Rassismus?

Armut stört


Mittwoch, 22. Januar 2014. Aus gut nachvollziehbaren Gründen schickt es sich – vor allem - hierzulande nicht, den Begriff „Rasse“ zu benutzen. Ganz anders verhält es sich - vorausgesetzt freilich, man ist dagegen - mit dem Begriff „Rassismus“, den man ohne weiteres benutzen darf. Wenn aber „Rassismus eine Ideologie ist, die `Rasse` in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften deutet“ (Wikipedia), stellt sich unausweichlich die Frage, ob und, wenn ja, wie es „Rassismus“ geben kann, wenn es überhaupt keine „Rassen“ gibt. Was soll das schon sein? 

Rasse? „Rasse ist ein abstrakter Ordnungsbegriff“, steht bei Wikipedia, “vergleichbar mit der Klasse in der Logik oder der Sorte, der Art im umgangssprachlichen Sinne“. Ach so. „Gute Rasse erkenne ich sofort“, dürfte ich also sagen – freilich nicht im wissenschaftlichen, sondern nur im rein umgangs-sprachlichen Sinne. In der Wissenschaft hat sich stattdessen der Begriff „Unterart“ - lat. Subspezies – durchgesetzt. Gut, bei Haustieren, insbesondere bei Hunden – dürfen Sie von mir aus noch „Rasse“ sagen. Zu Recht verpönt sind jedoch – ebenfalls Wikipedia - „Theorien, die die Menschheit in verschiedene Rassen einteilen“.   


Nun aber genug davon! Denn zugegeben: das weiß echt jeder! Nicht nur jeder Zweite von der Straße, sondern wirklich jeder. Zumindest jeder, der weiß, was sich gehört. Sie können doch nicht hingehen und sagen, dass Ihnen die ganze Rasse nicht passt! Oder die Roma einfach mal so „Zigeuner“ nennen. So etwas läuft nicht! Nicht mehr nach dieser Hitlerei damals. Wer das nicht weiß, weiß nichts. Oder jedenfalls fast nichts. Wie zum Beispiel der ein oder andere Rom, der sich und die Seinen ganz unbekümmert Zigeuner nennt. Das sagt doch wohl schon alles! Daran können Sie schon sehen: diese Leute wissen einfach nicht, was sich gehört. 

Ansonsten gibt es auch noch so ein paar Deutsche, die – allerdings anonym – in irgendwelchen obskuren Facebook-Foren ihre Hetze gegen die Roma mit dem bösen Z-Wort garnieren. Immerhin: diese Leute wissen wenigstens, dass sich das eigentlich nicht gehört. Deshalb giften sie ja anonym. Hinzu kommt, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bei ihnen zu einem hohen Anteil um Rassisten handelt, mithin um Zeitgenossen, die tatsächlich von dem Aberglauben beseelt sind, sie gehörten einer humanen Subspezies an, die qua genetischer Grundausstattung einfach besser und deshalb privilegierter zu behandeln sei als andere.  


Ja, es gibt sie, die Rassisten. Es gibt sie auch in Duisburg, auch und gerade in den Kampagnen gegen die „Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien“, wie sie im politisch korrekten Deutsch genannt werden. „Natürlich gibt es sie. So sicher, wie es den in deutschen Saunas breitbeinig lauernde Nackedeifetischisten gibt (meistens kahlköpfig und sich unter schwerem Schnaufen mit Salz einreibend)“ (Timo Stein). Ja, es gibt sie, diese Leute, die absolut nicht wissen, was sich gehört und was nicht. Und in einer Zeit, in der in verstärktem Ausmaß unerwünschte Neulinge eintrudeln, gar an einem Ort, wo dies noch verstärkter der Fall ist, dürfen sie mit Duldung rechnen. 

Dennoch wissen die Duldenden freilich, dass solcherlei Rassismus sich schlichtweg nicht gehört. Deshalb verweisen sie mit Stolz darauf, ihr Leben lang mit anderen Migrantengruppen gut zurecht gekommen zu sein – etwa mit Türken oder mit Italienern. Aber mit diesen „Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien“... Womit sie in etwa die Linie der Stadtspitze treffen, die einerseits die Parole „Duisburg kann Integration“ ausgibt, andererseits keinen Hehl daraus macht, dass sie diesen ganzen Spuk mit den Roma am liebsten so schnell wieder los wäre, wie er gekommen ist. Das ist selbstredend alles Unfug; nur: Rassisten sind es trotzdem nicht. Weder die Stadtspitze noch die Anwohner.  


Es besteht keinerlei Anlass, den verärgerten Anwohnern, die einfach nur ihr „altes Leben wieder haben wollen“, durchweg zu unterstellen, einer dumpfen Rassenideologie anzuhängen. Es sind in der Regel Menschen, die – allein schon wegen des eingetretenen Wertverlustes ihrer Häuser – nicht wegziehen können und daher, ob sie wollen oder nicht, den von ihnen nicht geschätzten „Gepflogenheiten“ der Roma-Einwanderer „ausgesetzt“ sind. Es spricht nichts für die Annahme, sie hätten generell etwas gegen Ausländer. Im Gegenteil: sie sind gewohnt, mit Migranten zurecht kommen zu müssen, und begegnen ihnen zumeist „auf Augenhöhe“. 

"Der iranische Arzt, die philippinische Krankenschwester oder der chinesische Restaurantbesitzer“, wie sie Vladimir Vertlib in der Jüdischen Allgemeinen beispielhaft anführt, „sind einem Durchschnittsdeutschen aus dem Mittelstand näher und vertrauter, irritieren und stören weniger...“ Es sei die „Angst vor den Armen“, so Vertlibs These, die die Ressentiments schüre gegen „eine Roma-Bettlerin aus Rumänien, die mit ihren Kindern in unser Sozialsystem `einwandert´“, die aber durchaus auch einen „deutschen Sozialhilfeempfänger aus der Unterschicht“ in diesen Kreisen suspekt mache. Wobei sich einer eventuell noch verkraften ließe...  


Zöge jedoch eine ganze Gruppe von Hartz-IV-Familien in die Nachbarschaft eines vermeintlich wohlgeordneten kleinbürgerlichen Viertels, wäre auch dann dessen „Willkommenskultur“ auf eine harte Probe gestellt, wenn es sich bei den Zuzöglingen ausnahmslos um waschechte Deutsche handelte. Armut stört. „Nicht so sehr die Tatsache, solchen Menschen den Unterhalt aus Steuergeldern finanzieren zu müssen, empört“, schreibt Vertlib, “sondern die Angst, ihnen im Alltag begegnen zu müssen.“ Keine Frage: die Roma-Zuwanderung belastet den städtischen Haushalt, etwa Duisburgs, ganz außerordentlich. Doch können Haushaltsprobleme nicht das Entstehen von Hass erklären. 

Freilich wird in den Anti-Roma-Kampagnen stets auch auf die Integrationskosten verwiesen, die an anderer Stelle fehlten. Doch das ist es nicht. Abgesehen von der Lächerlichkeit dieses Hinweises, wenn man allein die gesamtwirtschaftlichen Größenordnungen betrachtet: dort, wo man sie nicht sieht, lassen die Roma die Deutschen ziemlich kalt. Es ist die Nähe, die belastet. Natürlich der Lärm und der Müll, aber auch: „Wer in irgendeiner Form anders ist, gehört nicht dazu, wer arm ist, kann diesen Anforderungen ohnehin nicht entsprechen, stört das Straßenbild, erinnert an die eigenen Unzulänglichkeiten und weckt die Angst, vielleicht selbst einmal zu den Verlierern zu gehören“ (Vertlib).  


Also spricht der Kleinbürger, jedenfalls der, der weiß, was sich gehört: „Ja, wir wollen Zuwanderung. Nein, wir haben nichts gegen Ausländer und auch nichts gegen Roma, die schließlich Opfer eines Völkermords waren und mancherorts bis heute verfolgt werden. Wir brauchen Fachkräfte, und deren Herkunft ist uns egal. Was wir dagegen nicht wollen, ist eine Einwanderung in unsere Sozialsysteme.“ Auf diese Formel – hier formuliert von Norbert Mappes-Niediek in der taz - ließe es sich mit etwas Glück nach viel gutem Zureden möglicherweise auch mit den Duisburger Anwohnern der Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien verständigen. 

Doch, so Timo Stein auf Cicero Online, auch dies, nämlich die Formel „Die Qualifizierten sind also will-kommen, die weniger Qualifizierten eher weniger“, hülfe im Grunde nicht weiter. „Ein solches, allein auf die wirtschaftliche Leistung bezogenes Einwanderungsprinzip ist aber zumindest mal doppelt unsozial. Einmal, weil es die Privilegierten nur noch zusätzlich privilegiert. Zum Zweiten, weil es die Herkunftsländer ihrer Spitzenkräfte beraubt. Und auf lange Sicht wirtschaftlich schwächere Länder in Europa weiter schwächt. Wer Europa so denkt, hat Europa nicht verstanden.“ So weit Timo Stein. Allerdings: „Europa Verstehen“ ist nicht gerade das, wonach den Anwohnern gerade am meisten der Sinn steht.  


Und noch ein „allerdings“: denjenigen, die „in einem südosteuropäischen Elendsviertel (gelebt haben) und dort groß geworden“ sind, liegt ebenfalls „Europa Verstehen“ nicht so besonders am Herzen. So jemand, erklärt Mappes-Niediek, „verhält sich so, wie es Slumbewohner überall aus guten Gründen tun: Er setzt sich seine Existenz puzzleartig zusammen. Man verrichtet Gelegenheitsjobs, sammelt Eisen oder Flaschen, treibt ein wenig Handel, beantragt Transferleistungen, wenn es so etwas gibt. Reicht das nicht, kommen Betteln, Prostitution und kleine Diebereien hinzu.“ Er will nicht unbedingt „Europa Verstehen“ und selbst die Deutschen nur so weit, wie es für seinen Existenzkampf vonnöten ist. 

Die Roma werden bleiben, ob sie Hartz-IV erhalten oder nicht. Zum Schluss nochmal Mappes-Niediek: „Wer meint, er könne die Bewohner südosteuropäischer Elendsviertel durch Versagung von Sozialleistungen von der Emigration abhalten, kriegt exakt das, was er vermeiden möchte: Slums, Probleme, Kriminalität. Wer nicht in eine Sozialwohnung darf, baut sich eben eine Papphütte am Bahndamm, und wer kein Hartz IV bekommt, muss betteln oder stehlen.“ Eine Duisburger Anwohnerin erzählte der Zeitung, wie sie empfindet: „Die stehen am Fenster und denken: die blöden Deutschen.“ Nur eine, wohlbemerkt. Doch selbst dieses Sich-von-der-Armut-bedroht-Fühlen: ist das schon Rassismus?


Werner Jurga, 22.01.2014




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