Bungle in the Jungle (Teil 2):

Men-schen-ver-ach-tend


Sonntag, 26. Januar 2014. Mensch, hören Sie mir auf mit Dschungelcamp! Für mich persönlich ist das uninteressant. Völlig uninteressant. Jetzt hatten sie da mal einen, der wirklich prominent ist – der darf aber nicht mehr mitmachen. Dafür werden so bedauernswerte Schein-Promis, die echt am Ende sind, künstlich in der Sendung gehalten. Und wissen Sie, was das ist?! Ja, genau: menschenverachtend. Ich sage es gern nochmal, zwischen den Silben stets eine Pause: men-schen-ver-ach-tend. Jede Silbe betont, okay: die ersten vier von den fünf Silben reichen auch. „Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!“ So ein Unfug. Menschenverachtend ist das; so sieht es mal aus! Das findet auch Hauke Jagau, und weil man bekanntlich Menschen nicht verachten darf, sondern höchstens... - na egal... deswegen fordert Hauke Jagau ein Verbotdieser RTL-Folterkammer. Eine Forderung, die zwar im Laufe der Zeit aus der Mode gekommen ist; aber Recht hat er: Menschenrechte sind irgendwie immer aktuell.  


Und Hauke Jagau ist nicht irgendwer! Er ist... - okay: nicht ganz so prominent wie der Wendler, das wäre ja auch ein bisschen viel verlangt. Aber immerhin: Jagau ist Regionspräsident der Region Hannover und als solcher, wie die Bildzeitung zu erzählen weiß: „mächtig“. Das ist auch besser so; denn heute noch ein Verbot des Dschungelcamps zu fordern, da gehört schon was dazu! Damals – vor zehn Jahren oder so – da war das kein Kunststück; da hatte das jeder Zweite von der Straße gefordert. Aber heute... puh! Heutzutage, wo es dieser Fernsehdreck in die wohlmeinenden Feuilletons der angesehenen Tages- und Wochenzeitungen gebracht hat... - ich kann Ihnen sagen: da braucht es schon Leute mit einem Rückgrat wie Hauke Jagau. Wer sich mit der gesamten Medienmafia anlegt, muss stark sein und braucht Durchhaltevermögen. Doch wenn es um Menschenrechte geht, zählen keine taktischen Erwägungen. Jedenfalls nicht für den einflussreichen Rettungsschwimmer aus Hannover!  


Wir wurden echt schlecht behandelt. Das war menschenunwürdig“, berichtet der Wendler der Hamburger Morgenpost. Die Mopo, engagierter Menschenrechtsjournalismus; „Verhör nach Dschungel-Abgang“, die mutige Frage: „Wo sind Sie jetzt?“ Der Wendler antwortet: „Im Versace-Hotel, bis vor kurzem noch im Geheim-Hotel, wo RTL mich isoliert hat. Ich war wie eingesperrt.“ Das muss man sich nur einmal vorstellen! Während in der Heimat seine neue Platte erscheint („The very Best of Michael Wendler“), wird der beliebte Superstar vom Niederrhein am anderen Ende der Welt einfach mal so festgehalten. Menschenverachtend. Und auch wenn der Wendler die Isolationshaft im RTL-Geheimhotel hinter sich hat, beendet ist das Martyrium für den Pop-Schlagersänger noch lange nicht. Der RTL-Dschungelchef besitzt die Unverfrorenheit, ganz offen zu sagen: „Michael Wendler darf weder zurück ins Camp noch nach Deutschland.“ Men-schen-ver-ach-tend. Und was da in diesem Versace-Hotel abgeht – man kann es nur erahnen! 


`Sie liebt den DJ´ - in Deutschland gibt es niemanden, der diesen Top-Hit noch nicht gehört hat“, weiß Amazon und fährt fort: „So ist es sicherlich mit den meisten Hits, die Michael Wendler in seiner 15-jährigen Karriere so berühmt und erfolgreich gemacht haben. Quasi von Null auf Hundert hat sich der Dinslakener nach oben gesungen.“ Einer aus unserer Nachbarstadt, der es zu Erfolg und Ruhm gebracht hat. Doch was ist jetzt? Was haben die nur aus diesem Mann gemacht?! Wahrscheinlich in dem ominösen Versace-Hotel? „Tatsache ist, dass Michael Wendler...“ nach kurzer – von RTL absolut kontrollierter Zeit – dort den Satz in die Kameras gesprochen hat: „Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein.“ Was haben die bloß mit dem Wendler gemacht?! Die Morgenpost hat sich nicht gescheut, in ihrem Nach-Abgang-Verhör nachzufragen: „Aber wie kam Ihr Sinneswandel?“ Das konnte der Wendler freilich gut erklären: „Man regeneriert sich schnell. Nach ein paar Leckereien auf der Zunge ging es mir schon viel besser.“ Ob die ihm da etwas unters Essen gemischt haben?  


Schwer zu sagen; mehr oder weniger ist das Idol aus der Nachbarstadt ja immer noch abgeschirmt. „Wie eingesperrt“, wie der Wendler sagen würde. Wie im Geheimhotel, also auch im Versace. Dementsprechend widersprüchlich die Informationen, die nach außen dringen. Doch kann man eine Geisel für das, was sie in irgendwelchen Videoaufnahmen sagt, verantwortlich machen?! Einerseits wird uns, der besorgten Öffentlichkeit, dieses Material zugespielt: „Ich will wieder rein. Auch ohne eine Chance auf den Dschungelthron zu haben. Ich fühlte mich schlecht, wollte den anderen beistehen. Das war ja irgendwie wie eine Familie.“ Wir können freilich nicht wissen, ob der Wendler wirklich da wieder rein will. Immerhin vergleicht er an anderer Stelle „das Dschungelcamp mit einer Irrenanstalt, in der er als Patient nur noch funktionierte, bis er den befreienden Satz aussprach“. Doch trotz des immensen Drucks, der auf ihn gelastet haben muss, spüren wir die tiefe Humanität, die des Wendlers Seele umspült („anderen beistehen“, wie eine Familie“).  


Humanität – die falsche Charaktereigenschaft in dieser seelenlosen Branche. Nutzlos. Als gebrochener Mann hockt er nun da, darf – wie gesagt - weder zurück ins Camp noch nach Deutschland, was jedoch – im Falle des Camps - ohnehin nicht das Schlechteste ist, und im Falle Deutschlands vielleicht auch nicht. Seine Heimatstadt, wie wir ebenfalls aus der Morgenpost erfahren müssen, denkt gar nicht daran, den Wendler „mit offenen Armen (zu) empfangen, wenn er aus dem Busch zurückkehrt“. Stattdessen „veralbert“ (sprachlich korrekt für „verarscht“) Stadtsprecher Dickhäuser den berühmtesten Sohn Dinslakens: „Um den machen wir hier kein großes Bohei, das ist ein ganz normaler Bürger.“ Die Morgenpost kommentiert entgeistert: „Eintrag ins Goldene Buch? Straße nach ihm benennen? Kein Thema im Rat.“ Nun gut, das muss vielleicht nicht. Doch dass die Dinslakener selbst dann, wenn einer ihrer Bürger – ob nun prominent oder nicht - am anderen Ende der Welt „kein großes Bohei“ machen, sagt ja wohl alles.  


Hauke Jagau -  Foto: Discostu

Menschenwürde, Menschenrechte - „kein Thema im Rat“, kein Thema in Dinslaken überhaupt. Schlimm. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Dinslaken ist nicht überall. Hoffnungszeichen Nummer Eins! Hoffnungszeichen Nummer Zwei: auch der Dschungel ist nicht überall. Er ist – wie gesagt - am anderen Ende der Welt, darüber hinaus – zugegeben – noch an dem einen und dann auch an einem weiteren Ende der Welt, aber - Hoffnungszeichen Nummer Drei: nicht an jedem Ende der Welt. Zum Beispiel auch nicht in der Region Hannover, wo man ihn vermutet hätte, wo aber der tapfere Sozialdemokrat Hauke Jagau (wohnhaft in Laatzen, ebenfalls dschungelfrei) Regionspräsident ist. Und da, wo Jagau Präsident ist, gibt es so etwas prinzipiell schon mal nicht. Dass Menschen sich erniedrigen, und sich dann auch noch Zuschauer daran erfreuen können, dass sie noch mehr erniedrigt werden. Denn das ist... - ja genau: men-schen-ver-ach-tend.  


Weil es so etwas weder in Laatzen noch überhaupt in der Region Hannover gibt, sollte es das auch nirgendwo anders geben, findet Jagau. Auch nicht im Fernsehen. „Das Dschungel-Camp ist menschenverachtend“, hat er gesagt, der Jagau. Dem Fachblatt für Menschenrechte, also der Bildzeitung, die allerdings, weil sie nicht ganz so viel Mumm hat wie Genosse Jagau, nach wie vor über diese Unterhaltungssendung berichtet, und die sich bislang auch noch nicht offiziell seiner Forderung angeschlossen hat: „Sendungen, die gegen die Menschenwürde verstoßen, müssten verboten werden.“ Konkret würde Hauke Jagau es sich „wünschen, dass solche Sendungen aus dem Programm verschwinden“. Und vermutlich dürfte er sich darüber hinaus gewünscht haben, dass die Bildzeitung, wenn sie sich seiner Forderung schon nicht anzuschließen vermag, zumindest ihn selbst bei der Erhebung derselbigen nicht allzu bescheuert aussehen ließe. Die Hoffnung stirbt eigentlich zuletzt. Aber manche Hoffnungen...  


Meine Güte, Genosse Jagau! Es gibt Ideen, die sind so fernab vom Weltlichen, dagegen ist der Wendler ein Realist. Es gibt eine Art von Geradlinigkeit, dagegen kommt nicht einmal der Wendler an. Warum, bitte schön, sollte ausgerechnet die Bildzeitung, die in diesen Tagen ihre ganze Verkaufsstrategie auf dem Dschungelcamp aufbaut, ausgerechnet einem Sozi, dem sie – weil „Regionspräsident“ gönnerhaft das Attribut „mächtig“ zubilligt, eine gute Presse machen? Weil der schon mal so ein Hammerwort wie „menschenverachtend“ gehört hatte? Ja, geht’s noch?! Pustekuchen: selbstredend hat Bild den Regionspräsidenten nicht als neuen Menschenrechtler gefeiert, sondern mit ihm Dschungelcamp gespielt. Menschen sich erniedrigen, und Zuschauer, die sich daran erfreuen können, dass sie noch mehr erniedrigt werden. Aber, wie gesagt: Spielregel beim Dschungelcamp ist, dass sich die Kandidaten freiwillig für dieses Spiel zur Verfügung stellen. Hauke Jagau war dabei!  


Also, nicht im australischen Dschungel. Jagau hatte den Neujahrsempfang von „radio ffn“, Norddeutschlands größtem Privatsender, besucht. Das kann noch nicht allzu lang her sein. Das Delikate: „ffn hatte für seinen Empfang das Motto `Dschungelcamp´ gewählt, Deko und Speisekarte danach ausgewählt. Zu Essen gab´s u. a. Mehlwürmer und Heuschrecken.“ Die Bildzeitung schickt diesen Bericht einen Tag später dem Interview mit Jagau hinterher. Schlagzeile: „Erwischt: Dschungelcamp-Kritiker isst Heuschrecke“. Der Text beginnt hämisch mit der Frage: „Ob das geschmeckt hat?“ Danach, unter Bezug auf die Verbotsforderung: „Der Mann weiß, wovon er spricht!“ Denn, wie Bild gewiss gerichtsfest recherchiert hatte, “hatte Jagau sogar gebratene Heuschrecken probiert“. Er selbst dürfte vermutlich einwenden, ihm sei es nicht um den Verzehr von Insekten, sondern um das Erniedrigen von Menschen gegangen. Zu spät, Chance vertan! Für mich persönlich ist das uninteressant. Völlig uninteressant. Jagau wollte billige Publicity. Mensch, hören Sie mir auf mit Dschungelcamp!


Werner Jurga, 26.01.2014



Bungle in the Jungle (Teil 1): Heimlich Vater?  (19.01.2014)





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