Revolution in der Ukraine

Hurra! Sieg im Volkskrieg


Montag, 24. Februar 2014. Mensch, das war ja ein aufregendes Wochenende! In der Ukraine, versteht sich. Wie schnell die Zeit vergeht! Wann war das denn noch, dass der Steinmeier da diesem Janukowitsch mal so richtig ordentlich die Meinung gegeigt hatte? Es kommt einem so vor, als sei es schon ewig her. Und das ist auch besser so; denn nichts wäre verkehrter, als sich jetzt auf den Meriten auszuruhen. Die Revolution ist nämlich, wie wir beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung lesen können, “nur der Anfang“. Keine Zeit für Revolutionsromantik, jetzt muss es endlich mal wieder Arbeiten heißen. „Nach dem Abtritt von Präsident Janukowitsch plagen die Ukraine massive Sorgen“ - sicher: vorher mag es diese Probleme auch schon gegeben haben, aber da bereiteten sie keine „massiven Sorgen“. Weil da erst die Revolution gemacht werden musste. Nun aber, und darin besteht ja gerade der tiefere Sinn einer Revolution, müssen sie auch bewältigt werden, diese Probleme, die zu massiven Sorgen Anlass geben.  


Der Maidan hat die Macht übernommen“, heißt es. „Die uneinsichtige, radikale Basis hat ihren Willen bekommen." Nun gut, Raufbolde, Heißsporne, ohne die jedoch – und das muss auch einmal gesagt werden – so eine echte Revolution gar nicht gelingen kann. Da kann es freilich passieren, dass „in den vergangenen Wochen“, wie die Tagesschau berichtet, „Juden wiederholt auf offener Straße von Unbekannten verprügelt worden“ waren. Weshalb der Rabbi den Juden zum Verlassen von Kiew und wenn möglich auszureisen geraten und auch die israelische Botschaft in Kiew Juden gewarnt habe, vorerst ihre Häuser nicht zu verlassen. So ist das in diesen Revolutionswirren. Sie müssen bedenken: die Ukraine stand nicht nur am Rande eines Bürgerkrieges, sondern auch kurz vor der Pleite. Da fragt sich natürlich der Ein oder Andere, ob das alles nur an den Kleptokraten um Janukowitsch gelegen haben kann. Diese Frage drängt sich einfach auf, zumal auf „dem Maidan“, der ja die Macht übernommen hat.  


Der Maidan, das ist der Platz, der eine Julia Timoschenko, die in Sachen Kleptokratie diesem Janukowitsch in nichts nachsteht, nach ihrer Haftentlassung mit Höflichkeitsapplaus, aber auch mit Pfiffen, begrüßt, keineswegs jedoch, wie es auf Spiegel Online etwas irreführend angedeutet wird, „frenetisch feiert“. Allerdings: auch Spiegel-Korrespondent Benjamin Bidder lässt keinen Zweifel daran, wer auf dem Maidan das Sagen hat: "Nach Timoschenko trat ein Mann auf, der noch frenetischer gefeiert wurde als die ehemalige Premierministerin. Sein Name ist Dimitrj Jarusch, er ist Anführer des `Rechten Sektors´. Die Nationalisten haben sich schon am Freitag Scharmützel mit Timoschenkos Partei geliefert." Der „Rechte Sektor“ ist so etwas wie die SA der Nazi-Partei Swoboda, die an der jetzt zu bildenden Übergangsregierung der Ukraine beteiligt werden könnte. Deren Schlüsselpositionen haben sich jedoch in Windeseile bereits die Timoschenko-Leute gesichert.  


Das passt der deutschen Bundesregierung nicht so ganz in den Kram, den Rechtsextremisten vom Maidan dagegen schon mehr. Zwar ist der Pöbel sauer, dass „die Politiker“ abermals die Macht übernehmen. Ihre Führer verspüren jedoch keine allzu große Lust, mit den Problemen der Ukraine, die diese „massiven Sorgen“ bereiten, in Verbindung gebracht zu werden. Das Land steht nämlich nicht nur am Rande eines Bürgerkriegs, sondern auch der Pleite. Tatsächlich: die Sorgen sind massiv; andererseits: „EU, USA und IWF wollen helfen“. „Die EU, die USA und der IWF wollen für die Zahlungsfähigkeit der Ukraine garantieren“ lesen wir in der Welt – und: „Auch die Nato steht bereit, ihre Beziehungen zur Ukraine auszubauen, wie Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte.“ Aber das nur nebenbei. Zunächst einmal muss es darum gehen, die ukrainische Wirtschaft wieder flott zu bekommen. Über Dinge wie die NATO-Mitgliedschaft reden wir danach. Das regelt sich schon.  


Nun steht vielen Ukrainern der Sinn zwar nach der EU, nicht aber nach der NATO. Eine EU-Mitgliedschaft steht allerdings, wie der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber unmissverständlich deutlich gemacht hat, “nicht auf der Tagesordnung und ist auch nicht im Angebotskasten“. Logisch: die erfüllen ja nicht die Kriterien für einen Beitritt. Trotzdem, besser gesagt: weil wir nun einmal die Guten sind, sind wir bereit zu helfen. Wir, der Westen. Die EU, die USA und der IWF. Das ist nämlich das Schöne an der Westorientierung: man kann, auch ohne EU-Mitglied zu sein, die Troika auf den Hals gehetzt bekommen. Zugegeben: die Anzahl der Malaria- und HIV-Infektionen nimmt dann zu, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Auch Tuberkulose- und Depressionsfälle sowie Suizide gelten als Nebenwirkung einer Troika-Therapie. Dass aber die Säuglingssterblichkeit wie in Griechenland um 43 Prozent steigen muss, ist nicht unbedingt gesagt.  


Eine Revolution ist nun einmal kein Ponyhof. Aber klar: „Viele sind frustriert von Europa“, stellt auch Marina Weisband fest, die sich wieder an ihrem Geburtsort Kiew aufhält. Sie will dort nämlich „sicherstellen, dass der Westen nicht die Aufmerksamkeit verliert, jetzt wo kein Blut mehr fließt“. Das ist löblich von unserer Piraten-Ikone, die sich „selbst hier auch sicher fühle“, weil sie die Meldungen über eine Bedrohung von Juden nämlich für „Kreml-gesteuerte Panikmache“ hält. Sie ist vor Ort und wird dies besser beurteilen können als ich. Besser auch als Merkel und Steinmeier, die von den neuen Machthabern in Kiew „Mäßigung fordern“ und sie „vor Rachegelüsten warnen“. Und sowieso besser als der Kreml, der seinen Botschafter aus der Ukraine abgezogen hat und dessen Panik vermutlich weniger den ukrainischen Juden, sondern mehr seinen russischen Landsleuten auf der Krim sowie der östlichen Ukraine insgesamt gelten dürfte. Der „Ukraine droht mehr denn je die Spaltung“, schreiben die Agenturen.  


Werner Jurga, 24.02.2014



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