Roma-Hochhaus in den Peschen -
noch einmal eine Antwort von mir:

Ich will, dass für die Anwohner alles getan wird


Montag, 14. Januar 2013

Lieber Dirk,

über Deine Antwort vom 10. Januar auf meine Mail vom 8. Januar habe ich mich wirklich gefreut. Das ist keine Floskel! Du hast geschrieben, dass Du „nicht für die Umsiedlung der Roma in Auffang- bzw. Übergangslager oder für die Vertreibung der Roma“ seist und dass auch Deines Erachtens „eine Integration stattfinden“ müsse, weil „nur so kann das Zusammenleben zwischen den Roma und den Anwohnern ohne Probleme stattfinden“ könne. Mir war es sehr wichtig, dies einmal so klipp und klar von Dir zu hören!

 

Damit könnte auch – das wäre jedenfalls mein Vorschlag – unsere öffentliche Korrespondenz zu diesem Thema ein Ende haben. Doch Du hast selbstverständlich auch das Recht auf Antworten auf Deine Fragen und Anmerkungen zu Deinen Anmerkungen. Du willst Dich, schreibst Du, “auf keinen Fall in die rechte Ecke drängen lassen“. Dann wirst Du verstehen, Dirk, dass ich mich wiederum nicht in die Rolle eines Großinquisitors stecken lassen möchte, der pingelig darauf achtet, dass auch wirklich alles mit politisch korrekten Dingen zugeht.

Ich habe in meiner Bloggerjahren lernen müssen, mit Vorwürfen dieser Art leben zu können. Was konkret die Roma-Zuwanderung betrifft, habe ich dazu eine ganze Reihe von Beiträgen geschrieben, ohne dabei die in dieser Debatte häufig angeführte „Nazikeule“ zu schwingen. Ich habe nicht ein einziges Mal – aber einmal ist immer das erste Mal – daran erinnert, dass es zu Hitlerzeit einen Holocaust an den Sinti und Roma gegeben hatte. Du wirst wissen, dass etwa eine Hunderttausende Menschen dieser Volksgruppen fabrikmäßig ermordet wurden.

Ich habe bewusst darauf verzichtet, Auschwitz anzusprechen, weil darauf sogleich die Fragen gefolgt wären: „Und deshalb dürfen die sich jetzt alles erlauben?!“ Oder: „Und deshalb müssen wir uns heute alles gefallen lassen?!“ Weil ich in beiden Fällen mit Nein hätte antworten müssen, konnte ich mir diesen Verweis auf die Geschichte auch gleich schenken. Selbstverständlich kann man die Anwohner in den Peschen nicht für die Nazi-Verbrechen an den Roma verantwortlich machen. Man „braucht“ es allerdings auch nicht.

Bei der SPD-Bürgerversammlung am 22. November haben wir an einem Tisch gesessen, Dirk. Du wirst Dich doch daran erinnern, was einige Deiner Nachbarn so von sich gegeben haben. Immerhin: auf dieser Veranstaltung schon vorzugsweise ohne Mikrofon. Anders als beim politischen Abendgebet am 25. September im Evangelischen Gemeindehaus, woran Du nicht teilgenommen hattest. Vielleicht haben Deine Eltern Dir von den entsetzlichen Dingen erzählt, die dort ohne jede Scham vorgetragen wurden.

Aber gewiss wirst Du Dich an die Unterschriftensammlung erinnern, mit der sich mehr als 300 Anwohner und andere Bürger an die politischen Entscheidungsträger gewandt hatten. „Die schon in der Straße wohnenden südosteuropäischen Zuwanderer sind umzusiedeln“, heißt es darin. Ich verstehe Dich jetzt so, Dirk, dass Du diesen Brief nicht unterzeichnet hattest oder aber mittlerweile Deine Ansichten zu dem Thema modifiziert hast. Wie auch immer: ich jedenfalls habe keinen Popanz von einer rechten Ecke aufgebaut.

 

Egal, ob Du nun vor vier Monaten diesen Dreck mitunterzeichnet hattest oder nicht: Du sprichst im Interesse der Anwohner und Du weißt von all diesen schlimmen Einlassungen. Dass Du mich als pikierten Moralapostel darstellen möchtest, der Dich oder andere einfach mal so „in die rechte Ecke stellt“,…- geschenkt. Dass Du dies mit einem gekränkten bis empörten Unterton zurückweist,…- okay. Du hast die Dinge jetzt klargestellt; für mich ist dieser Fall damit erledigt.

Ich solle beachten, schreibst Du, dass „wenn die Anwohner nicht die Öffentlichkeit erzeugt hätten, wären verschiedene Dinge anders gelaufen (wären), d.h. es würde z. B. keinen Runden Tisch geben oder die letzte SPD-Veranstaltung hätte doch auch nie stattgefunden!“ Das Schlimme ist, dass ich befürchte, dass Du damit Recht hast, Dirk. Und Du hast selbstverständlich Recht damit, dass man nicht „einfach mal alles so laufen lassen (kann) wie es im Moment läuft“. Deshalb freue ich mich und bedanke mich herzlich für Deine Einladung, bei Euch mal vorbeischauen zu dürfen.

Wenn wir „im Grunde wir auf einer Linie liegen mit der Integration der Roma“, werde ich Euch auch gern „beratend zur Seite stehen“, so weit ich dies kann. Ich bin da nicht so sicher, auf jeden Fall aber neugierig, von Euch gleichsam „aus erster Hand“ von den Problemen im Umgang mit den neuen Nachbarn und/oder mit der Verwaltung zu hören. Du hast Recht: ich wohne fast zwei Kilometer entfernt, und da sieht die Realität schon ganz anders aus. Hinzu kommt, dass ich – im Gegensatz zu Deiner Charakteristik des Rheinhausers – meine Aufgabe eher als Nörgler denn als Anpacker sehe.

Aber, und da hast Du schon wieder Recht: ich bin halt nicht nur ein Blogger, sondern in der Tat auch stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Da siehst Du mich in der Pflicht, nun gut – Deine im Text darauf direkt folgende Anmerkung zur Loveparade kann sich jedoch gewiss nicht auf mich beziehen! Lassen wir das! Bleiben wir beim Thema, und dazu muss ich auch sagen, dass ich Deine eMail in dieser Sache erstens etwas „SPD-lastig“ empfinde und zweitens die Darstellung meiner Person zwar für schmeichelhaft, aber nicht sehr realistisch halte.

Du warst doch selbst einmal Mitglied dieses Ortsvereinsvorstands, Dirk. Hattest Du den Eindruck gewonnen, Dich dort in der Nähe eines imaginären Machtzentrums zu befinden?! Wohl kaum. Die SPD hat in Rheinhausen fünf, zählt man Rumeln hinzu: sechs Ortsvereine – in ganz Duisburg sind es mehr als dreißig. Jeder Vorstand besteht aus fünf bis zehn Personen; die können doch gar nicht alle „König von Duisburg“ sein (selbst wenn sich der eine oder die andere so vorkommen sollten). Abgesehen davon: in unserer Sache geht es doch gar nicht um die SPD.

 

Ja, die SPD hat in Duisburg wie in Rheinhausen einen beachtlichen politischen Einfluss und dementsprechend für das, was läuft, wie für das, was eben nicht läuft, gerade zu stehen. Doch in der Frage der Roma-Zuwanderung geht es nicht um Parteipolitik. Mein Eindruck ist, dass alle demokratischen Parteien (und alle demokratischen Kräfte) hier an einem Strang ziehen. Versteh mich bitte nicht falsch: ich will hier kein harmonistisches Bild von Friede, Freude, Eierkuchen zeichnen. Die Sache ist verdammt kompliziert und konfliktträchtig.

Aber für alle Demokraten ist doch klar, dass wir Rheinhauser/Duisburger einen schwierigen Integrationsprozess anzugehen haben, dass sich alle an Recht und Gesetz zu halten haben, und dass Ausländerfeindlichkeit, gar Antiziganismus oder Rassismus hier keinen Platz haben dürfen. Du weißt, dass sich neben der SPD auch der Vertreter der Bürgerlich Liberalen in dieser Sache sehr engagiert. Auch die Rheinhauser CDU hat schon vor Monaten ihre Position in dieser Angelegenheit klar zum Ausdruck gebracht.

Dieses CDU-Papier zeigt in aller Kürze, wie ich finde, die Dimension des Problems auf, benennt Schuldige, Perspektiven, politische Möglichkeiten und finanzielle Grenzen. Auch die Grünen und die Linken in Rheinhausen – da bin ich sicher, ohne mich nochmal rückversichert zu haben – befürworten eine Integrationspolitik, die die Interessen der Anwohner berücksichtigt und zugleich allen ausländerfeindlichen Ressentiments entgegentritt. Lass uns also dieses Thema ohne den üblichen Parteienstreit behandeln!

Ich wäre der Letzte, Dirk, der sich der populären Beschwerde über das Parteienhickhack anschlösse. Im Gegenteil: erstens gehört das zur Demokratie, und zweitens macht mir das so richtig Spaß. Ohne politischen Zoff könnte ich mein Blog doch zumachen. Allein: bei diesem Thema würde es mir schon reichen, wenn alle auch weiterhin gegen rechts zusammenstehen. Denn das ist ja der Punkt, an dem der Spaß bekanntlich aufhört. Die Mehrheit der Anwohner dürfte vermutlich nicht einmal dies interessieren.

Die Leute wollen verständlicherweise keine Demokratietheorie, keine Erklärungen über die Situation der Roma auf dem Balkan, sie wollen einfach nur wieder – wenn schon die Ruhe wie früher nicht mehr möglich ist – die Chance auf ein halbwegs normales Leben haben. Wenn das den Kern Deines Engagements ausmacht, Dirk, dann bin ich dabei. Das ist doch klar. Es ist auch nicht mit wohlklingenden politischen Grundsatzerklärungen getan. Es kommt darauf an zu tun, was getan werden muss!

Dass die Verwaltung bei dieser Riesenaufgabe strukturell hinterherhinkt, ist auch klar. Auch ich vermute allerdings, dass am einen oder anderen Punkt etwas schief läuft. Dies zu kritisieren, ist sozusagen Bürgerpflicht. Diese Dinge müssen abgestellt werden, oder anders formuliert: es ist dafür zu sorgen, dass entscheidende Projekte auf den Weg gebracht werden. Ich selbst werde für meine Partei im nächsten Jahr Kommunalwahlkampf machen.

 

Welches Interesse sollte ich bitteschön daran haben, in dieser für viele Bürger sehr wichtigen Angelegenheit mit schlechten Karten anzutreten?! Ich will, dass für Euch, also die betroffenen Anwohner, alles getan wird, was getan werden kann, weil für die Menschen, die aus Südosteuropa zu uns kommen, alles getan wird, was getan werden kann.

Werner Jurga, 14.01.2013

 

 

P.S: Irgendwie ist es mir nicht gelungen, in obigen Text eine Entgegnung auf Deinen Gegenangriff unterzubringen. „Wenn du schon auf die Kündigungen wegen der ethnischen Herkunft wettest“, hast Du geschrieben, „würde mich doch interessieren, wie du zu solchen Kündigungen stehst?“ Ach Dirk… - Erstens gehören zum Wetten immer (mindestens) Zwei, und zweitens hatte ich gar nicht an Antiziganismus oder Rassismus gedacht. Schon der Gedanke, mit welchen Methoden der Eigentümer und seine Leute dieses Vorhaben wohl umzusetzen gedenken, hatte mir so eben gereicht.

 




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