"Die strategische Perspektive mit im Blick“

Krieg in Afrika


Samstag, 18. Januar 2014. Es sei "noch nichts entschieden", heißt es aus dem Auswärtigen Amt. Es gebe keinen Anlass für "kurzatmige Entscheidungen", sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur AFP. Deshalb könnten die Angaben nicht bestätigt werden. Gemeint sind die „Angaben“, die die Süddeutsche Zeitung in ihrer Wochenendausgabe macht. Demzufolge „soll die deutsch-französische Brigade die bereits laufende Mission in Mali verstärken. Außerdem werden deutsche Streitkräfte einen europäischen Militäreinsatz in Zentralafrika mit Transportflugzeugen und Luftbetankung unterstützen. Darüber wird am Montag in Brüssel entschieden.“ Behauptet in aller Klarheit die Süddeutsche, und sämtliche Online-Medien berichten darüber. Doch das Außenministerium kann, wie gesagt, diese „Angaben nicht bestätigen“, allerdings auch nicht dementieren. Es sei "noch nichts entschieden", wird amtlich verlautbart; logisch: „Darüber wird am Montag in Brüssel entschieden“ (Süddeutsche).“  


"Noch nichts entschieden" bedeutet schließlich auch: es wird demnächst entschieden. Also am Montag, was insofern bemerkenswert ist, weil das Auswärtige Amt, also die Bundesregierung, ja gar nicht entscheiden darf, ob die Bundeswehr eingesetzt wird oder nicht. Spiegel Online hat bereits in Erfahrung gebracht, dass die Bundesregierung „für die EU-Mission, die am Montag beschlossen werden soll“, also „ für beide Einsätze,... neue Mandate durch den Bundestag beschließen lassen“ will. Vielleicht auch deshalb betont das Außenministerium, das einerseits „die Angaben nicht bestätigen kann“, andererseits, dass es wichtig sei, "die strategische Perspektive mit im Blick zu haben": Die Einsätze in Mali und der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) dürften nicht isoliert voneinander betrachtet werden (AFP). Freilich: kein Anlass für "kurzatmige Entscheidungen". Die Regierung hat noch zwei Tage Zeit, und der Bundestag...  



Ach ja, der Bundestag. Den gibt es ja auch noch. Diese Woche hat er nach seiner mehrmonatigen Zwangspause wegen der entsprechend mehrmonatigen Koalitionsverhandlungen seine Debattentätigkeit wieder aufgenommen. Es ging um den Wechsel von Politikern in die Wirtschaft und um die Frage, wie die zahlenmäßig schwache Opposition gestärkt werden könne. „Der Bundestag zelebriert die Nabelschau“, meint Ulrich Horn dazu und empfiehlt: „Niemand sollte sich davon beeindrucken lassen, dass die Abgeordneten so tun, als sei ihre Selbstbeschäftigung von nationaler Bedeutung und dazu angetan, Deutschland voranzubringen.“ Dass Politiker in „die Wirtschaft“ wechseln, ist tatsächlich kein ganz so neues Phänomen; dennoch: es macht immer wieder Spaß, mal ein wenig darüber zu tratschen. Dass es sich beim aktuellen Anlass um ein Staatsunternehmen handelt, hat freilich auch in dieser Debatte keine Rolle gespielt.  


Die Rechte der Opposition, die jetzt plötzlich so klein ist,... - na, wenn das kein Thema ist! Es hat ja auch sonst noch nie in Deutschland eine große Koalition gegeben. Jedenfalls nicht in der letzten Legislaturperiode. Da bildeten SPD, Grüne und Linke eine parlamentarische Opposition, die beinah so groß war wie die Regierungskoalition... - und was haben die im Bundestag nicht alles ausgerichtet! Dennoch: schön, dass man sich wechselseitig respektiert, so gut es nur geht. Dass man miteinander redet, und nicht nur übereinander... - wenngleich: auch miteinander nur übereinander. Worüber sollte man auch sonst reden? - Über Afrika?! Ja Entschuldigung: der Hunger, die Schulden, usw. - alles schon schrecklich genug. Und der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das ist jetzt der Gerd Müller. Nein, nicht der Bomber der Nation. Nein, überhaupt kein Fußballer. Gerd Müller, den kennen Sie nicht. Das ist einer von der CSU.  


Man kann halt nicht alles wissen. Nicht einmal alles in Deutschland; nicht einmal, wenn es um Fußball geht. Wie soll da jemand wissen, was im tiefsten Afrika los ist?! Und außerdem: das ist doch alles „nicht so schön: Zustände wie in Timbuktu“. Und deshalb, so ein Artikel vom 12.07.2012, „nehmen wir das auch erst gar nicht groß zur Kenntnis. Was da so läuft in Timbuktu. Was soll da auch schon laufen?! Zustände wie in Timbuktu eben. Und wenn die da nicht wieder freiwillig verschwinden, die Herren von der al-Qaida… - auch egal. Uns geht es auf jeden Fall nichts an!“ Nun ja, Geschmackssache – dieser Text sollte glossarischen Charakter haben. Weil man aber über so etwas keine Scherze macht, und weil es nicht nur um den Mali, sondern um „Mali und die Sahelzone“ geht, und weil das schon vor einem Jahr absehbar war, schrieb ich am 30.01.2013: „Dass Sie das Ende dieses Krieges, dessen Beginn Sie derzeit als Zeitzeuge in den Medien beobachten können, noch erleben werden, halte ich jedenfalls für höchst unwahrscheinlich.“ 


Sahelzone (Bild: zum.de)


Man wird sehen. Seit heute ist aber völlig klar, dass Deutschland in den afrikanischen Kriegen bzw. in dem afrikanischen Krieg an vorderster Front dabei sein wird. Deutschland wolle, schreibt etwa das Wall Street Journal, „die malischen Truppen mit Kleidung, Stiefeln und Lastkraftwagen ausrüsten. Andere europäische Staaten würden auch Waffen liefern.“ Und „auch für den Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik wird die Bundesregierung ihre Offerte ausweiten“. Denen, die sich in Zentralafrika nicht ganz so gut auskennen, sei gesagt, dass die ZAR im Osten an den Südsudan grenzt. Die junge Republik versinkt gerade in einem Bürgerkrieg, von 10000 Toten ist die Rede, von 100000 Flüchtlingen. Die UNO spricht von „Horror-Szenen im Südsudan“. Das Auswärtige Amt hat, wie bereits erwähnt, eigenen Angaben zufolge "die strategische Perspektive mit im Blick". Die Tagesschau meldet, dass die „Mandate ohnehin neu beschlossen werden“ müssen.  


Vom Bundestag, versteht sich. Ach ja, der Bundestag. Den gibt es ja auch noch. Aber woher soll der das alles wissen?! Und wir? Was wissen wir schon? Die Fülle der Hyperlinks in diesem Beitrag darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Krieg in Afrika bislang noch ein Schattendasein in den deutschen Medien führt. Das mag sich ändern, allein schon, weil es sich ändern muss. Aber langsam und wenn, dann in kleinen Schritten. Die ganze Angelegenheit ist einfach nicht mediengerecht - zu pompös, zu monströs. Doch deshalb wird kollektives Verdrängen wie etwa im Fall Afghanistan auf Dauer nicht funktionieren. Ich schließe hier mit denselben Zeilen, mit denen ich vor einem Jahr geschlossen habe: „Nehmen Sie aber die entsprechend aufbereiteten Informationen aus den Medien so, wie sie gedacht sind. Als magenfreundliche kleine Häppchen. Das komplette Menü ist zurzeit noch nicht so recht verdaulich. Aber es kommt auf den Tisch. Auf jeden Fall. Magenunverträglich.“  


Werner Jurga, 18.01.2014






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