Screenshot WDR-Fernsehen, Aktuelle Stunde


betr.: Bürgerwehren

Wichtige Mitteilung


Samstag, 8. Februar 2014

Liebe Genossen von der Antifa, 


und zwar: an alle! Also sowohl an die antiimperialistischen Antifanten als auch die antideutschen. An die rote Antifa und meinetwegen auch an die gelbe, grüne, blaue oder sonst welche. Und selbstverständlich auch an die Mädels unter Euch. Deshalb zunächst einmal: sorry! Ich muss natürlich die Anrede noch gendern. Also nochmal, diesmal richtig:


Liebe Genossinnen und Genossen von der Antifa! 


So, das hätten wir auch. Für mich kein Problem; ich bin nämlich auch für die Gleichheit der Geschlechter. Sowieso schon mal, und auch dafür, die „Sprechgewohnheiten in Richtung erhöhter Gleichwertigkeit der in Sprechakten Benannten zu beeinflussen“ (Gendering, klare Kiste). In dieser Hinsicht sind wir voll auf einer Linie. Davon einmal abgesehen... - ansonsten eher nicht. Was insofern etwas bedauerlich ist, weil ich persönlich auch eher „anti“ bin, und zwar insbesondere „Fa“, was ja das Kürzel für „Faschismus“ sein soll, den ich im Grunde rundweg ablehne.


Dennoch dürfte Euch nicht entgangen sein, dass ich Euch zwar nicht rundweg, aber doch ebenfalls so ziemlich ablehne. Das liegt vor allen Dingen daran, dass ich der Auffassung bin: „Wenn es Streit gibt, sollt Ihr nicht hauen, sondern diskutieren!“ Und bei Euch ist es leider so, dass Ihr für Euer Leben gern rauft. Deshalb kann ich Euch nicht leiden. Euch wiederum soll es mit mir nicht viel anders ergehen, was ich so eben verschmerzen könnte, wäre es nicht sicheres Indiz dafür, dass es mit Eurer Beratungsresistenz schon recht weit gekommen ist. Angesichts dieser Faktenlage werdet Ihr Euch gewiss wundern, dass ich mich mit diesem Schreiben direkt an Euch wende. Ich selbst wundere mich eigentlich auch, weshalb es in beiderseitigem Interesse liegen dürfte, dass ich abermals darauf hinweise, dass ich auf keinen Fall irgendwie mit Euch in Verbindung gebracht werden möchte, was für Euch den Vorteil hat, dass auch Ihr nicht in Verdacht geraten könnt, irgendetwas mit mir zu tun zu haben.


Um ganz offen zu sein: ich kann Euch nicht nur nicht leiden, ich halte Euch auch für blöd wie Brot. Gut, wie in jeder Gruppe, differiert die Verteilung des Gripses auf die diversen Köpfe auch bei Euch. Wenngleich bei Euch auf niedrigerem Niveau. Der ein oder andere Guru hatte sogar auch schon einmal ein Buch in der Hand oder liest neben dem Kicker auch noch eine andere Fachzeitschrift. Was für Euch ganz wichtig ist, denn eine Sache möchtet Ihr auf gar keinen Fall: nämlich, dass Euch die Leute für ganz genau so blöd halten, wie Ihr seid. Sonst könntet Ihr Euch ja irgend so einer Fußball-Fantruppe anschließen, in der Ihr Eure Rauflust mindestens genauso gut, dafür aber regelmäßiger stillen könntet. Aber nein, das geht natürlich nicht. Eure Kloppereien haben erhabenen gesellschaftlichen Ansprüchen zu dienen. Also schreibt Ihr den Kampf gegen den Faschismus auf Eure Fahnen. Ich sehe ein: es ist emotional befriedigender, sich selbst für gut zu halten als für blöde. 


Ich verstehe auch, dass es nicht schön ist, ständig Verlierer zu sein. Das macht die Fußball-Szene für Euch uninteressant; denn man kann es drehen und wenden, wie man will: hier sind die Rechtsradikalen eindeutig in der Mehrheit. Natürlich auch in Duisburg. Da hält man sich dann auch mal an eindeutig Schwächeren schadlos, was allerdings katastrophale Folgen fürs Image hat. Auch dann, wenn die Schwachen so empfunden haben, wie das Volk gesunderweise nun mal so empfindet. Und redet Euch bloß nicht raus mit „Ausrutscher“ oder so. Wenn man sich als Lieblingsfeind die, wie Ihr die Polizei zu nennen pflegt, „Bullen“ aussucht, hat man sich nun einmal auf die Rolle des Losers festgelegt. Da entsteht ganz erheblicher Kompensationsdruck. Rechnet trotzdem nicht mit meinem Verständnis! Ich kann Euch nicht leiden. Ich finde Eure Nummer „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten“, die Ihr jedes mal abzieht, wenn sich die Polizei zwischen die Rechtsradikalen bzw. Neonazis und Euch stellt, nicht nur politisch völlig daneben, sondern auch widerwärtig. 


Da kümmern sich Beamte darum, dass es auf unseren Straßen nicht zu einer Orgie der Gewalt kommt – die im übrigen in aller Regel von Euch ausginge, nicht von den Nazis. Dafür müssen sie sich von Euch dann als Handlanger der Faschisten beleidigen lassen. Im günstigen Fall. Da zu Eurem „antifaschistischen Kampf“ allerdings auch gehört, Diener des demokratischen Staates gewaltsam zu attackieren, gehen etliche verletzte Polizeibeamte auf Euer Konto. Kurzum, liebe Genossinnen und Genossen von der Antifa: wir können keine Freunde werden. Nicht einmal dann, wenn der Fall eintreten sollte, der Gegenstand der wichtigen Mitteilung ist. Also der Grund dafür, dass ich mich überhaupt an Euch wende. Habt Ihr das gestern in der WAZ gelesen? Vermutlich nicht. Dabei: immerhin der Aufmacher auf der ersten Seite. Oder vorgestern in der „Aktuellen Stunde“ im dritten Programm. Habt Ihr das vielleicht gesehen? - Schwierig. Also: es geht um Bürgerwehren. Wie soll ich Euch das jetzt bloß erklären? 


Ich will mich nicht in Eure Angelegenheiten einmischen, finde allerdings, dass Ihr Euren Vereinsnamen etwas ernster nehmen solltet. „Antifa“. Ihr wisst doch selbst, dass die deutsche Polizei nicht „faschistisch“ ist. Sonst könntet Ihr in Eurem beleidigendem Sprechchor sie ja schlecht bezichtigen, “die Faschisten zu schützen“. Etwas anders sieht die Sache jedoch bei denjenigen Kameraden aus, die jetzt einfach mal so die Polizei bei ihrer Arbeit unterstützen wollen. Diese sog. Bürgerwehren. Und genau die sind jetzt ganz dicke im Gespräch. In der gestrigen WAZ z.B. als Thema des Tages. Viele andere Medien berichten freilich auch darüber, dass die Bildung dieser Banden so langsam zum Modetrend wird. In ihrem Kommentar warnt die WAZ zwar davor, “dass diese die Spielregeln des Rechtsstaates aushebeln“ und dass „Gewalt gegen einen Unschuldigen das stete Risiko“ dieser Selbstjustiz-Gangs sei. Der große Bericht wird jedoch ganz unverdächtig eingeleitet mit: „Weil die Polizei nicht immer und überall gleichzeitig sein kann, beauftragen Anwohner private Sicherheitsdienste.“


Frage: warum tun sie das, die Anwohner? Antwort: „um Einbrecher abzuschrecken“. Überschrift des WAZ-Berichts: „Wie Bürger sich selbst vor Einbrechern schützen“. Weiter im Text: „In Euskirchen und Radevormwald gehen Bürger selbst auf Streife - mit Taschenlampen und Trillerpfeifen.“ Nun gut, “Taschenlampen und Trillerpfeifen“ - da kann man nicht meckern. Allerdings: aus Radevormwald selbst erfahren wir, dass man sicherheitshalber den „ein oder anderen Hund“ dabei hat und dass zufälligerweise ein „Mitglied der Bürgerwehr früher Mitglied der NPD gewesen sein“ soll. Nun hatte sich in dem kleinen Städtchen tatsächlich eine Einbruchsserie zugetragen. Doch erstens wäre das frühere NPD-Mitglied gewiss auch für die Bürgerwehr zu gewinnen gewesen, wenn es keine Einbrüche gegeben hätte, sondern wenn sich – mitten in Radevormwald – irgendeine andere Straftat ereignet hätte. Zweitens muss man zugeben, dass zur „Legitimation“ eines Projektes namens Bürgerwehr Wohnungseinbrüche tatsächlich mehr taugen als andere Delikte – wie etwa Steuerhinterziehung.


Drittens greift diese Seuche mit den Bürgerwehren ja allerorten um sich. Stets unter dem Stichwort „Einbruchprävention“, obwohl die Kriminalstatistik zeigt, dass die Anzahl der registrierten Wohnungseinbruchdiebstähle kontinuierlich abnimmt. Doch wen interessieren schon die Tatsachen, wenn es um Größeres geht?! Wenn endlich wieder Schlägertrupps, selbstverständlich im Namen von Recht und Ordnung, durch den Block schreiten können, um – vorläufig nur leicht bewaffnet, aus taktischen Gründen – z.B. Fremde zu fragen, was sie denn hier zu suchen haben. In diesem Block, der den Anwohnern gehört und niemand Anderem. Zumal sich, da normale Anwohner ja auch nicht zu nachtschlafender Zeit in anderer Leute Blocks herumstreunen, der Verdacht einfach aufdrängt, dass diese Leute nichts Gutes im Schilde führen, sondern wahrscheinlich einzig und allein an Tante Hildes – Gott habe sie selig! - Brosche interessiert sind. So, und da wird jetzt endlich mal eingeschritten. Von der Bürgerwehr, versteht sich. 


Zurück zu Euch, liebe Genossinnen und Genossen von der Antifa. Spätestens jetzt habt Ihr ja auch von diesen Umtrieben gehört, in diesem Fall: gelesen. Zu Euren Gunsten gehe ich davon aus, dass Ihr diese Möchtegern-Rambos für „noch faschistischer“ haltet als die legalen und legitimen Vertreter des staatlichen Gewaltmonopols, die (und nur die!) von Rechts wegen für den Schutz der Bürger und ihres Eigentums zuständig sind. Zu Euren Ungunsten muss ich leider unterstellen, dass Ihr von der Rauflust, die ich zu Beginn dieses Schreibens beklagt habe, immer noch nicht geheilt seid. Zu Euren Gunsten wiederum kann ich Euch mitteilen, dass ich – unter Inkaufnahme persönlichen Risikos, weil evtl. unter Beugung geltenden Rechts – bereit sein könnte, Angriffe Eurerseits auf die körperliche Unversehrtheit anderer Menschen auch dann nicht bei den Strafverfolgungsbehörden zu denunzieren, wenn ich dazu sachdienliche Hinweise geben könnte.


Solltet Ihr Euch etwa auf Euren Vereinsnamen besinnen und statt auf Polizeibeamte, die für ihren Beruf und für unseren Staat bereit sind, die Knochen hinzuhalten, in Zukunft auf diese Typen losgehen, die, allein weil sie ihren Sadismus ausleben wollen, dabei sind, das staatliche Gewaltmonopol auszuhebeln, sähe ich selbstverständlich keinerlei Anlass, Euch zu verpfeifen. Ich selbst, als Anhänger dieses staatlichen Monopols, lehne freilich Eure Gewalt in jedem Fall ab. Und mein Schweigegelübde kann auch nur für Fälle gelten, in denen von Eurer Seite nicht völlig überschießende Gewalt angewandt wird. Das muss ich fairerweise dabei sagen. Doch wenn Ihr diese besagten Viertel einmal besuchen und von diesen faschistoiden Typen schräg von der Seite angequatscht würdet, hielte ich es für reine Notwehr, wenn Ihr Euch wehrt. Auch präventiv, denn diesen Kerlen ist wirklich alles zuzutrauen. Also: wenn Ihr sowieso nicht anders könnt als zu raufen, hier habt Ihr Leute, die echt eine Tracht Prügel verdient hätten. Wisst Ihr Bescheid!


Werner Jurga, 08.02.2014





Zwei Abbildungen aus Feltes: Wirksamkeit technischer Einbruchsprävention bei Wohn-
und Geschäftsobjekten, Kapitel III: Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik, S. 65


Der deutliche Anstieg zu Beginn der 90er Jahre geht allein darauf zurück,
dass von nun an die neuen Bundesländer zusätzlich in die Statistik miteingeflossen sind.




Die "Häufigkeit" als entscheidende Größe: Einbruchsfälle pro Einwohner. Eindeutige Tendenz.






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