Mist! Ausgerechnet jetzt:

Der Russe kommt



Samstag, 1. März 2014. So ein Mist! Ausgerechnet jetzt. Jetzt, wo das mit den tollen Tagen richtig losgeht. Nein, das ist nicht lustig. Karneval hin, Karneval her: der Russe kennt da kein Pardon. Sie haben das ja bestimmt mitbekommen – am Freitag, vorausgesetzt, Sie haben nicht infolge von Altweiber noch völlig in den Seilen gehangen. Falls doch: dann aber jetzt mal schnell wieder beikommen! Und nicht sofort wieder Vorkehrungen treffen für weitere Abstürze in irgendwelchen Karnevalskneipen, sondern mal richtig wach werden und dann dementsprechend die richtigen Vorkehrungen treffen! Klingeling, damit Sie es jetzt endlich auch mitkriegen: der Russe hat sich auf den Weg gemacht. Logisch: Richtung Westen. Ja klar! Die Krim soll er schon eingenommen haben. Am Freitag. Stellen Sie sich das nur einmal vor!  

Wie bitte?! Die kennen Sie nicht, die Krim? Müssten Sie aber! Die Krim hat nämlich diesem Sekt den Namen gegeben. Nein, das war wirklich keine gute Idee. Sich vor der Abfüllung mit Pils oder Alt ein Fläschchen roten Krimsekt zu gönnen. Sehr süß, ich weiß, schmeckt wie Bonbon, ballert aber voll rein. Das muss an diesem milden, wohltuenden Klima liegen. Auf der Krim, ja natürlich. Die Krim, das ist diese Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer – sozusagen gegenüber der Türkei, die dessen Südküste bildet. So, und am Freitag, spätestens am Freitag, hat sich der Russe so weit nach Westen vor gewagt. Niemand weiß, wie die ganze Sache weitergeht. Wenn der erst einmal so richtig loslegt! Ausgerechnet jetzt. Drei tolle Tage, und schon könnte er am Rhein stehen der Russe. Wenn Sie dann sternhagelvoll über irgendeinem Tresen hängen...  

Sie müssen das natürlich selber wissen. Ich will Ihnen da überhaupt gar nicht hineinreden. Ich meine nur: wenn – und ich sage ausdrücklich: wenn. Wenn der Russe dann in ihre Stammkneipe einmarschiert und Sie beim Über-der-Theke-hängen noch ihr Karnevalskostüm, die Nazi-Uniform anhaben, dann hoffe ich für Sie mit, dass Sie gut genug Russisch können, um ihm das einigermaßen herüberzubringen. Denn das dürfte Ihnen doch bekannt sein, dass in Russland seit Jahrzehnten dieses Feindbild gepflegt wird. Diese Angewohnheit hatte der Russe auch nicht zusammen mit dem Kommunismus abgelegt. Ja, das hat er tatsächlich gemacht. Das ist nicht einmal ein Trick. Mit Kommunismus hat er nichts mehr am Hut der Russe. Wirtschaft und Politik lässt er jetzt von Oligarchen erledigen.  

Also, das sind so eine oder zwei Handvoll steinreicher Kerle, die sich die wichtigsten Firmen, Fußballvereine und Politiker einkaufen und am Ende alles zu bestimmen haben. Im Grunde so ähnlich wie bei uns, nur noch nicht so gefestigt und so ausdifferenziert, weshalb ziemlich viel bestochen und hin und wieder auch mal jemand ausgeknipst werden muss und eine Opposition nicht so richtig zugelassen werden kann. Aber ansonsten alles fast wie bei uns – nur eben stärker gelenkt. Deshalb heißt die ganze Veranstaltung beim Russen auch gelenkte Demokratie, wogegen an und für sich nichts zu sagen wäre, wenn der Russe allen Veränderungen zum Trotz nicht der geblieben wäre, der er immer war: ein Bär. Tja, der russische Bär... - nichts gegen Bären: ganz ruhige Vertreter, fast schon gutmütig.  

Nur eben: gefräßig. Speziell der russische Bär – und das ist das, was ihn zum Problembären macht – ist äußerst gefräßig. Ich sage nur: Afghanistan. Oder, weil dieses Beispiel mittlerweile nicht mehr ganz so gut ist: Tschetschenien. Und was der sich sonst noch so alles einverleibt hatte, der Russe. Ich komme gerade nicht drauf, aber fest steht: der Russe ist ein Nimmersatt. Jüngstes Beispiel, gerade gestern: die Krim. Diese wunderschöne Halbinsel im oder am Schwarzen Meer. Das ist schon sehr weit westlich. Fast so weit westlich wie Sankt Petersburg! Und wie geschickt er das angestellt hat, der Russe! Respekt. Fast könnte man meinen, er sei schon – ganz im Geheimen – da gewesen. Auf der Krim. 80 % - in Worten: achtzig Prozent – der Bewohner dieser Halbinsel sprechen Russisch als Muttersprache.  

Na klar: jetzt schon. In diesen Dingen ist der Russe einfach genial. Das muss man anerkennen; das macht ihm keiner nach. Wir lassen uns das natürlich nicht so ohne Weiteres gefallen. Unsere Leute waren da, der UNO-Sicherheitsrat tagt, und all sowas. Wenn nicht gerade ausgerechnet jetzt Karneval wäre, gäbe es sogar Sondersendungen im Fernsehen. ARD-Brennpunkt, ZDF-spezial. Wir könnten alle Register ziehen. Aber so. Am Aschermittwoch ist zwar alles vorbei; aber vermutlich auch schon auf der Krim. Das macht aber nichts; denn der russische Bär, nimmersatt, wie er ist, hat sein Auge längst auf die Ukraine gerichtet. An der wird er sich allerdings die Zähne ausbeißen, so dass in der Fastenzeit reichlich für spannende Fernsehunterhaltung gesorgt sein dürfte. Die Bildzeitung hat schon einmal das Drehbuch für den „Krimi auf der Krim“ vorgegeben.  
Obama droht Putin“, heißt heute eine Schlagzeile. Verbunden mit der Frage: „Wie nah ist die Welt an einem Krieg?“ Gruselig. Reality-TV vom Allerfeinsten. Obama gegen Putin; da könnte man fast vergessen, wie weit sich der Russe schon jetzt Richtung Westen voran gefressen hat! So weit wie jetzt war er irgendwie noch nie, der Russe – abgesehen von Sankt Petersburg, versteht sich. Das ist aber letztlich auch egal. Obama warnt Putin – das ist der Stoff, aus dem das ganz große Kino gemacht wird. Wann wird einem je sonst die Endlichkeit des eigenen Seins so eindrucksvoll vor Augen geführt?! Oder glauben Sie etwa im Ernst, wegen dieses hinterwäldlerischen Gemetzels in Syrien würde zum Beispiel die Bildzeitung die Schlagzeile „Obama droht Putin“ bemühen?! Andererseits: es ist wirklich nicht auszuschließen, dass der US-Präsident seine Drohung wahr macht.  


Seine Drohung, den G8-Gipfel in Sotschi abzusagen. Dann werden Sondersendungen folgen, die die Frage erörtern werden, ob auch Deutschland absagen soll, und ob die paar Anderen, die sowieso nicht ganz so wichtig sind, ebenfalls absagen werden. Die Live-Schalte nach Rom: wird Renzi am Weltwirtschaftsgipfel teilnehmen oder nicht? Spannende Frage, zumal die Frage, ob nun der Dritte Weltkrieg ausbricht oder nicht, mittlerweile ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Denn das imposante US-Kriegsschiff, das im Schwarzen Meer kreuzt, macht keinerlei Anstalten, den russischen Stützpunkt in Sewastopol anzugreifen. Die gute Nachricht: wir überleben. Die schlechte: der Westen hat es dem Russen durchgehen lassen, sich die Krim einzuverleiben. So weit wie jetzt war er irgendwie noch nie, der Russe.  


Was, wenn er jetzt durchmarschiert? Der gefräßige Bär. Wenn er Richtung Westen keinen Halt mehr kennt und er nicht einmal am 30. Längengrad zu stoppen gedenkt? Als nächstes würde er sich dann Kiew schnappen! Nicht auszudenken: Russen in Kiew. Ein Hirngespinst? Ich bitte Sie: selbst der Klitschko spricht am liebsten Russisch. Dafür mag man Verständnis haben; schließlich ist es seine Muttersprache, weshalb ihm das Ukrainische nicht so liegt. Aber es wäre noch lange kein Grund dafür, dem Russen auch nur einen Zentimeter kampflos zu überlassen. Als nächstes steht er dann am Dnister und rubbeldiekatz an der Weichsel. Spätestens wenn er die Oder überquert und im Osten Deutschlands die Bananen Mangelware werden, dürfte auch Ihnen klar werden, dass er auf „Weg hier! Dawaj, dawaj!“ nicht reagiert, der Russe.  


Werner Jurga, 01.03.2014





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