Andreas Temme


NSA, NSU und überhaupt...

Andreas Temme


Donnerstag, 30. Januar 2014. Geht es Ihnen auch so wie mir? Fühlen Sie sich irgendwie beobachtet? Überwacht? Ich meine: im Internet und so. Die spionieren doch alles aus. Dagegen war Orwell doch gar nichts. Gut, was der erzählt hatte, sollte 1984 passieren. Jetzt haben wir immerhin schon 2014. Eigentlich sollte man da stolzer Besitzer eines Smartphones sein. Bin ich aber nicht. Ich trage nur so ein Ömmel-Handy mit mir rum. Aber trotzdem: das haben die bestimmt auch auf dem Schirm. Wie soll ich mich da noch sicher fühlen?! NSA – mehr muss ich ja wohl nicht sagen! Wenn die mir etwas wollen, also die von der NSA, dann stehe ich aber übel da. Gut, ich könnte ganz aufs Handy verzichten; dann könnten die mir nichts. Das ist natürlich ein bestechender Gedanke: die Amis, also die NSA, die wollen mich so richtig fertig machen – können sie aber nicht, weil sie nicht wissen, wo ich gerade stecke...  


Echt! Ich würde denen so gern mal zeigen, dass ich ihnen überhaupt nichts zeigen muss. Das dürfen Sie mir glauben. Dann hätte ich es denen aber echt mal gezeigt. Das geht aber leider nicht. Denn wenn ich mit meiner Karre irgendwo in der Pampa oder, wie kürzlich tatsächlich geschehen, mitten auf der Autobahn liegenbliebe, dann wüssten zwar Obamas Schlapphüte nicht, wo ich stecke. Allerdings auch sonst niemand; schlimmer noch: ich könnte auch niemandem von meinem Unbill erzählen. Nicht einmal dem ADAC, der zwar einerseits mit seinen Datenmanipulationen ebenfalls so in Richtung NSA einzuordnen ist, was mir jedoch anderseits so lange völlig schnurze ist, wie er mich aus meinen misslichen Situationen befreit. Allein: so kriegt auch wieder die NSA alles mit. Schier ausweglos, diese Situation! Und mit der NSA, überhaupt mit all diesen Geheimdiensten, ist ja nicht zu spaßen! Wenn die Dich fertigmachen wollen, wenn die Dir etwas andichten wollen, au weia...  


Zum Beispiel der Andreas Temme. Unfassbar! „Andreas T. ist zum fassbaren Symbol des Unfassbaren geworden“, schreibt jetzt Spiegel Online. „Um ihn ranken sich Spekulationen und Verschwörungstheorien.“ Richtig; dennoch folgt an gleicher Stelle die denunziatorische Frage: „Verschweigt Andreas T. etwas?“ Unmöglich. Ich meine: wo leben wir denn?! Es ist immer noch das gute Recht auch des Herrn Temme, “etwas zu verschweigen“. Der Staat muss nicht alles wissen. Auch die Gesellschaft nicht. Aber wir wissen es ja. Das ist einerseits amüsant, andererseits schon eine Menschenrechtsverletzung. Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, Sie wissen Bescheid. Ich meine, jeder von uns hat so seine kleinen Schwächen. Damit will ich Andreas Temmes Verhalten keineswegs rechtfertigen; ich will nur sagen: das geht doch eigentlich niemanden etwas an. Okay, seine Frau – vielleicht. Und vielleicht auch noch die ein oder andere Frau. Aber sonst...  


Nochmal, ich finde es auch nicht gut, was sich der Herr Temme da erlaubt hatte. „Obwohl frisch verheiratet“, lesen wir in der Stuttgarter Zeitung, „suchte er in seiner Freizeit häufig...“ - nein, nicht, was Sie jetzt wieder denken! Vielmehr suchte unser frisch vermählter Andreas „Internetcafés auf“. Einerseits clever, denn so kommt die NSA nicht dahinter, was Herr Temme so treibt. Andererseits „verwandelte sich der Oberinspektor (Temmes berufliche Tätigkeit, W.J.) dort in `wildman70´.“ Und was hatte er dann da gemacht, der „wildman70“? - Nun ja: „Unter diesem Pseudonym flirtete er online mit Frauen.“ Eine moralische Bewertung dieses Verhaltens erübrigt sich meines Erachtens. Aber so war es nun einmal. So etwas kommt vor, gerade auch in Kassel, wo Herr Temme am 6. April 2006 in der Holländischen Straße 82 das Internetcafé des Halit Yozgat aufgesucht hatte. Und wie „wildman70“ dort gerade so flirtete und flirtete, wurde der Inhaber des Ladens erschossen...  


Unangenehme Sache. So ein Mord ist immer irgendwie unangenehm. In diesem Fall besonders für Halit Yozgat; der war dann nämlich tot. Unangenehm auch für seine Angehörigen, etwa für İsmail Yozgat, Halits Vater. Besonders unangenehm aber für Andreas Temme, der einfach das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Seither hat er nichts als Scherereien in dieser Sache, und das, obwohl man längst weiß, wer für diesen Mord verantwortlich ist. Nein, nicht die NSA, aber – nah dran: der NSU. Also der sog. „Nationalsozialistische Untergrund“, sprich: die beiden Uwes, Mundlos und Böhnhardt, die gemeinsam mit Beate Zschäpe die „Zwickauer Terrorzelle“ bildeten. Klarer Fall, möchte man meinen; doch so einfach ist das nicht. Wenn man einmal in diese Mühlen geraten ist! Seither ist Andreas Temme, so Spiegel Online, “vom Münchner Staatsschutzsenat schon mehrfach befragt worden. Jedes Mal war es eine quälende bis peinliche Veranstaltung.“ Ja, das glaube ich...  


Temme hatte nämlich, im Gegensatz zu den anderen Anwesenden, von dem Mord an Halit Yozgat überhaupt nichts mitbekommen. Was ja auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie wild der „wildman70“ wohl im Internet geflirtet haben dürfte. Da schaltet man mal ab, d.h. man ist voll konzentriert am Bildschirm, vergisst aber, was um einen herum passiert. Denn wer sich beim Flirten ablenken lässt, ist alles Mögliche – nur eben kein wild man. Andreas Temme ist aber einer. Nach einem anstrengenden Arbeitstag, so gegen 17 Uhr, lässt er den beruflichen Stress hinter sich und widmet sich voll und ganz den Freuden des Lebens. Temme, das muss an dieser Stelle auch einmal gesagt werden, flirtet eben nicht nur mit fremden Frauen, er ist auch und vor allem ein sehr arbeitsamer Mann. Tüchtig ist er, und hochgearbeitet hat er sich – eine Bilderbuchkarriere sozusagen: vom Postboten zum Oberinspektor. So einem muss man nicht diesen Internet-Unfug mit irgendwelchen Weibern vorhalten! Besser, als wenn er...  


Oberinspektor bei einer Landesbehörde, na wenn das nichts ist. Respekt! Andreas Temme war Oberinspektor beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz. Und was macht die Presse daraus?! Furchtbar: „Der flirtende Agent, der einen Mord übersah“ (Stuttgarter Zeitung). Wie platt soll es denn noch werden?! Zum einen ist völlig klar, dass jemand, der den ganzen Tag die Augen und Ohren überall hat, sich after work mal voll auf etwas Anderes konzentrieren möchte. Zum anderen war, auch wenn ständig der gegenteilige Eindruck erweckt wird, Temme kein V-Mann, sondern Betreuer, also Anleiter so genannter V-Leute. Oberinspektor, verstehen Sie?! Natürlich waren auch Spitzel aus rechtsextremistischen Kreisen darunter. Diese Neonazis sind doch gefährlich, die müssen doch beobachtet werden. Oder diese Rockerbanden. Freilich pflegte Temme auch Kontakte zum Rockermilieu. Beruflich, versteht sich. Dass er unter diesen Umständen Waffen sozusagen besitzen muss, ist ja wohl logisch...  


Andreas Temme bleibt konsequent bei seiner Aussage. Über all die Jahre keine Widersprüche, nichts dergleichen – und dennoch: man glaubt ihm einfach nicht. Nun gut, um präzise zu sein: einige glauben ihm nicht. Da besitzt im Untersuchungsausschuss des Bundestags – noch während der letzten Amtsperiode - der Grüne Wolfgang Wieland doch tatsächlich die Frechheit und sagt Temme mitten ins Gesicht: „Treten Sie mal einen Schritt neben sich und fragen Sie sich, ob Sie das alles selbst glauben würden.“ Und dann die Anwälte erst einmal! Diese „Opferanwälte“. Mehmet Daimagüler zum Beispiel; der wendet – völlig sachfremd – ein: „Wenn ein Verfassungsschutzbeamter im Internetcafé in Kassel sitzt, wo Halit Yozgat erschossen wird, finden wir es wichtig, dass die Akten über diesen V-Mann in den Prozess einfließen.“ Der will dem Temme doch was, dieser Türke! Okay: vom Pass her Deutscher. Er kriegt sie aber nicht, die Akten; nicht einmal diejenigen, die nicht geschreddert wurden. Ätsch...  


Die Politiker, die Anwälte... - mit der Presse brauche ich wohl gar nicht erst anzufangen. Schon gar nicht mit der deutsch-türkischen. Die ist so unverfroren und schreckt nicht einmal davor zurück, Temmes private politische Überzeugungen mit in ihre Kampagne einfließen zu lassen. Hier zum Beispiel: „Der aufgrund seiner rechtsradikalen Tendenzen als `Klein Adolf´ bekannte Temme...“ - Warum schreit niemand „Stopp!“, wenn ein unschuldiger ehemaliger Staatsdiener sozusagen öffentlich hingerichtet werden soll?! Nur gut, dass die Aufmerksamkeit heutzutage nicht mehr so dem NSU gilt, sondern eher der NSA. Okay, das ZDF macht im „heute-journal“ bei diesem Treiben mit. Aber ansonsten läuft nicht viel. Das Wichtigste: die Bundesanwaltschaft macht keine Zicken. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehen wir“, so Bundesanwalt Herbert Diemer (im Beitrag nach einer Minute), “nach all unseren intensiven Ermittlungen keine ausreichende Tatsachengrundlage dafür, gegen Temme den Vorwurf auch nur einer irgendwie gearteten Beteiligung zu erheben.“


Werner Jurga, 30.01.2014




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