Reich sein – warum eigentlich nicht?

Sonntag, 18. September. Reich sein – warum eigentlich nicht? Schon klar: Armut schändet nicht, aber eine besondere Ehre ist es auch nicht, wie Shmuel Rodenski in seinem Milchmann-Lied „Wenn ich einmal reich wär´“ an sich ganz zutreffend anmerkt. Okay, vielleicht nicht gerade ein optimaler Beleg. Wir können aber auch Oskar Lafontaine nehmen, der meint das nämlich auch. Dass man reich und trotzdem gleichzeitig auch ein guter Mensch, also links sein kann.

Mehr noch: Anfang des Jahres, mitten im Hamburger Landtagswahlkampf, erklärte Oskar der Hamburger Morgenpost, dass „auch die Hamburger Millionäre die Linke wählen“ sollten. Verdutzte Nachfrage des Journalisten: „Wie bitte?“ Lafontaine: „Sie verlieren sonst ihr Geldvermögen. Keine andere Partei außer der Linken hat die richtigen Schlüsse aus der Finanzmarkt-Krise gezogen.“

Eigentlich logisch; denn die „Krise frisst Vermögen auf“, wie wir aus der Frankfurter Rundschau erfahren. Ja, Tatsache: die Finanzkrise zerstört den schönen Reichtum. Dabei könnte alles so schön sein! „Die Deutschen waren in diesem Jahr bereits so reich wie noch nie“, schreibt der Stern, „doch die Finanzkrise hat den Rekord wieder zunichte gemacht“. Ist das nicht ärgerlich?! „Finanzkrise zerstört Reichtumsrekord“ – entsetzlich. Gegen die Finanzkrise müsste einmal dringend etwas unternommen werden!

So kann es doch nicht weitergehen. „Die Deutschen werden immer reicher“ (Handelsblatt). So schon. „Die Deutschen sind so reich wie nie zuvor“ (Die Welt). Nur: was heißt denn schon „reich“?! „So reich wie nie zuvor“ – Papperlapapp: „Das Pro-Kopf-Bruttovermögen in Deutschland liegt bei gut 60.000 Euro.“ Nicht 60.000 Euro, sondern gut 60.000 Euro – ich lache mich krank. 60.000 Euro – da kommen Sie aber nicht weit mit! 60.000 Euro – das reicht doch gerade mal für den hohlen Zahn!

Und weltweit liegen wir damit nur auf dem 17. Nationenrang. Wir Deutsche. 17. Platz, das muss man sich nur einmal vorstellen! „In den Berechnungen“, gibt das Handelsblatt zu bedenken, „werden weder Immobilienbesitz noch die in Deutschland überdurchschnittlich hohen Rentenansprüche berücksichtigt.“ Die können viel erzählen! Die Rentenansprüche sind hoch; dass aus diesen Ansprüchen auch irgendwann einmal reale Zahlungen werden, glaubt doch hierzulande kein Mensch mehr.

Und der Immobilienbesitz ist anscheinend nicht „überdurchschnittlich hoch“; sonst hätte man dieses Attribut ja nicht so verschämt hinterherschieben müssen – zu den Rentenansprüchen. Tatsächlich gibt es kaum ein entwickeltes Industrieland mit einer höheren Quote an Mietern, mit einer geringeren Quote an Haus- oder Wohnungseigentümern. Aber das macht ja nichts; trotzdem wird „Die Deutschen werden immer reicher“ ganz locker in die Überschrift geknallt (Handelsblatt).

Oder: „Deutsche sind so reich wie nie“ (Die Welt). Jedenfalls: diesen Reichtum, diesen kleinen Brosamen von 60 Mille haben wir uns redlich verdient. Jawohl: redlich. Ehrlich. „Konservative Anlagestrategien und die gute Konjunktur machen Bundesbürger zu Gewinnern“. So sieht es aus: gute Konjunktur durch ehrliche Arbeit, und dann kein Gezocke, sondern solide gespart. „Deutsche sind weltweites Vorbild im Sparen“ (Stern). Gute Arbeit, solides Sparen – so ist es vorbildlich.

Reich sein – warum eigentlich nicht? Nichts dagegen zu sagen. Aber bitte: mit Anstand! Dagegen dieser jüdische Milchmann. „Wenn ich einmal reich wär“ träumt er, logisch: „alle Tage wäre ich ein reicher Mann!“ Und dann?! „Brauchte nicht zur Arbeit“ – ja, so stellt der sich das vor! Und das Schönste – Unsereins kommt auf so etwas doch gar nicht: „Die allerhöchsten Herren bitten mich um meinen Rat, und sie würden mich bewundern wie einst König Salomon.“

Unglaublich! Ich sage ja immer: „Reich sein – warum eigentlich nicht?“ Aber ich sage auch: „Immer sauber bleiben!“ Vielleicht so wie die Hamburger Millionäre; das sind ehrbare Kaufleute. Oder wie der Oskar; der ist auch reich, aber links. Reich sein ist okay, so lange ein Milchmann nicht bewundert wird wie einst König Salomon. Das brächte nämlich die gottgewollte Ordnung durcheinander. Das taugt nichts. Reich reicht doch.

 

Werner Jurga, 18.09.2011