Models und Seitensprünge, Kartoffelküche und Mörder

Focus Online klärt auf


Mittwoch, 15. Januar 2014. „Hier steht die Schönheit im Vordergrund und nicht die Intelligenz.“ Wo? „Bei der Endausscheidung zur Miss-Belgien-Wahl.“ Woher ich das weiß? Von Focus Online. Der „Focus“ hatte nämlich gestern Nachmittag um 17:40 Uhr ein Video von dieser bedeutenden Veranstaltung online gestellt. Da gab es zu sehen, was es eben so auf derlei Veranstaltungen zu sehen gibt. Hübsche junge Damen in hübschen weißen Kleidern, danach – in Freizeitkleidung – die Fragerunde. Bei der hatte eine der Bewerberinnen gepatzt. Nun gut, sie hatte auf die Frage, vor wie vielen Jahren der Erste Weltkrieg begann, geantwortet: „Vor zehn Jahren.“ Ob dies nun ein, wie die Kandidatin vorgetragen hatte, der Nervosität geschuldeter Versprecher war oder nicht, lässt sich nicht klären. Zumal beim „Focus“ bekanntlich nur „Fakten, Fakten, Fakten“ zählen. Und Fakt ist nun einmal: die Antwort war falsch. 


Nicht schlimm, im Gegenteil: die Online-Redakteure dieses Nachrichtenmagazins hatten ihren Spaß. „Schön dumme Schönheit“ schrieben sie über ihren Begleittext. Untertitel: „Model blamiert sich bei Frage zum Ersten Weltkrieg“. Na ja, „Text“ wäre vielleicht zu viel gesagt; denn der „Focus“ - Sie wissen ja Bescheid: „Fakten, Fakten, Fakten“ - denkt an seine Leser, insbesondere an deren knapper Zeit. Also nur zwei, drei Sätze; aber die haben es in sich, besser gesagt: ihn in sich. Den beißender Spott. Ich zitiere: „Bei der Endausscheidung zur Miss-Belgien-Wahl wurde einer Bewerberin eine besonders knifflige Frage gestellt: Vor wie vielen Jahren begann der Erste Weltkrieg? Die Antwort überrascht nicht nur Geschichtsprofessoren.“ Lustig. Oder nicht? Jedenfalls schön kurz. Außerdem soll man sich ja das Video ansehen. Lesen wird sowieso meist überschätzt. Die „schön dumme Schönheit“ ist eher etwas zum Betrachten.  


Was hatten wir denn sonst noch so auf „Focus Online"? Gestern Abend? Zum Beispiel im Politik-Teil der Onlineausgabe des Nachrichtenmagazins. Ach, hier: um 21:37 Uhr wurde gemeldet, dass „Schwarz-Gelbe Politiker“ (Großschreibung im Original) einen „Gesprächskreis zur Wiederbelebung“ gegründet haben. „Kartoffelküche“ haben sie ihn genannt. Wir lesen: „Schwarz-Gelb nähert sich (?) in einer sogenannten `Kartoffelküche´ neu an...“ - und jetzt kommt´s; Achtung: „... als Gegengewicht zur Rot-Grünen (Großschreibung auch hier im Original) `Pizza-Connection´.“ So erklärt sich der Name. Schwarze und Gelbe treffen sich in der Kartoffelküche, weil sich dereinst Rote und Grüne als Pizza-Connection getroffen hatten. Jedenfalls wenn man „Focus Online“ Glauben schenken darf. Fakten, Fakten, Fakten. Erstens: das mit der Namensspielerei stimmt. Zweitens: eine „ Pizza-Connection“ gab es ebenfalls tatsächlich.  


Nur eben, dass es sich dabei – drittens – um „einen Gesprächskreis zwischen einigen jungen Bundestagsabgeordneten aus der CDU und Bündnis 90/Die Grünen“ gehandelt hatte, also um schwarz-grüne und nicht etwa um rot-grüne Sondierungstreffen, was die „Focus“-Leute, wenn sie es nicht schon so wissen, ohne weiteres etwa bei Wikipedia hätten nachsehen können, was sie ja im Gegensatz zur eingangs erwähnten „schön dummen Schönheit“ durchaus gedurft hätten. Nun gut – hätte, hätte, Fahrradkette. Ein Patzer, kann passieren, selbst im Qualitätsjournalismus. Man muss bedenken, was in eine Redaktion im Laufe eines Tages so alles hereinkommt und  der Wettbewerb ist knallhart, fast so hart wie bei einer Misswahl  adäquat aufgearbeitet sein will. „Adäquat“ heißt hier: das muss rüberkommen, wie es sich für ein Nachrichtenmagazin gehört. Aber: kurz und prägnant. Eben: an die Leser gedacht.  


Um 23.02 Uhr, also noch nach elf (!), bringt „Focus Online“ eine Geschichte über den französischen Präsidenten. Später als alle Konkurrenten, dafür aber um so gründlicher. Zwar nicht selbst geschrieben, sondern verfasst von einem Herrn Weber vom „European“, aber immerhin. Hauptsache Qualitäts-journalismus! Die Überschrift über der Überschrift: „Hollande im Liebes-Chaos“. Darunter die fette Schlagzeile: „Ein Präsident zwischen zwei Frauen“. Ich will Ihnen zumindest die ersten beiden Sätze dieses bemerkenswerten Artikels nicht vorenthalten. Ein Lesegenuss:„Am prunkvollen Charme des `Salle de Fêtes´, dem Festsaal des Pariser Präsidentenpalast, konnte die schlechte Laune der Berater des Staatspräsidenten Francois Hollande nicht liegen. Hier war der ganze Glanz der République Francaise vereint.“ Fakten, Fakten, Fakten. Und immer an die Leser denken! „600 Journalisten“ waren bei Hollandes Pressekonferenz zugegen.  


Und die waren, vermutlich genau wie Kollege Weber vom „European“ selbst, seinen Angaben zufolge „wenig interessiert“ an der „möglichen Schröderisierung Frankreichs“, sondern deutlich mehr daran, “dass es zwölf Schäferstündchen seit Herbst gegeben haben soll“. Schon interessant, wobei ich mich allerdings schon frage: welcher Termin könnte gemeint sein, wenn Mitte Januar die Zeitangabe „seit Herbst“ in die Debatte geworfen wird? Ganz genau genommen wäre darunter das Herbstende, also der Winteranfang, zu verstehen; sprich: ein Zeitraum von nicht einmal vier Wochen. Dafür wären „zwölf Schäferstündchen“ für meinen Geschmack schon etwas happig. Wäre dagegen der Herbstanfang gemeint: zwölfmal in fast vier Monaten. Sollte das die „mögliche Schröderisierung Frankreichs“ sein?! Zwölf Schäferstündchen in mehr als einem Vierteljahr... - ich finde, da kann niemand meckern.  


Valérie Trierweiler, zwar nicht die Ehegattin, aber noch die Nummer Eins bei Francois Hollande, scheint in dieser Hinsicht anders zu empfinden als ich; jedenfalls zitiert Weber eine Trierweiler-Biografin mit den Worten: „Ich denke, dass sie, sobald sie wieder fit ist, Auge für Auge, Zahn für Zahn zurückzahlt.“ In der deutschen Sprache heißt es eigentlich „Auge um Auge“ oder „Zahn um Zahn“, wenn diese alt-testamentarische Metapher (?) zur Sprache kommt. Egal, Fakt ist jedenfalls: es könnte dramatisch werden am königlichen Hofe zu Paris. „Auge um Auge“ oder „Zahn um Zahn“ - das klingt nach Mord und Totschlag, was zwar im Ergebnis auf dasselbe hinausläuft – vor Gericht aber eben nicht. Wahrscheinlich nicht einmal in Frankreich. In Deutschland aber – und damit verlassen wir das „Liebes-Chaos“ am französischen Hofe – ganz gewiss nicht. Wir Deutschen wissen nämlich zwischen Mord und Totschlag sehr genau zu unterscheiden.  


Wobei wir, also wir Deutsche, mittlerweile ein „Problem mit Mord und Totschlag“, so die Überschrift auf n-tv.de haben: Der „Paragraf 211 ist vollkommen überholt“. Nun gut, so etwas kann immer mal passieren. Die Zeit vergeht halt, und der § 211 StGB ist bereits 1941 in Kraft getreten - geschrieben vom damaligen Staatssekretär im Reichsjustizministerium, einem gewissen Roland Freisler, der später als Präsident des Volksgerichtshofes noch eine beeindruckende Karriere machen sollte. „Der Kern des Mordparagrafen 211 wimmelt nur so von Formulierungen, die auf die von den Nazis verfolgte Tätertypenlehre zurückgehen. Es wird keine vorwerfbare Handlung beschrieben, sondern ein Typ des Mörders, wie ihn sich die Nationalsozialisten vorstellten“, lesen wir auf Welt Online unter der Überschrift: „`Braune Spur´ entfernen – Anwälte wollen Mordreform“.  


Der Deutsche Anwaltverein (DAV) fordert deshalb in diesem Punkt eine Neuformulierung – eine Reform, für die sich auch schon Schleswig-Holsteins Justizministerin Anke Spoorendonk stark gemacht hatte, wenn auch ohne Erfolg. Frau Spoorendonk ist Vertreterin der dänischen Minderheitenpartei SSW; mehr muss man wohl nicht sagen. Ihre Initiative wurde in der Landesjustizministerkonferenz lediglich "einstimmig zur Kenntnis genommen“ (n-tv). Aus dem „Tod eines Paragrafen“, so die Überschrift der „Berliner Zeitung“, ist jedenfalls bislang (noch) nichts geworden. Auch egal; was bleibt ist die Frage aller Fragen: welche Überschrift hatte wohl das Internetportal des Nachrichtenmagazins „Focus“ gewählt, um - an den Leser gedacht – kurz und knapp über den DAV-Vorschlag zu berichten. Fakten, Fakten, Fakten – ich will sie nicht auf die Folter spannen. Gestern Abend, um Punkt 19:00 Uhr, bringt Focus Online einen Artikel mit der Überschrift:  „Anwälte wollen Mord abschaffen“.


Werner Jurga, 15.01.2014





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