Konflikt in der Ukraine

Eurozentrischer Tunnelblick


Donnerstag, 20. Februar 2014. Die Lage in der Ukraine ist komplex und kompliziert. So die diplomatische oder akademische Formulierung für „kein Durchblick“. Der Vorteil liegt auf der Hand: „komplex und kompliziert“ hört sich gescheiter an als „kein Durchblick“. Der Königsweg ist es aber nicht. Da ist es besser, weil einfacher, man ist Partei, exakter ausgedrückt: man hält zu einer Partei. Denn Partei Sein hat in der Ukraine derzeit so seine Schattenseiten. Dort ist nämlich, so kann man es spätestens seit heute sagen, Krieg. Wem dies zu grob ist, der benutze die bekannten Euphemismen: kriegsähnlicher Zustand, bürgerkriegsähnliche Verhältnisse oder – das wirkt besonders besonnen: „Die Ukraine am Rande eines...“ oder „an der Schwelle zum...“ Und daran würde ich besser „Bürgerkrieg“ anschließen als „Krieg“. Denn das Wort „Krieg“ klingt so ein bisschen hysterisch, was freilich nicht ganz so gut kommt, wenn man besonnen wirken will.  


Und wer will das nicht?! Wer für eine Seite Partei ergreift, kann im Grunde gar nicht anders. Angenommen, Sie stehen auf Seiten der Opposition, rein von der Sympathie her, versteht sich, Sie sind ja nicht lebensmüde... - nun, dann sind Sie für die freiheitsliebenden, demokratischen Kräfte, die sich gegen die sowjetisch-geprägten pro-russischen Gangsterpolitiker wehren. Diese Semantik ist nicht allzu schwer zu erlernen, weil sie erstens hierzulande in allen Medien zu finden ist und zweitens nahtlos an den Sprachgebrauch des Kalten Krieges anschließt, den Sie auch dann kennen sollten, wenn Sie etwas jüngeren Datums sind. Sollten Sie es jedoch, was allerdings hierzulande Nachteile mit sich bringen könnte, eher mit der anderen Seite in der Ukraine halten, dann müssen Sie die dortige Opposition als faschistisch oder neonazistisch bezeichnen, die – im Auftrag der NATO - einen Staatsstreich gegen die demokratisch legitimierte Regierung zu bewerkstelligen sucht.  


Zugegeben: dieser Sound ist, weil hier nur in einer Subkultur gepflegt, etwas schwieriger drauf zu bekommen. Da er aber im Grunde genauso schlicht gestrickt wie und auch nicht falscher ist als der allgegenwärtige Klangteppich, sollte dies möglich sein. Wichtig ist, immer das Gut-Böse-Schema genau im Blick zu behalten! Angesagt sind Schwarz und Weiß, Farben sind out, und das bedeutet: sämtliche Zwischentöne wären grau. Wovon nur abgeraten werden kann; denn sonst könnten Sie ja die Lage in der Ukraine gleich als „komplex und kompliziert“ bezeichnen. Und das wollten wir doch nicht. Das macht doch keinen Spaß! Immerhin ist Krieg, da stirbt die Wahrheit sowieso als erstes. Und selbst wenn wir bei der Wahrheit blieben bzw. bleiben wollten: das bringt doch nichts. Denn dann fiele es, selbst wenn man sich bemühte, außerordentlich schwer, Partei zu sein. Sorry: für eine Partei zu halten. Wie gesagt: wir sind ja nicht lebensmüde.  


Unter uns: das ist da ein Chaos, in der Ukraine. Man wird den Eindruck nicht los: da macht jeder, was er will. Die Opposition, also „die Straße“, hört nicht oder nicht mehr auf die Oppositionsführer. Die Armee hört nicht oder nicht mehr, jedenfalls nicht geschlossen, auf Janukowitsch. Bei der Miliz und erst recht beim Geheimdienst weiß man es nicht; klar: ein Geheimdienst ist vor allem deshalb ein Geheimdienst, weil alles geheim ist. Immerhin das funktioniert so ähnlich wie bei uns. Trotzdem, es kommt noch dicker: der Janukowitsch ist eigentlich gar nicht pro-russisch, dafür ist die Opposition auch nicht pro-westlich. Jedenfalls nicht diejenigen, die auf dem Maidan und auf den Straßen wirklich knallhart kämpfen – so hart, dass es Sinn macht, von „Krieg“ zu sprechen. Andererseits: was ist das für bloß ein blöder Krieg, wenn nicht so ganz klar ist, wofür die Einen und wofür die Anderen sind. Wenn nicht einmal so ganz klar ist, wer die Einen und die Anderen überhaupt sind. Komplex und kompliziert.  


Dies wiederum ist, wie gesagt, langweilig. Aber schon insofern nicht ganz so schlimm, weil es letztlich auf die Akteure in der Ukraine sowieso nicht ankommt. Letztlich wohlgemerkt, was stets und ständig zu unangenehmen Überraschungen führt, über die man alles Mögliche fantasieren und spekulieren, allerdings nicht behaupten kann, sie seien langweilig. Das sind sie wahrlich nicht; entscheidend für den Gang der Dinge sind sie jedoch auch nicht. Wir kennen diese Eigentümlichkeit aus Syrien. Auch dort sind die internen Konstellationen komplex und kompliziert - wenngleich nicht ganz so kompliziert wie in der Ukraine. Aber kompliziert genug, um Verhandlungen und Einflussnahme von außen zu erschweren. Dennoch wird der Krieg dort, also in Syrien, immer von neuem dadurch befeuert, dass Russland und „der Westen“ sich nicht auf einen Frieden verständigen können. In der beiderseitigen Annahme, letztlich die besseren Karten zu haben.  


Nun gehört Syrien ganz eindeutig zur Peripherie, während die Ukraine zwar auch Peripherie ist, aber – und das verleidet unsereins den ungetrübten Blick auf das Töten dort - immerhin Europa. Zwar liegt die Ukraine an der Peripherie, also am Rande Europas – etwa so, wie sie sich am Rande eines Bürgerkriegs befindet. Und doch: für den hiesigen Geschmack ist das zu nah. Ganz eindeutig zu nah. Bevor uns dies jedoch dazu verleitet, den Begriff „Peripherie“ überhaupt in Zweifel zu ziehen – etwa dahingehend, dass wir uns klar machen, dass es eine Peripherie bzw. mehrere Peripherien eigentlich nur dann geben kann, wenn es auch ein Zentrum gibt... - Also, bevor wir es so weit kommen lassen, runzeln wir besorgt die Stirn und geben warnend zu bedenken, dass ein militärischer Konflikt, also ein Krieg, und sei es auch nur ein Stellvertreterkrieg, wenn er denn in Europa stattfindet, das Potenzial zu einem Weltkrieg in sich birgt. Das ist deutlich. Das sollte reichen.  


Es reicht dafür, uns noch einmal darüber zu vergewissern, wo genau die Ecke der Welt liegt, die wir als ihr Zentrum annehmen. Ja, annehmen müssen! Dies wird weder die Leute in Sao Paulo beeindrucken, noch die in Kalkutta oder in Mogadischu. Das muss es aber auch nicht unbedingt. Entscheidend ist, dass die Herren in Washington und Moskau sich jetzt endlich einmal klar machen, dass die Ukraine, wenn sie schon nicht direkt das Zentrum ist, so doch verdammt nah an selbigem dran liegt. Und siehe da: den Russen liegt der Gedanke, dass die Ukraine ziemlich zentral gelegen ist, gar nicht einmal so fern – wodurch das Kirschenessen mit ihnen allerdings auch nicht gerade zum Vergnügen wird. Dagegen dürfte es sich etwas schwieriger gestalten, den Amerikanern begreiflich zu machen, warum um Himmels Willen nun ausgerechnet ein Land an der Südostflanke der NATO, an der Südwestgrenze Russlands „das Zentrum“ darstellen sollte. Eurozentrischer Tunnelblick.  


Werner Jurga, 20.02.2014




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