Bild: roma-service.at


Zurück dorthin, wo sie herkommen
„Sinti + Roma = Zigeuner“

Dienstag, 1. Januar 2013. Auf meine „Exegese eines rechtspopulistischen Furzes“ gab es recht viele Reaktionen, etwa auch die eMail eines Duisburger Mitbürgers, die Sie unten im vollen Wortlaut lesen können – von mir ein wenig orthographisch bearbeitet und anonymisiert. Ich veröffentliche sie ohne Namen, weil ich nicht weiß, ob es dem Absender recht wäre, einem größeren Leserkreis bekannt gemacht zu werden. Ich schließe das zwar nicht aus, aber fair geht vor. Also, der Duisburger Mitbürger hat mir mit Namen und eMail-Adresse geschrieben.

Ich habe dies nicht überprüft. Aber weil ich davon ausgehe, dass das alles so seine Richtigkeit hat, habe ich ihm – im Rahmen meiner Möglichkeiten – höflich geantwortet. Wenn Sie mögen, können Sie auch meine Antwort unten auf dieser Seite lesen. Der Leserbriefschreiber – nennen wir ihn Herrn M. – beginnt mit einem „Hallo“ und dem Satz: „Genau so stelle ich mir einen Artikel vor“. Ja, es hat tatsächlich Zustimmung aus vollem Herzen für diesen Text gegeben; aber Herr M. will seinen Einleitungssatz selbstverständlich als bitterböse Ironie verstanden wissen.

M. findet nämlich, dass die „Sinti + Roma = Zigeuner“ zurück müssen und zwar dorthin, „wo sie herkommen“. So hatte er dies auch mal als Überschrift für einen Kommentar auf der Westen, der Onlineausgabe der WAZ, gepostet. Dieser sei jedoch nach zehn Minuten wieder gelöscht worden – unter Hinweis auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen. Darüber konnte und kann Herr M., schreibt er, “nur lachen“. Warum, schreibt er nicht. Die Überschrift „Sinti + Roma = Zigeuner“ hatte M. wegen ihres denunziatorischen Charakters gewiss ganz bewusst gewählt.

Denn danach zieht M. mit dem Sündenverzeichnis der „Sinti und Roma und wie auch immer die da alle heißen“ ordentlich vom Leder. M. beginnt seinen Bericht über diese Leute in dem Städtchen in Polen, in dem er aufgewachsen ist. Was er zu erzählen weiß, lesen Sie es unten selbst: nur Schlechtes. Nicht nur Geld hatten sie geklaut. Und auf den Straßen dieser Hühnerdiebe lag Müll und trieben sich Kinder rum. „Massenweise Kinder“. Zustände im Grunde wie heute In Duisburg, nur mit dem Unterschied, dass hier mehr zu holen ist. Das kann nur in der Eigenart der „Sinti und Roma und wie auch immer die da alle heißen“ begründet liegen.

Das ist für M. eine ausgemachte Sache; denn so etwas ist wirklich nicht nötig. Er zum Beispiel, also M, ist ein „Ex-Pole“, und zwar einer, “der sich in das deutsche, Duisburger System integriert hat“. Einer, “der jeden Cent seiner Steuer in Deutschland hinterlässt“. M. ist mittlerweile deutscher Staatsbürger geworden, insofern „hinterlässt“ er seine Steuern nicht. Na gut. M. will sagen, dass sein Beispiel doch zeige, dass es doch möglich sei, aus dem Osten nach Deutschland eingewandert „sich in das deutsche, Duisburger System“ zu integrieren. M. bestreitet, dass dies auch Roma möglich sein könne.

Die müssen nämlich „zurück, wo sie herkommen“. Alle. Etwa, weil sie stehlen – immer und überall. M. kann nicht wissen, welche Panik hierzulande vor den Polen geschürt wurde, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war und bevor Polen Mitglied der EU geworden ist. Millionen Polen würden nach Deutschland kommen, prophezeite die Boulevardpresse, nicht ohne anzudeuten, dass die Polen Probleme damit hätten, Mein und Dein zu unterscheiden. Herr M. könnte aber wissen, dass auch heute noch mit Abstand die meisten gestohlenen Autos nach Polen verschoben werden, und nicht auf den Balkan.

M. weiß ganz bestimmt, dass „dort, wo sie herkommen“, die Roma ebenso eine ethnische Minderheit sind wie heute in Duisburg oder damals in dem Städtchen in Polen, in dem er aufgewachsen ist. Eine „Rückführung“ der Roma nach Rumänien würde also in Rumänien zu den gleichen Problemen führen wie in Polen oder in Deutschland. Denn die allermeisten Rumänen sind keine Roma, und es gibt auch in Rumänien keine Siedlungsgebiete der Roma. Bekannt oder nicht bekannt, Herrn M. ist das auf jeden Fall egal. Die „Sinti + Roma = Zigeuner“ müssen zurück. Fertig.

Dumm nur: genau das müssen sie nicht. Sie wollen, können und dürfen hierbleiben, genau wie alle anderen Europäer auch. Nun gut, ganz genau so erst heute in einem Jahr; doch streiten wir uns nicht darüber. Die Roma dürfen hierbleiben, sie werden hierbleiben, und es werden noch mehr Roma kommen. Wie viele genau, können wir jetzt noch nicht sagen. Gewiss viele. Aber ganz bestimmt nicht so viele wie Polen. Etwa 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, also mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland sind polnischstämmig bzw. polnischsprachig. Die ethnische Minderheit der Polen ist hierzulande, wie man so sagt, gut integriert.

Sinti und Roma sind es übrigens auch. Die neuen Einwanderer aus Südosteuropa - i.d.R. Roma - sind es nicht. Das können sie auch gar nicht sein. Nicht nur, weil sie noch nicht so lange hier sind, sondern auch wegen ihrer Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte auf dem Balkan. Dass neuerliche Diskriminierung hier den Prozess ihrer Integration behindert und damit verzögert, bedarf keinerlei Erläuterung. Dass der Antiziganismus in den großen Einwanderergruppen – hier der Polen, aber auch der Türken - besonders stark ausgeprägt ist, ist gut erklärbar. Und doch ziemlich grotesk.

 

Werner Jurga, 01.01.2013

 

 

M.´s eMail an mich

Hallo,

ich bin selber ein Ex-Pole, der sich in das deutsche, Duisburger System integriert hat, der jeden Cent seiner Steuer in Deutschland hinterlässt.

Die „Sinti + Roma = Zigeuner“ müssen zurück, und zwar da wo sie herkommen. Übrigens diese Überschrift, als von mir in der WAZ so kommentiert, wurde nach 10 Minuten entfernt. Wegen Nichteinhaltung von AGB (dass ich nicht lache).

Ich kann mich noch sehr gut an die Sinti und Roma und wie auch immer die da alle heißen in einem Städtchen in Polen erinnern. Die von denen bewohnte Straße ähnelte gleich denen in Duisburg (wo sie heut halt wohnen). Auf den Straßen lauter Müll, Arbeitsloser (Arbeitssuchender J) Zigeuner, zudem mit massenweise Kindern belagert.

Und als mal wieder nix zu essen gab, dann kamen Sie (2-3 mal) im Jahr in unser Dorf und haben sich u.a. von meiner Nachbarin mal das Geld, mal die Hühner „ausgeliehen“.

Ich habe eine gute Aussicht auf das AWO-Gebäude Seniorenheim (Ortsangabe von mir gelöscht, W.J.). Alleine hier konnte ich selber beobachten wie 2 mal es versucht wurde einzubrechen.

1. Einmal hat der Nachbar 2 Typen vertrieben

2. Zwei Monate später habe ich nachts um 24 Uhr die Polizei angerufen, als 2 Personen in das Gebäude eingedrungen sind. Die Polizei kam sehr schnell (etwa nach 7 Minuten) als verdeckte Ermittler getarnt mit 3 Mann vorbei, leider waren die Typen wieder (ohne Diebesgut) draußen. Ich kam dann später dazu, ja es waren 2 Rumänen, oder wie man heute sagen muss, Punkt 1.

Gruß
M. (Name und eMail-Adresse),

 

 

Meine eMail an M.

Guten Tag, Herr M.,

vielen Dank für Ihren Leserbrief!

Es wird Sie nicht überraschen, dass wir politisch in dieser Angelegenheit nicht übereinstimmen. Vielleicht mag es Sie überraschen, dass ich finde, dass sich Ihre Schilderungen im Grunde gar nicht auf meine Überlegungen beziehen.
Wie auch immer: ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch ins Neue Jahr und eine glückliche Zukunft in unserem, wie Sie es nennen, “Duisburger System“!

Werner Jurga




Seitenanfang