"Ein tapsiges Fellknäuel entdeckt die Welt“

Wenn die Pubertät zu Ende geht...


Sonntag, 2. Februar 2014. Eigentlich sollte ich mal wieder etwas zu Duisburg schreiben. Uneigentlich ist hier echt nichts los. Womit sich der Unterschied zwischen Sollen und Müssen positiv bemerkbar macht: ich soll mal etwas zu Duisburg schreiben; die Lokalpresse muss etwas zu Duisburg schreiben. Dementsprechend sieht sie dann auch aus. „60 neue Bäume werden in Duisburg-Fahrn gepflanzt“ - ja sicher: gut für die Umwelt! „Ein tapsiges Fellknäuel entdeckt die Welt“ - wahrscheinlich nicht ganz so gut, aber sooo süß! „Theater zielt auf junges Publikum“ - und die Polizei schreitet nicht ein. Aber so ist das in Duisburg! Denn wenn die Polizei tatsächlich mal einschreitet, ist es auch wieder nicht richtig. Irgendjemand hat dann auch wieder etwas zu nörgeln, im Zweifel: Der Spiegel. In seiner Ausgabe der letzten Woche berichtet er aus der Anklageschrift zur Loveparade und weiß dabei zu erzählen, dass die Polizei einen Gefangenentransporter auf das Partygelände stellen wollte. Am 24. Juli 2010 um 17 Uhr. Na und?! Erstens wäre er da genau zum richtigen Zeitpunkt am genau richtigen Ort gewesen, und zweitens war genau zu diesem Zeitpunkt an genau diesem Ort kein Durchkommen. Doch der Spiegel hat immer noch etwas zu nörgeln. Allein schon der Titel der Geschichte: „Die schäbige Stadt und der Tod“.  


Was sollte unsereins dazu noch sagen?! Und dass der Spiegel zu erzählen weiß, dass die Staats-anwaltschaft gegen zehn Personen Anklage erheben wird, ist ja nun auch keine Neuigkeit im engeren Sinne. Der Focus hatte bereits vor zwei Monaten gebracht, dass zehn oder elf Angeklagte vor Gericht müssen. Jetzt sind es halt zehn; also keine „zwei Stadtdezernenten“, wie der Focus noch Ende November meinte, sondern eben nur einer. Ein ehemaliger, nämlich der Dressler, der echt am wenigsten dafür konnte. Und noch fünf seiner Mitarbeiter, für die das gleiche gilt. Dafür lassen sie den Rabe in Ruhe, für den zwar nicht unbedingt das gleiche gilt; aber ein bisschen Glück gehört auch dazu. Oder besser gesagt: Können. Man darf halt nichts unterschreiben. Alte Sauerland-Taktik. Noch besser: überhaupt nichts schreiben. Nicht einmal, dass man gar nicht daran denkt zu unterschreiben. Nun ja, tausendmal durchgekaut, diese ganze Angelegenheit. Jeder auch nur halbwegs an dieser leidigen Angelegenheit Interessierte kennt die entsprechenden Schriftsätze bzw. Nicht-Schriftsätze, also die diesen Top-Experten zugeschriebenen Äußerungen. Und darüber soll ich etwas schreiben?! Ganz so blöd bin ich auch nicht; dann lieber: „Ein tapsiges Fellknäuel entdeckt die Welt“.   


In Duisburg nichts Neues. Im Westen nichts Neues. In Deutschland aber sehr wohl. Wobei: ganz so neu sind diese Neuigkeiten auch nun wieder nicht. Ein tapsiges Fellknäuel entdeckt die Welt. Deutschland müsse bereit sein, sich außen- und sicherheitspolitisch früher und entschiedener einzubringen, findet Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Deutschland sei zu groß, findet er, um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren Deshalb will Steinmeier die Rolle Deutschlands in der Welt stärken. Tja, ist das nun neu oder nicht ganz so neu? Sagen wir mal so: sich „früh und entschieden sicherheitspolitisch einzubringen“, kennen wir von damals. Das ist also an sich nicht ganz so neu. Damals jedoch waren wir stets gezwungen, uns einzubringen, weil wir irgendwie – wahrscheinlich vom Feeling her – zu klein waren. Heute übernehmen wir freiwillig die Verantwortung, auf dem Spielfeld, versteht sich, nicht von der Außenlinie, weil wir zu groß sind. Das ist das Neue! Wie auch immer: zu klein, zu groß – das ist alles politische Pubertät. Und aus der muss sich Deutschland befreien, schreibt Malte Lehming heute im Tagesspiegel.  


Denn: „Bei Völkermord und Kriegsverbrechen darf Deutschland nicht wegsehen.“ Raus aus der Pubertät, rein in die – und damit haben wir das Schlüsselwort – Verantwortung. Tolle Sache! Wenn irgendwo Unrecht geschieht, nicht einfach abseits stehen bleiben. So weit die Folklore. Nun zum Ernst des Lebens, den ein Polit-Profi wie Lehming freilich auch kennt: „Souveräne Staaten haben eine Armee, um sich selbst und ihre Interessen verteidigen zu können. Mit einer Ausnahme: Deutschland.“ Das muss selbstredend anders werden; denn auch das gehört zum Erwachsenwerden: Schluss mit der pubertären Spinnerei von einer besseren Welt. Schluss mit all dem romantischen Gefasel, das Leben ist kein Ponyhof. Und der Ernst des Lebens besteht nun einmal darin, sich selbst und seine Interessen zu „verteidigen“, also wahrzunehmen. Leider Gottes: notfalls mit Gewalt. Sie mögen dies bedrückend finden, Lehming findet es „erfrischend unverblümt“. Dies zu formulieren. Deshalb bezeichnet er Gaucks Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz vorgestern als „erfrischend unverblümt“. Steinmeiers Rede gestern dürfte auf ihn ganz ähnlich gewirkt haben; denn Steinmeier hat ja ganz Ähnliches zum Vortrag gebracht.  


Darf man fragen, warum Steinmeier seine Erkenntnis, dass Deutschland bereit sein müsse, sich „außen- und sicherheitspolitisch früher und entschiedener einzubringen“, nicht bereits im Bundestagswahlkampf präsentiert hatte? Natürlich dürfte man, aber wer will das schon wissen?! Außerdem kennt man ja die Antwort: die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung (etwa zwei Drittel) steht dem militärisch entschiedeneren Einbringen Deutschlands ablehnend gegenüber. Es ist nicht auszuschließen, dass gewisse negative historische Erfahrungen dieser pubertären Haltung zugrunde liegen. Dem deutschen Volk hier vorzuhalten, wie es der Bundespräsident macht, es wolle „sich hinter seiner historischen Schuld verstecken“, scheint mir jedoch ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Dagegen hat sich der Umstand, dass die entschlossene Übernahme von Verantwortung letztens dumm ausgegangen ist, ganz unerfreulich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Da ein Opa an der Front gefallen, hier eine Oma im Bombenhagel umgekommen – so etwas prägt die ein oder andere empfindsame Seele. Früher, also in der Kindheit oder auch während der Pubertät, konnte dieser Feigheit vor dem Feind noch mit dem Hinweis begegnet werden: „Diesmal ist doch der Ami auf unserer Seite!“  


Aber so ist das! Die Crux des Erwachsenwerdens: auch der große Onkel will nicht mehr aufpassen. Schlimmer noch: anstatt darauf zu achten, dass uns nichts passiert, achtet er darauf, dass wir ihm nicht in die Quere kommen. Es ist alles so frustrierend. Der Klitschko, der hat gut Reden: „Ohne Kampf kein Sieg!“ Ja, Bravo – der ist ja auch Boxweltmeister. Ukrainer, das sind doch selber so halbe Russen. Aber wir?! Wir, die wir immer einfach nur so für das Gute und für die Guten waren. Ja, wir waren (und sind) einfach immer nur gut – und jetzt das! Aber wir müssen uns das nicht bieten lassen. Auch wir könnten demonstrieren. Nein, nicht gegen die Übernahme von Verantwortung - am besten immer, auf jeden Fall überall in der Welt. Das haben die da oben jetzt so ausgemacht, da macht unsereins sowieso nichts mehr dran. Dagegen, dass es offenbar Verstrickungen gibt zwischen den Strafverfolgungsbehörden, dem Inlandsgeheimdienst „Verfassungsschutz“ und der Nazi-Mörderbande NSU? Sind Sie verrückt geworden?! Nein, nein – aber keine Sorge: in vielen deutschen Großstädten wurde gestern demonstriert. Jawohl! Gestern war nämlich der "International Day of Privacy". Demonstriert wurde gegen die Überwachungspraxis durch den US-Geheimdienstes NSA, für das Recht auf Privatsphäre. Ein tapsiges Fellknäuel entdeckt die Welt.


Werner Jurga, 02.02.2014





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