Europa-Staatssekretärin der USA:

"Fuck the EU“


Sonntag, 9. Februar 2014. Also, da hört doch wohl alles auf! „Fuck the EU“, hat sie gesagt. Ich bitte um Verständnis, dass ich darauf verzichte, diese unerhörte Entgleisung zu übersetzen. Ach, wie ordinär! Das ist einfach unglaublich. Aber da können Sie mal sehen, was die von uns halten. Also: die Amerikaner von uns Deutschen. Und von anderen Europäern. Aber das hätten wir uns ja gleich denken können. Ich sage nur: NSA. Was ich allerdings nicht gedacht hätte, ist, dass eine Frau (!)... - Überlegen Sie sich das doch nur einmal! Diese Dame, Victoria Nuland heißt sie, ist Staatssekretärin! Im Foreign Office die Chefin für alles, was Europa betrifft. Also eine hochgestellte Persönlichkeit. Und dann benutzt die dieses F-Wort. 


Am Telefon, und das im Gespräch mit einem Mann! Okay, dass die Weiber unter sich mitunter schlimmer sind als die Kerle – geschenkt. Aber als Frau, gar als Dame von Welt? Was sind das denn für Sitten da in Amerika?! Die Europa-Beauftragte der US-Regierung hatte dies mal so eben dem US-Botschafter in Kiew als Anweisung gegeben: „Fuck the EU!“ Die sind doch völlig kulturlos, diese Amis. Alle! Sogar Hillary Clinton, bis vor kurzem Außenministerin, also Amerikas oberste Diplomatin, habe „das F-Wort freigiebig verwendet“, schreibt Spiegel Online. Und da steht auch, dass diese besagte Mrs. Nuland „nun auf eine Nachfrage der `New York Times´ nach ihrem `Fuck the EU´-Kommentar eher amüsiert reagiert“ habe.  


Peinlich, peinlich. Also: uns. Denen natürlich nicht. Diesen Amerikanern ist ja nichts peinlich. Victoria Nuland hat der NYT geantwortet, so etwas gehöre doch zum Geschäft – und fertig war die Lauge. Unfassbar! Und die amerikanischen Wähler? Wie reagieren die? Man sollte doch meinen: so etwas gehe  gar nicht. Mal so ganz nebenbei den wichtigsten Bündnispartner f... - unsereins traut sich ja überhaupt nicht, dieses F-Wort auch nur auszusprechen. Man stelle sich nur vor, einer unserer Staatssekretäre, womöglich zuständig für Amerika, würde dabei ertappt, wie er die USA mal am liebsten f... würde! Klarer Fall: zack und weg. Aber dort? Die Tagesschau, also der NDR-Korrespondent in Washington, sagt voraus: „Mit Sicherheit wird die bislang der amerikanischen Öffentlichkeit völlig unbekannte Nuland zum Star der Late Night Comedy Shows werden.“ 


Zum „Star“ - das müssen Sie sich nur einmal reintun! Dass die Amis so eine Entgleisung lustig finden, ist schon schlimm genug. Aber dass jemand, der sich so etwas erlaubt, und dann auch noch eine Frau (!), mit so einem obszönen Gerede zum „Star“ werden kann... - ich meine, so ein NDR-Korrespondent wird ja wohl wissen, worüber er spricht. Diese Amis. Würden uns am liebsten mal f... - und sagen das auch noch! Und jeder scheint dies dort normal zu finden. Die haben einfach keinen Anstand. Ganz anders selbstverständlich die Reaktionen bei uns. Und zwar nicht nur die Reaktionen von der Merkel und dem Steinmeier, die natürlich wissen, was sich gehört und was nicht. Sondern auch die von den ganz normalen Menschen wie Du und ich.


Viele Twitter-User reagieren empört“, lesen wir – und hoffentlich auch die Amis – auf Spiegel Online, und: „In den USA scheint die EU kein hohes Ansehen zu genießen. Andererseits: Wen überrascht das eigentlich noch nach den vergangenen Monaten?“ Ja, ist doch wahr! Diese ganze Abhörerei, von der NSA und so. Die f... uns doch schon lange! Und so twittert denn auch @Rezisto: „#FuckTheEU buchstabiert man N-S-A“. Nun ja, jedenfalls ist klar, was gemeint ist. Und Birgit Sch. meint (mit vollem Namen; abgekürzt von mir, W.J.): „Erst #PussyRiot und jetzt #fucktheEU - hätte nie gedacht, dass es solche Wörter bis in die Nachrichten schaffen #Schamgrenzeverschoben“. Ich nehme an, dass die gute Birgit einen neuen „Hashtag“ namens „#Schamgrenzeverschoben“ gesetzt hat, weil sie darüber gern mal  diskutieren möchte.

 
Cover Taschenbuch

Das ist das Gute am Internet: man kann mit völlig fremden Leuten ganz offen darüber reden, wie stark sich in letzter Zeit die „Schamgrenzen verschoben“ haben. Und dieses Abgleiten ins Unsittliche gemeinsam beklagen – etwa zusammen mit Birgit Sch., die diese erschreckende Tendenz nicht erst jetzt in Amerika, sondern auch schon seit einiger Zeit in Russland zu erkennen meint. Man kann sich auf Twitter mit Birgit darüber austauschen. Man könnte, man muss es aber auch nicht. Ein solcher Online-Chat könnte sich lohnen, weil Birgit in der Lage ist, von allem Politischen weitgehend zu abstrahieren, um sich sogleich auf die Schamgrenzen zu stürzen. Bedauerlicherweise hat sie allerdings auch hier gewisse Defizite.

Also: nicht in Sachen Schamgrenzen. Die dürften zu ihrem eigenen Leidwesen recht ausgeprägt sein. Sondern in Sachen Fachwissen, was einen Chat mit ihr möglicherweise etwas mühselig gestalten könnte. Birgit versteht z.B. nämlich nicht allzu viel von der Linguistik der vulgären Sprache, über die Hans-Martin Gauger ein ganzes Buch geschrieben hatte. Und trotzdem ist dann doch nur eine „Kleine Linguistik der vulgären Sprache“ dabei herausgekommen, dafür aber mit dem hübschen Titel: „Das Feuchte und das Schmutzige“. Auf dem Klappentext heißt es: „Es geht in diesem Buch um Sexualität im Sprachvergleich, genauer: um Sexuelles und Fäkalisches beim groben Sprechen.“ Ja, sehr schön! Aber was hat das mit Frau Nulands F... zu tun?

Nun, eine ganze Menge! Mal weiter im Klappentext: „Wenn wir Deutschen schimpfen, beleidigen, fluchen und überhaupt vulgär werden, verwenden wir normalerweise Ausdrücke, die sich auf Exkrementelles beziehen...“ - ja, normal! Exkremente – Sie wissen Bescheid: klein, aber am liebsten groß. Saubere Sache, kann man offen drüber reden, in diesem Fall also: „Scheiß EU!“ oder „Scheiß auf die EU!“ Da ist nichts Unanständiges dabei, so etwas hat fast jeder von uns schon einmal gesagt. „Scheiße“ ist nun mal ein Schimpfwort. Richtig Gehören tut sich seine Verwendung genau genommen auch nicht, aber wir sind nun mal alle nur Menschen. Also: Scheiß der Hund drauf! Wenn wir Deutschen fluchen, sagen wir normalerweise „Scheiße“.

...während unsere Nachbarsprachen...“ - das ist ein Ding: alle! - „...zu diesem Zweck fast immer ins Sexuelle gehen“. Also nicht nur die Engländer (und Amerikaner), sondern die Anderen auch. Dann fragt Gauger im Klappentext: „Gibt es Gründe für diesen deutschen Sonderweg?“ Ja, gibt es. Um die zu erfahren, müsste man jedoch das Buch lesen. Scheiße. Beziehungsweise: Fuck. Wobei: Letzteres gehört sich, wie wir wissen, echt nicht. Auch wenn so ein Buch freilich... - puh! In diesem Fall fast 300 Seiten. Erfreulicherweise hatte der Spiegel vor anderthalb Jahren – aus Anlass der Veröffentlichung – Gauger interviewt, und ich hatte mir so meine Gedanken gemacht. Über den deutschen Sonderweg in dieser Sache, versteht sich.

Etwa diesen: „Und das Allerschönste: das Ausland versucht uns, ausgerechnet uns, die wir so schön mit Scheiße und Kacke zu fluchen pflegen, auch noch einen Strick daraus zu drehen, dass wir selbst im Zustand einer gewissen Verärgerung uns immerhin noch so weit zusammenreißen können, dass wir nicht ins Sexuelle abgleiten.“ Oder auch diesen: „Wie auch immer: die Deutschen fanden es einfach nur Scheiße. Vielleicht ist es auch Geschmackssache, ob man lieber oder eben nicht lieber gefickt oder beschissen wird. Der Deutsche wird jedenfalls – schon traditionell – beschissen.“ Oder bescheißt selbst, während den Amerikanern z.B., etwa Mrs. Nuland „etwas raus gerutscht (ist), was sie sicherlich so nicht meint“. Sagt Herr Klitschko. In der Bildzeitung. Okay, solange er das nicht über uns und unsere Gepflogenheiten sagt...


Werner Jurga, 09.02.2014



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