken, bietet es sich förmlich an, es anderen Leuten zu erzählen, was man so sieht und denkt.

Das ist zum einen ganz nett; denn es könnte ja sein, dass andere Leute etwas davon haben. Zum anderen aber – mindestens genauso wichtig – kann nur die Rückkoppelung mit anderen Menschen gewährleisten, dass man nicht irgendwann damit anfängt, Gespenster zu sehen, und folglich Gespenstisches zu denken. Das bedeutet ja nun nicht, dass man sich von anderen Leuten vorschreiben lassen muss, was man gesehen hat und was nicht. Wer lässt sich da schon gern hineinreden?! Andererseits: wenn man so der einzige ist, der sich das kleine blaue Kaninchen anguckt, und irgendwann der einzige ist, der das kleine blaue Kaninchen überhaupt sieht, wird man zwingend zum einzigen, der über das kleine blaue Kaninchen nachdenkt. Das lässt sich nicht immer ganz vermeiden, ist aber auf Dauer nicht wirklich gesund. Anders ausgedrückt: zentrales Kriterium der Wissenschaftlichkeit ist die Überprüfbarkeit.

Und noch etwas: wenn man anderen Leuten davon erzählt, was man so sieht und denkt, ist es einfach besser, wenn man auf die Relevanz des Gesehenen und Gedachten hinweist. Wenn man den Leuten darlegt, was sich eigenen Erachtens aus der ganzen Angelegenheit entwickeln könnte. Ja sicher, dies ist kein Muss. Sie können auch hingehen und einfach berichten: „Ich habe ein kleines blaues Kaninchen gesehen!“ Sie beweisen Ihre Behauptung, und der Käse ist gelutscht. Allerdings ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass Ihre Story niemanden so richtig vom Hocker haut. Deshalb mein Tipp: fügen Sie hinzu, warum Sie meinen, dass kleine blaue Kaninchen ziemlich wichtige Kreaturen sind. Und nicht nur einfach so mal wichtig, sondern wichtig für die Menschheit, für uns, auf jeden Fall für Ihre Zuhörer oder Leser. Glauben Sie mir: sonst wird das nichts.

Aber wenn Ihr Forschungsgegenstand – im Beispiel hier also das kleine blaue Kaninchen – schon so wichtig für Ihre Adressaten ist, dann ist es auch einfach nur fair, wenn Sie mal erklären, wie das wohl Ihres Erachtens alles so weitergehen könnte. Wie es um die Zukunft des kleinen blauen Kaninchens so bestellt sein könnte. Wenn Sie also – wissenschaftlich gesprochen – eine Prognose abgeben. Wie gesagt: Sie müssen das nicht machen; denn selbstverständlich besteht das Risiko, dass Ihre Prognose sich als falsch erweist, Sie also ziemlich dumm dastehen. Zwar kann eine Prognose gar nicht den Anspruch erheben, unter allen Umständen genau so einzutreffen. Aber wer weiß das schon?! Wenn Sie also nicht der Gelackmeierte sein wollen, sagen Sie einfach: „Ich habe ein kleines blaues Kaninchen gesehen!“

Nun gut, ein wenig Mehr müssen Sie schon zum Vortrage bringen, wenn Sie als Wissenschaftler Anerkennung finden wollen. Ein kleines blaues Kaninchen Sehen kann natürlich irgendwie Jeder. Sie müssen also schon erzählen können, wie groß das pusselige Tierchen ist, wie schwer, wie blau, männlich oder weiblich, und all das Übliche. Irgendjemand wird sich bestimmt auch dafür interessieren. Und damit zur Landtagswahl in Niedersachsen von gestern. Wie Sie gewiss schon in Erfahrung gebracht haben, hatten am Ende eines langen Wahlabends – ich schätze: so gegen 23 Uhr – SPD und Grüne doch die Nase vorn, nämlich einen Sitz mehr errungen als CDU und FDP. Fünf Stunden zuvor, also so gegen 18:30 Uhr, hatte ich meinen „Niedersachsen-Schnellschuss“ ins Internet gestellt. Dieser Kommentar zum Wahlergebnis ging jedoch fälschlicherweise davon aus, dass Schwarz-Gelb die Wahl gewonnen hätte.

Was das mit dem kleinen blauen Kaninchen zu tun hat? Ehrlich gesagt: nichts. Rein gar nichts. Dieser Kommentar zu einem Ereignis, das so gar nicht stattgefunden hatte, kann nicht einmal als Beleg für die Gewissheit herhalten, dass Prognosen nun einmal unsicher sind. Denn bei diesem Text hat es sich, wie gesagt, nicht um eine Prognose gehandelt, sondern um einen Kommentar. Zu Beginn hieß es: „David McAllister darf in Hannover Ministerpräsident bleiben“. Indikativ, klare Sache: „Heute ist diese Serie gerissen.“ Nämlich die Serie rot-grüner Erfolge, schwarz-gelber Niederlagen bei den Landtagswahlen. Keine Prognose, sondern eine Meldung – wenngleich eine Falschmeldung. Um 18:30 Uhr meldete von den beiden für die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender tätigen Forschungsinstitute das eine einen Vorsprung für Schwarz-Gelb, das andere ein Patt, das allerdings durch Überhang- und Ausgleichsmandate zur absoluten Mehrheit für Schwarz-Gelb führen werde.

Keine Frage: ich hatte meinen Kommentar zu früh online gestellt. Weder die Sender noch die Institute hätten mir zu diesem Zeitpunkt garantiert, dass McAllister in Hannover am Ruder bleiben werde. Und klar: wenn ich meinen Text um 18:30 Uhr raushaue, ist es nicht vorstellbar, dass ich erst um 18:00 Uhr damit begonnen hätte, ihn zu schreiben. Sie kennen das: diese Formulierungsschwierigkeiten... Nein, ich hatte große Teile des Artikels zuvor fertig. Denn ich ging wirklich davon aus, dass die Landtagswahl für Rot-Grün verloren geht. Ich hatte daneben gelegen. Richtig schön daneben gelegen. Landtagswahl Nr. 12 in Serie, die für die CDU verloren gegangen ist. Wenn das so ist, liege ich gern daneben. Allerdings: ich lag nur ganz, ganz knapp daneben. Abgesehen vom falschen Ausgangspunkt, dem Wahlresultat, kann alles Andere an diesem Kommentar so bleiben, wie es ist.

Zur Erinnerung: mein „Niedersachsen-Schnellschuss“ hatte sich nicht mit kleinen blauen Kaninchen befasst, sondern mit der Situation und mit den Perspektiven der SPD. Ich habe dafür plädiert, die SPD solle eine politische Mehrheit links von der CDU anstreben, was undenkbar sei, solange die Seeheimer den Ton in der Parteispitze angeben. Ich schloss mit meiner Auffassung, dass solange sich dies nicht ändere, sich die SPD in entscheidenden Situationen mit dem 2. Platz werde begnügen müssen. Man kann dies anders sehen, und es gibt auch Leute innerhalb wie außerhalb der SPD, die dies anders sehen. Ich brenne darauf, darüber zu streiten. Ich habe in dieser Sache die Rückkoppelung mit anderen Menschen; ich bezweifle, dass die SPD-Parteispitze dies auch so sicher sagen kann. Wie auch immer: wer aus dem hauchdünnen Sieg von Hannover eine strukturelle Mehrheitsfähigkeit der SPD herauslesen möchte, liegt gewiss daneben. Nicht schön, aber richtig.

Werner Jurga, 21.01.2013





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