Selbstreflexiver Monolog bei Wein mit Schatz
Der Intellektuelle als solcher
(Teil 1)


Samstag, 19. Januar 2013. So, jetzt muss ich Dir mal etwas erzählen, Schatz! Da wirst Du staunen. Hör mal zu! Da wirst Du aber Augen machen. Weißt Du, was er heute gesagt hat, Schatz?! Das rätst Du nie. Pass auf! Er hat heute gesagt, … - ja wie, wer? Na, Du bist aber gut! Dir ist klar, dass heute Donnerstag ist, und dass an jedem zweiten Donnerstag Nachmittag das Doktorandenkolloquium… Nein, letzten Donnerstag war kein Kolloquium! Da waren wir doch beim Fílippos essen, wenn ich Dich daran erinnern darf! Ja ja, ich weiß: alles dreht sich hier nur um mich. Sorry, aber die Teilnahme am Promovendenkolloquium steht nun einmal in meinem Arbeitsvertrag; ich kann es nicht ändern.

Wenn Du trotzdem die Güte haben könntest, Dir jetzt einmal anzuhören, was er da heute gesagt hat?! Danke sehr. Ja er, der große Meister. Höchstpersönlich. Pass auf! Er hat heute gesagt – da wirst Du Dich freuen! Tatsache: vor allen Leuten hat der Chef gesagt, dass ich ein Intellektueller bin. Du, da gibt es nichts zu staunen! Wobei: dass er es vor dem versammelten Kolloquium gesagt hat, okay, das ist ein Ding! Insofern, ob Du es nun glaubst oder nicht, Schatz: ich habe meine Zeugen. Wir saßen da alle zusammen, Zack, da lässt der Alte das los. Coram publicam sozusagen, wie wir Intellektuellen sagen würden. Ich bin ein Intellektueller. Das hatte gesessen, kann ich Dir sagen. Na, da freust Du Dich auch, Schatz. Sehe ich ja…

Das Gesicht von dieser komischen Heidegger-Tusse hättest Du mal sehen müssen! Madame wäre beinahe alles aus selbigem rausgefallen, versuchte aber natürlich, Haltung zu bewahren sich nichts anmerken zu lassen. Na, diese Heidegger-Tusse – von der hatte ich Dir doch erzählt. Die in den Stöckelschuhen, die immer ein bisschen auf feine Dame macht. So eine Sahra Wagenknecht für Rechte. Du weißt doch: die sich ebenfalls beim großen Meister um meine Assistentenstelle mit Promotionsauftrag beworben hatte. Ach, kannste mal sehen: jetzt fällt der Groschen. Zufall, nehme ich an. Aber wann das Doktorandenkolloquium stattfindet, ist Dir natürlich egal.


Pinselzeichnung, die Martin Heidegger darstellt, von Herbert Wetterauer,
frei gestaltet nach einer Fotografie von Fritz Eschen - Asav via Wikipedia


Nein, ich will nicht mit Dir zanken, Schatz. Ich will, dass Du Dich freust! Also, es war so: Mademoiselle Phänomenologin musste heute vorsingen über ihren Heidegger-Kram und dessen ganzer Lebensphilosophie. Ach, das interessiert Dich nicht. Kein Problem, Schatz, mich auch nicht. Nicht die Bohne. Ich dachte nur, ich erzähle einfach mal, wie das so gekommen ist, dass der Chef… - na klar: muss ja nicht sein. Ich habe das sowieso auch alles nicht verstanden. Obwohl ich ein Intellektueller bin. Das schlaue junge Fräulein hat da immer mal diesen Heidegger im Original vorgelesen. Echt, da verstehst Du nur Bahnhof. Allein schon diese beknackte Sprache. Aber gut, das interessiert Dich also nicht so sehr. Kein Thema, Schatz; das verstehe ich voll.

Warum der große Meister wohl gesagt hat, dass ich ein Intellektueller bin? Ja, Du bist gut. Auch als Intellektueller kannst Du den Leuten nur vor den Kopf gucken. Keine Ahnung. Ich habe ja den Verdacht, der Alte ist ein bisschen scharf auf das Stöckelschuh-Mäuschen. Vielleicht wollte er sie damit triezen, dass er nun gerade mich in aller Öffentlichkeit als Intellektuellen bezeichnet. Ich frage mich sowieso, warum er im letzten Jahr die Stelle mit mir besetzt hatte. Du echt, Schatz, da können wir aber froh sein: diese komische Heidegger-Tusse hat wirklich etwas auf dem Kasten. Andererseits: der Chef ist routiniert genug, um zu wissen, dass mit solchen Leuten nicht gut Kirschenessen ist. Überhaupt Heidegger, wenn ich das schon höre!

Ich frage mich sowieso, warum der Alte so eine Dissertation überhaupt annimmt. Heidegger – soll der nicht auch mit den Nazis…? Na ja, ist ja auch egal. Der Chef wird schon wissen, was er macht. Die Tusse übrigens, die lebt jetzt von ihrem Gatten. Ganz schön unemanzipiert – nicht wahr, Schatz?! Ja, ich kenne ihren Typen. Als ich noch im Grundstudium war, hatte der bei uns seinen Abschluss gemacht. Wollte dann auch promovieren, hatte aber keine Flocken, fing dann irgendwo damit an, Autos zu verkloppen. Audis oder Mercedes oder so ein Zeug, muss sich damit inzwischen wohl dumm und dusselig verdienen. Das hatte sie mir kürzlich alles selbst erzählt. Da hatte ich mir gedacht, das ist wohl auch besser so.

Wenn Du so eine Tusse am Wickel hast, brauchst Du ein bisschen Kleingeld. Aber Du hast Recht: das muss uns ja alles überhaupt nicht interessieren. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei den Intellektuellen. Ich bin ja jetzt auch einer, amtlich sozusagen. Komm Schatz, tu jetzt nicht so, als würdest Du Dich gar kein bisschen freuen! Du bist müde von der Arbeit. Kein Thema, Schatz; das verstehe ich voll. Dann lassen wir das heute mal mit dem Fílippos! Zum Essen Gehen ist es sowieso schon arg spät. Du kannst Dich ja schon einmal hinlegen. Ich werde dann noch mal kurz auf einen Sprung in die Drosselschänke reinschauen. Es ist Donnerstag; donnerstags kommen immer mal die wichtigen Leute auf ein Bier vorbei. Intellektuelle und so…


Werner Jurga, 19.01.2013

 

 

Die Fortsetzung dieses selbstreflexiven Monologs folgt am 22. Januar.

Bis dahin könnte Ihnen noch der vor drei Wochen erschienene Artikel
Intellektueller müsste man sein…“
ein wenig Zerstreuung bieten.



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